Es gibt in Europa keine Bereitschaft sich des Krieges von 1914 gemeinsam zu erinnern. Christopher Clark

„Homosexuelle können Kinder adoptieren“

Die klassische Familie hat keinesfalls ausgedient, so Bundesfamilienministerin Kristina Schröder im Gespräch mit The European. Andere Lebensformen gewinnen aber immer mehr an Bedeutung. Darauf muss sich moderne Familienpolitik einstellen: mit Angeboten an Alleinerziehende, homosexuelle Paare und Patchworkfamilien.

The European: Vom klassischen Familienbild – Vater, Mutter, zwei Kinder – hin zu einer Politik mit Herz für alleinerziehende Mütter und Patchworkfamilien. Familie, sagen einige, sei da, wo Kinder sind. Teilen Sie diese Auffassung?
Schröder: Eines ist doch klar: Das Verständnis von Familie passt sich den gelebten Wirklichkeiten an. Dabei verlieren die “klassischen” Familienformen keinesfalls an Bedeutung. Die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, nämlich gut 95 Prozent, stellt sich unter einer Familie nach wie vor verheiratete Eltern mit Kindern vor. Aber auch unverheiratete Eltern mit Kindern oder Alleinerziehende werden von den meisten Menschen als Familie begriffen. Für knapp 15 Prozent gilt das auch für gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern. Familie wird also vor allem mit Kindern in Verbindung gebracht. Familie ist für mich – und das sagt ja auch das Verfassungsgericht so – eine umfassende Gemeinschaft von Eltern und Kindern. Was mir dabei sehr wichtig ist: Mein Ziel von Familienpolitik ist es, dass Männer und Frauen ihr selbst gewähltes Modell von Familie verwirklichen können. Moderne Familienpolitik hilft den Menschen, so zu leben, wie sie leben wollen – und schreibt ihnen nicht vor, wie sie leben sollen. Die Organisation der eigenen Familie – das soll jeder für sich entscheiden.

The European: Können Sie sich vorstellen, dass Sie mit dieser Politik Stammwähler der Union verprellen? Ist die konservative Bastion Familienpolitik gefallen? Und wie sieht das neue Familienbild der CDU aus?
Schröder: Familie und Ehe sind noch immer das zentrale Fundament unserer Gesellschaft. Andere Familienformen sind nicht neu, sie werden nur heute häufiger und offener gelebt als früher. Und das wird von der großen Mehrheit der Bevölkerung – wie auch der Unionswähler – absolut akzeptiert. Die CDU verfolgt deshalb eine Familienpolitik, die sich zum Ziel setzt, die grundlegenden Werte für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu bewahren. Was ich nicht machen werde, ist, ein bestimmtes Leitbild vorzugeben, wie eine Familie aufgebaut und organisiert sein muss. Ich werde nicht sagen: Der Mann soll arbeiten, die Frau soll zu Hause bleiben, und die Kinder müssen bis zur Grundschule bei der Mutter bleiben. Ich werde aber auch nicht den Weg gehen, die sogenannte klassische Hausfrau schlecht zu machen oder den Leuten gar vorschreiben, dass sie ihre Kinder in eine Kita geben müssen. Es gibt verschiedene Formen des Zusammenlebens und der Organisation von Familie, und die sollten wir alle respektieren. Und: Das gilt natürlich auch für homosexuelle Paare. Viele in der Union sehen das übrigens ganz genauso, da findet ein Bewusstseinswandel statt. Ich freue mich, dass es eine LSU gibt – Lesben und Schwule in der Union. Die meisten von ihnen verstehen sich selbst als konservativ. Schließlich können auch in einer homosexuellen Partnerschaft konservative Werte gelebt werden.

“Natürlich können sich homosexuelle Paare genauso liebevoll um Kinder kümmern.”

The European: Kann die CDU weitere Angebote für homosexuelle Paare machen? Zum Beispiel beim Adoptionsrecht?
Schröder: Schon heute können homosexuelle Einzelpersonen nach geltendem Recht Kinder adoptieren. Das einzig Entscheidende ist dabei das Kindeswohl. Natürlich können sich homosexuelle Paare genauso liebevoll um Kinder kümmern. Es gibt nur eine einzige Sache, die sie naturgemäß nicht bieten können – nämlich Verschiedengeschlechtlichkeit. Wir wissen aber, dass es für die Entwicklung eines Kindes wichtig ist, mit beiden Geschlechtern aufzuwachsen – deshalb setze ich mich ja auch dafür ein, dass wir mehr männliche Erzieher in Kitas haben. Es ist nach meiner Überzeugung daher das Beste, wenn Kinder beide Geschlechter in der Elternrolle erleben. In der Praxis bedeutet das, dass heterosexuelle Paare bei der Adoption gegenüber Homosexuellen – wie auch gegenüber Alleinerziehenden – bevorzugt werden.

The European: Wie würden Sie den Begriff konservativ generell, also über den familienpolitischen Bereich hinaus, definieren?
Schröder: Konservativ ist für mich, die für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft grundlegenden Werte zu bewahren. Konservativ ist, die nur weltanschaulich begründbaren Werte der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen zu überlassen. Und konservativ ist die Fähigkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Deshalb ist das Bemühen um die richtige Balance zwischen Verantwortung und Freiheit essenzieller Bestandteil des Selbstverständnisses von CDU und CSU. Sich darüber innerparteilich immer wieder neu zu verständigen erfordert Vermittlungsfähigkeit und Dialogbereitschaft. Insofern stärken nicht immer diejenigen das konservative Profil der Union, die das am lautesten von sich behaupten.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Malte Welding: „Kinderkriegen wird zur Privatsache gemacht“

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