Sarrazin ist ein unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose Andrea Nahles

„Alle Doktoranden müssen gleich behandelt werden“

Wurden aus den Plagiaten in Doktorarbeiten genügend Konsequenzen gezogen? Krista Sager ist die Sprecherin für Wissenschaftspolitik der Grünen. Im Interview mit Sebastian Pfeffer spricht sie über den Zustand der Wissenschaften, Widerstände in den Hochschulen und die falsche deutsche Ehrfurcht vor dem Doktorgrad.

The European: Frau Sager, hat der deutsche Doktortitel ein Problem?
Sager: Teilweise wird mit dem Doktorgrad gesellschaftlich Schindluder getrieben, ja. Es gibt eine bestimmte deutsche Kultur, die dem Vorschub leistet.

The European: Welche ist das?
Sager: Der Doktorgrad wird von manchen wie ein bürgerlicher Adelstitel geführt. Der Doktor ist ja weder ein Titel noch ein Namensbestandteil, wird aber so behandelt. Oft wird so getan, als ob mit dem Dr. nicht nur eine wissenschaftliche Qualifikation nachgewiesen wurde, sondern daraus sich auch eine besondere Würdenstellung in der Gesellschaft ergibt. Das kann schwache Seelen verführen.

The European: Würde es helfen, reine Karrieristen stärker aus dem Promotionsverfahren zu sieben?
Sager: Nein, wie soll das gehen? Sie können natürlich nicht zweierlei Maß anlegen. Alle Doktoranden müssen gleich behandelt werden, egal, ob sie in die Wissenschaft wollen oder nicht. Wir sollten aber von der falschen Ehrfurcht abkommen. Der Doktor ist eben kein bürgerlicher Adelstitel. Deshalb haben wir als Grüne auch beantragt, dass er nicht mehr in den Personalausweis oder Pass eingetragen werden soll. Alleine schon weil die Ausweisstellen überhaupt nicht überprüfen können, ob es sich dabei zum Beispiel um einen im Ausland erworbenen Titel handelt, der vielleicht völlig anderen Ansprüchen unterliegt …

The European: … und zum Beispiel gekauft ist.
Sager: Auch das gibt es.

The European: Was glauben Sie, wie groß das Ausmaß des Betrugs in der Wissenschaft ist?
Sager: Ich wäre sehr vorsichtig mit der Aussage, dass es sich dabei um ein weit verbreitetes Phänomen handelt. Wir haben in Deutschland jetzt natürlich einige sehr prominente Fälle gehabt. Es ist aber gerade das Verdienst von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich auf Plagiate spezialisiert haben, dass auch zahlreiche nicht-prominente Fälle aufgedeckt wurden. Die deutsche Wissenschaft und die deutsche Promotion haben im In- und Ausland einen sehr guten Ruf. Das ist ein guter Indikator dafür, dass Betrug kein Massenphänomen ist, sondern die Promotion mit fundierter wissenschaftlicher Arbeit und Fähigkeit einhergeht.

„Eine Art der Intimität, die blind macht“

The European: Hat die Zunft auf die Plagiatsfälle denn angemessen reagiert?
Sager: Die Wissenschaftsorganisationen standen unter einem massiven Druck ihrer Mitglieder, sich gegen die Bagatellisierung von Plagiatsfällen zur Wehr zu setzen. Vor allem junge Nachwuchswissenschaftler waren diesbezüglich sehr engagiert. Wenn man bedenkt, dass sich eine ehrliche Promotion durchschnittlich vier bis sieben Jahre hinzieht – teilweise unter ganz traurigen finanziellen Bedingungen –, dann ahnt man, wie groß der Ärger über Betrüger ist. Das Problem ist, dass die wenigen Ausnahmen viel Schaden anrichten. Die Prüferinnen und Prüfer brauchen deshalb mehr Unterstützung, um die Wissenschaft vor schwarzen Schafen zu schützen.

The European: Wie könnte solch eine Unterstützung aussehen?
Sager: Hier wären zum Beispiel Beratungsstellen denkbar, in denen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich auf Plagiatsfindung spezialisiert haben, als Ansprechpartner fungieren. Diese Arbeit können nämlich Softwareprogramme nur sehr begrenzt übernehmen. Stilbrüche – einer der sichersten Anhaltspunkte – erkennen nur Menschen.

The European: Ist überhaupt klar genug geregelt, wann eine Arbeit ein Plagiat ist?
Sager: Im Großen und Ganzen ja. Dort, wo die Täuschungsabsicht offensichtlich ist, wie das bei zu Guttenberg der Fall war, ist die Bewertungsgrundlage eindeutig. Die Zunft muss sich aber noch einmal genauer der Frage stellen, wie Grenzfälle zu behandeln sind. Einerseits was die handwerkliche Korrektheit von Zitaten, Paraphrasen und Quellenangaben angeht. Andererseits, was die Unterscheidung zwischen Schludrigkeit und Täuschungsabsicht betrifft. Für die Aberkennung des Doktorgrades ist ja die Täuschungsabsicht ausschlaggebend. Es gibt diesbezüglich einen Bedarf, Dinge zu schärfen.

The European: Das heißt, dass die Prüfung bislang unzureichend ist?
Sager: Wir haben in Deutschland sowohl bei der Bewertung der Promotion als auch bei der Frage, wie man einem Täuschungsverdacht nachgehen sollte, völlig unterschiedliche Verfahren. Die großen Organisationen wie die Hochschulrektorenkonferenz, der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft müssten sich für einheitliche Verfahrensstandards einsetzen, die sich aus best-practise ergeben.

The European: Was ist das Problem an den aktuellen Verfahren?
Sager: Es kann nicht sein, dass in der einen Universität von der Betreuung über die Bewertung bis hin zur Prüfung und Überprüfung von Verdachtsfällen alles fakultätsintern läuft und an einer anderen Universität zwei externe Gutachter standardmäßig hinzugezogen werden. Das liegt viel zu weit auseinander.

The European: Beginnen die Probleme nicht schon beim Auswahlverfahren? Der typische Weg zur Promotion ist doch der: Seminar bei einem Professor, Hilfswissenschaftler bei diesem Professor, Angebot einer Promotion bei diesem Professor, Betreuung und Prüfung durch diesen Professor.
Sager: Ja. Wir haben in den Fakultäten oft noch so etwas wie ein Meister-Schüler-Verhältnis. Das kann eine Art der Intimität schaffen, die blind macht. Die Universitäten übernehmen da nicht immer genug Verantwortung. Was wir brauchen, sind transparente Zulassungsverfahren, die darüber entscheiden, wer als Doktorand zugelassen wird und wer nicht. Alleine, damit es sich dabei wirklich um eine Auslese der Besten handelt. Wir brauchen klare Betreuungsvereinbarungen, in denen gegenseitige Pflichten und Rechte definiert werden. Und wir brauchen einen einheitlichen Doktorandenstatus, schon damit die Universität weiß, welcher Professor wie viele Doktoranden wann betreut.

„Wenn zu Guttenberg in München statt in Bayreuth promoviert hätte, hätte er sich strafbar gemacht“

The European: Liegt ein Übel auch darin, dass eine hohe Zahl von Doktoranden für Professorinnen und Professoren gleichbedeutend mit viel Macht ist?
Sager: Zumindest hat die schlechte Grundausstattung unserer Universitäten zur Folge, dass sehr viele Tätigkeiten in der Lehre und Forschung von Doktoranden übernommen werden. Die halten oft tatsächlich den Hauptbetrieb aufrecht. Das führt einerseits dazu, dass Promovierende kaum Zeit für ihre Doktorarbeit haben – ein Punkt, der unbedingt in den Betreuungsvereinbarungen geregelt werden müsste. Andererseits besteht für Professoren der falsche Anreiz, z.B. mehr Doktoranden für Drittmittelprojekte einzuspannen als realistischerweise tatsächlich gut betreut werden können. Die Berücksichtigung der Doktorandenbetreuung bei der leistungsbezogenen Besoldung sollte sich nicht nur nach der Zahl der erfolgreichen Promotionen richten.

The European: Ist es in diesem Kontext nicht verwunderlich, dass die Bestnote bei Doktorarbeiten heute fast Standard ist?
Sager: Auch das ist je nach Universität unterschiedlich. Die Bewertungen sind zum Teil abenteuerlich undifferenziert. Es gibt Unis, die das gesamte Spektrum von „summa cum laude“ bis „rite“ nutzen und es gibt solche, die mit höchstens zwei Varianten auskommen.

The European: Hat die Politik ausreichend auf die prominenten Plagiatsfälle reagiert?
Sager: Zuerst gab es vor allem im Regierungslager eine ablehnende Haltung, sich damit zu beschäftigen. Der Opposition wurde vorgehalten, sie wolle aus dem Skandal um zu Guttenberg lediglich politische Vorteile für sich ziehen. Dann hat es aber nicht lange gedauert, bis auch aus der Regierungskoalition Kolleginnen und Kollegen gesagt haben: „Wir müssen uns mit der Thematik ernsthaft befassen.“

The European: Sind denn konkrete Änderungen passiert oder in Sicht?
Sager: In vielen Punkten sind sich die Fachpolitiker der verschiedenen Parteien inzwischen einig. Was aber die Einführung von einheitlichen Standards bei den Verfahren angeht, müssen die Universitäten handeln, da gibt es zum Teil erhebliche Widerstände.

The European: Ein Beispiel?
Sager: An manchen Universitäten müssen selbst Studierende bei ihrer Abschlussprüfung eine eidesstattliche Erklärung darüber abgeben, dass sie die Arbeit selbstständig verfasst und alle Quellen korrekt angegeben hat. Betrügen sie dann, machen sie sich strafbar. An anderen Unis müssen Promovierende nur eine Ehrenerklärung abgeben, die keine juristischen Konsequenzen hat. Wenn zu Guttenberg in München statt in Bayreuth promoviert hätte, hätte er sich strafbar gemacht! Solche Unterschiede in einem Land, das ist schon ziemlich absurd.

„Viele Rituale, bei denen man sich in radikalen Forderungen schnell überbietet“

The European: Ähnliches gilt für den Umgang mit Verdachtsfällen, oder?
Sager: Ja. Das Prüfungsverfahren wiederum, das sich in Bayreuth mit der Promotion von zu Guttenberg befasste, war sehr professionell: mit externen Gutachtern, transparent, zügig und klar. Das aktuelle Verfahren in Düsseldorf, das gerade die Arbeit von Forschungsministerin Schavan prüft, läuft dagegen nach dem Motto: „Ich stricke meine Verfahrensregeln zu Hause am Küchentisch.“ Dabei ist die Prüfung einer Doktorarbeit ein Verwaltungsakt, der im Nachhinein auch klagefest sein muss. Meiner Ansicht nach mangelt es hier an institutioneller Verantwortung.

The European: Also macht doch weiter jede Universität, wie sie gut dünkt. Ist das die Lehre aus den Plagiatsfällen?
Sager: Das System ist durchaus lernfähig, allerdings dauert dieser Prozess an manchen Orten länger als an anderen. Es gab vor einigen Jahren gravierende Fälle von Datenfälschung in wissenschaftlichen Arbeiten. Darauf haben die Universitäten schlussendlich auch flächendeckend reagiert und Selbstkontrollgremien eingerichtet.

The European: Müsste die Politik mehr tun?
Sager: Die Politik kann im Grunde nur als Dialogpartner darauf drängen, dass Verfahren vereinheitlicht werden. Letztlich müssen die Institutionen aber selbst handeln. Das kann die Politik nicht und das wäre auch falsch.

The European: Wir haben über die Bedeutung eines Doktortitels für die Karriere gesprochen. Haben Sie nach Ihrem Studium einmal über eine Promotion nachgedacht?
Sager: Ja, durchaus, ich hatte sogar ein Auslandsstipendium. Ich habe aber zum Glück schnell genug gemerkt, dass meine Sache die Politik ist. Ich wusste, dass ich eine Promotion nicht für die Wissenschaft nutzen würde und habe deshalb beschlossen, nicht derart viel Zeit dafür zu investieren und lieber zur Sicherheit mein zweites Staatsexamen gemacht.

The European: Hätte der Titel nicht auch Ihrer politischen Karriere nutzen können?
Sager: Ich denke nicht. Die Grünen sind keine Partei, in der alle vor Ehrfurcht erzittern, weil jemand einen Doktorgrad hat – erst recht nicht vor 30 Jahren. Das gehörte nicht zum Selbstbild dazu. Ich finde es aber lustig, dass es heute zunehmend junge Kollegen in der Partei gibt, die ihren Doktor durchaus auf Wahlplakate schreiben.

The European: Nun steht, wie erwähnt, inzwischen ja sogar die Forschungsministerin Annette Schavan unter Plagiatsverdacht. Wie sehr schadet das der Wissenschaft?
Sager: Zuerst einmal: Es geht bei Frau Schavan um ein laufendes Verfahren. Es gibt in der Politik heute viele Rituale, bei denen man sich in radikalen Forderungen schnell überbietet. Ich denke aber nicht, dass es die Aufgabe von Politikerinnen und Politikern ist, Doktorarbeiten zu bewerten.

The European: Kann man den Plagiatsfällen insgesamt etwas Positives abgewinnen?
Sager: So ein Fall wie zu Guttenberg war so eklatant, dass es einem fast die Schuhe ausgezogen hat. Solche Einzelfälle führen – wie im klassischen Theater – erst zu Erschütterung und dann zur Läuterung. Es war gut, das klar geworden ist: „Du kannst entdeckt werden und du kommst nicht damit durch.“

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