Politische Sprache ist dazu geschaffen, Lügen wahrhaft und Mord respektabel klingen zu lassen. George Orwell

Ich ist ein anderer

In einer gewissen Weise sind wir alle Belle aus dem französischen Märchen “Die Schöne und das Biest”. Wie sie sind wir oft abgestoßen von der Andersheit des Fremden, des Biestes, dessen Unterschiedlichkeit sich in seiner angeblichen Hässlichkeit manifestiert. Aber dazu später. Viel später.

Das Andere als Voraussetzung für das Selbst

Wir haben es tagtäglich mit dem Anderen zu tun. Heute gefühlt mehr denn je. Es begegnet uns in Form von Geflüchteten, anderen Nationalitäten, Kulturen, Natur, Kunst, aber auch in der Liebe. Immer sind wir mit dem Anderen, der Differenz, dem Fremden (das hier nicht vom Anderen unterschieden wir) konfrontiert. Auf Mirko- oder Makroebene, als Individuum oder Nationalstaat. Natürlich auch durch die Globalisierung, die das Andere unweigerlich zu unserem Nachbarn macht.

Die Entwicklungspsychologie besagt, dass es das Andere bedarf, um meine eigene Identität
zu entwickeln. „Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes“, wusste auch schon Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Das Andere ist eine Art negativer Spiegel. Erst durch das Mich-Abgrenzen, durch das Wissen dessen, was ich nicht bin, weiß ich, wer ich bin. Ich ist durch das Andere.

Das Andere als Feind

Doch abgrenzen ist gefährlich. Denken wir zum Beispiel an Carl Schmitt. Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind (dem Anderen in seiner negativsten Form) wird bei Carl Schmitt zum elementaren Bestandteil des Politischen. Durch den Feind findet der Staat seine Identität. Denn der Feind ist „unsere eigene Frage als Gestalt“. Im Kampf gegen ihn werden wir unseren eigenen Grenzen gewahr.

Ich bin Deutscher, weil ich nicht Russe, nicht Franzose, nicht Syrer bin. In seiner perversesten Form zeigt sich das Spiel um die Identität und den Anderen in Nazideutschland. Die Narrative des Ariers und das daraus gewonnen Wir konnte nur so stark wie sein Widerbild sein. Das Andere, der Feind, der Jude.

Kann es aber keine Menschheitsidentität geben, kein Miteinander aller?, fragt der Utopist, der noch immer den Abertausend Jahre alten Traum von Weltstaat träumt. Vielleicht, wenn wir einem großen Anderen entgegenstehen? In einem Krieg der Welten? Wie in Independence Day, Mars Attacks, Starship Troopers, wo sich das große Andere in ein grünes Kostüm wirft?
Aber nicht nur im Politischen holt uns das Problem des Anderen ein. Neben Hegel ist es beispielsweise auch Jean-Paul Sartre, der da sagt, „l’ enfer c’est les autres“ (die Hölle, das sind die Anderen). Der uns zeigt (z. B. in Bei geschlossenen Türen oder Die Eingeschlossenen von Altona), inwieweit das Andere immer wieder unsere eigene Freiheit und Sein streitig macht. Aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen wissen wir alle selbst, wie schwer es sein kann, mit dem Gegenüber umzugehen, es zu akzeptieren oder, wie das Christentum verlangt, es gar wie sich selbst zu lieben.

Das Andere als Faszinosum

Vergessen wir aber nicht, dass uns das Fremde ebenso anzieht wie es uns oftmals abzustoßen scheint. Wir sind gelangweilt von dem ewigen Wiederkäuen, den immer gleichen monotonen Gesprächen auf Diners und Soirées. Wir haben Fremdweh. Wir wollen Neues. Anderes. Das, was uns in der Liebe zu einem anderen Menschen hinzieht. Und uns ebenso wieder von ihm fortstößt, hin zu einem anderen Anderen. Was uns an der Kunst so fasziniert. Am Forschen. Am Reisen. Ja das, was uns zu Abenteurern macht.

Und doch sind die meisten von uns Aventurier auf Zeit beziehungsweise auf Raum. Denn wenn das Fremde uns zu fremd wird, wird es uns unheimlich. Am liebsten umzäunen wir das Andere dann mit Stacheldraht, setzen es in ein abgeriegeltes Gehege, um es in sicherer Distanz (sicher für wen?) zu bestaunen. Dann ist der Andere nur noch ein Barbar: der ausländische, fremde, ungebildete, unkultivierte, rohe (vgl. lat. barbarus).

Die Abschaffung des Anderen

Wie geht man also mit dem Anderen um? Brauchen wir das Andere denn wirklich? Können wir es denn nicht einfach beseitigen? In der Tat gibt es in der Gegenwart Tendenzen, die dafürsprechen, dass man im Inbegriff ist, das Andere auszutreiben. Einer der zeitgenössischen Philosophen, der diese „Erosion des Anderen“ am lautesten beanstandet ist Byung-Chul Han.

Es ist die Transparenzgesellschaft, welche die Negativität des Anderen abschafft. Dort, wo gläserne, durchsichtige Wolkenkratzer stehen. Wo Erotik der Pornografie weicht. Wo ein Algorithmus die Liebe errechnet. Wo das Leben durch Glasfasern fließt, und alle von allen Alles wissen. Wo Raum verschwindet und auch in gewisser Weise die Zeit, die in ihrer zunehmenden Geschwindigkeit stillsteht.

Inwieweit Han recht hat, ist debattierbar. Sicher ist, wenn er es hat, dann bleiben nicht nur Narzissmus und Depression, sondern am Ende auch das Verschwinden des Ichs. Auf nationalstaatlicher Ebene bedeutet die Auflösung des Anderen erst einmal Stagnation. Dann, in seiner extremsten Form, die Diktatur, eine Art toter Staat. Die Einheitskleidung Maos, die Gleichschaltungsgesetze und das Verbot der Opposition.

Auf internationaler Ebene bedeutet des Verschwinden des Anderen für die Diktatur jedoch gleichzeitig den eigenen Zusammenfall. Es gibt kein Nordkorea ohne Südkorea, seine Verbündeten und deren Militärmanöver. Aus Angst das Feindbild (und dadurch sich) zu verlieren, malt die Diktatur es sicherheitshalber selbst. Bis zur Paranoia.

Die Diktatur ist dann wie das Nagetier aus Franz Kafkas Der Bau, welches immerzu seinen Erdbau verbessert, umgräbt, ganz manisch, um sich so vor seinem nie gesehenen Feind zu schützen. Manchmal ist dieser Erdbau auch einfach nur ein kilometerlanger Zaun oder eine meterhohe Mauer.

Ich ist ein anderer
Die Auflösung des Anderen ist trotzdem keine Lösung. Aber was dann? Wie gelangen wir vom Ich zum Du? Zu einer Politik der Offenheit? Durch die Erkenntnis der eigenen Differenz. Dass jegliche Identität auch Andersheit in sich trägt. Das ist es, womit sich viele Philosophen und vor allen Dingen die Psychoanalyse im 20. Jahrhundert beschäftig. Sei es Jacques Derrida, Martin Heidegger, Theodor W. Adorno, Gilles Deleuze, Bernhard Waldenfels, Emmanuel Lévinas, Sigmund Freud – um nur wenige zu nennen.

Arthur Rimbaud hat diese Entwicklung schon im 19. Jahrhundert mit seinem berühmten Satz „Je est un autre“ (Ich ist ein anderer) vorweggenommen. Er deutet – entgegen konventioneller Interpretationen – an, dass das Ich immer auch ein Anderer ist. In diesem Fall steht das Ich dem Anderen aber so entgegen, dass sich sein ganzer Seinsmodus verändert. Das äußert sich durch das Verb Sein, das Prädikat, das nicht mehr im Sinne des Ich zu einem bin gebeugt wird, sondern zu einem ist, der dritten Person, dem er oder sie, dem Anderen entgegen.

Wie oft haben wir uns dabei ertappt (oder andere), Gefühle zu verspüren, Gedanken zu haben, Taten zu verüben, die uns völlig fremd waren. Als wären wir nicht wir. Und sind wir nicht, gegeben den Umständen, dem Raum und der Zeit, immer Andere? In unserem Gebaren, mit unseren Worten? Haben wir nicht viele, oft auch gegenläufige, Identitäten in uns?
Keiner von uns ist eins. Alle sind wir anderthalb, halb das andere. Wir haben alle Unbewusstes, Verdrängtes, oder, um es zu polemisieren: Wir sind alle Geflüchtete vor unserer Selbst. Alle sind wir anderswo. Wir sind Albert Camus‘ L’Étrange (Der Fremde) in einem doppelten Sinne: gegenüber dem Anderen außerhalb und innerhalb von uns, bis wir erkennen, dass diese sich gegenseitig bedingen.

Das Andere gegenüber dem Anderen

Erkennen wir erst einmal das „Eigene […] im Anderen“ (Helmut Plessner), lernen wir einerseits dadurch zu akzeptieren, dass es Anderes gibt, geben muss. Andererseits bringt uns diese Feststellung bei, dem Anderen offen gegenüber zu stehen, auf es zuzugehen. Das Andere muss kein Feind sein.

Dass das Andere ganz nahe am Eigenen ist, erkennt selbst Carl Schmitt: „Wen kann ich überhaupt als meinen Feind anerkennen? Offenbar nur den, der mich in Frage stellen kann. Indem ich ihn als Feind anerkenne, erkenne ich an, daß er mich in Frage stellen kann. Und wer kann mich wirklich in Frage stellen? Nur ich mich selbst. Oder mein Bruder. Das ist es. Der Andere ist mein Bruder. Der Andere erweist sich als mein Bruder, und der Bruder erweist sich als mein Feind.“

Doch es ist, wie wir gesehen haben, mehr als der Abel des Kains. Es ist nicht nur Bruder, sondern Zwillingsbruder, nein, mehr noch: Alter Ego. Franz Kafka lässt dies in Der Bau durchschimmern, wenn der Nager sich mit seinem angeblichen Feind identifiziert und ihn plötzlich zu seinem Beschützer verkehrt: „Mir ist dann, als stehe ich nicht vor meinem Haus, sondern vor mir selbst, während ich schlafe, und ich hätte das Glück gleichzeitig tief zu schlafen und dabei mich scharf zu bewachen zu können.“

Das Unheimliche, das uns in Der Bau begegnet, entdecken wir auch bei Freud. Hier ist das Unheimliche die eigene Differenz. Das Unheimliche ist das, was wir einst kannten, was heimlich war, Teil unserer Heimat, und jetzt ins Unbewusste verdrängt wurde. Diese Differenz begleitet uns immerzu, ist Teil unseres Selbst.

Darauf basierend argumentiert Julia Kristeva in ihrem Buch Fremd sind wir uns selbst, dass wir das Fremde nur verstehen können, wenn wir uns selbst analysieren. „Wenn wir unsere Fremdheit erkennen,“ schreibt sie, “werden wir draußen weder unter ihr leiden noch sie genießen. Das Fremde ist in mir, also sind wir alle Fremde. Wenn ich Fremder bin, gibt es keine Fremden.“ Seinen Nachbarn wie sich selbst lieben, heißt also in Wirklichkeit, sein Selbst wie sich selbst lieben.

Erkennen wir, oder besser noch, verinnerlichen wir, dass auch wir eine Einheit im Vielen, eine Identität aus Andersheiten sind, aus Verdrängtem, Vergessenem, Potentiellem, verändert sich auch unsere Haltung gegenüber dem Anderen jenseits unserer Haut. Denn Ich ist viele. Und unsere Identität oft arbiträr.

Wie arbiträr, zeigt sich inter alia in Augenblicken der Trauer. Plötzlich besinnt man sich seinesgleichen. Erst am Grab kommt die Familie wieder zusammen. Erst nach einem Anschlag ist die Nation wieder Nation. Das sind natürliche Vorgänge. Es ist nicht im Geringsten verwerflich, solange wir unsere offene Haltung gegenüber dem Anderen bewahren.
Machen wir das alles an etwas Konkretem fest. Mit Blick auf die Geflüchteten und der Frage nach Integration, Assimilation, Annihilation, Akkomodation, Omegalisation und anderen Ationen könnte man also argumentieren, dass die Bestrebung nicht darin bestehen sollte, die Andersheit auszutreiben. Sie ist ein Teil der Identität.

Die Andersheit im Kontext der Globalität

Außerdem ist nicht zu vergessen, dass das Aufeinandertreffen der Anderen Kultur schafft. Ob West-östliche Divan oder Dekameron, von dem wir manche Geschichten über den Orient bis nach Indien verfolgen können. Dort, wo das Fremde fehlt, herrscht Kulturlosigkeit. So ist die „artige“ Kunst des Dritten Reichs ästhetische Wüste, weil sie nicht „Entartetes“ hat, um sich zu befruchten.

Zudem konfrontiert uns die Vermischung der Andersheiten mit unseren Moralvorstellungen und vermag sie so nachhaltig, zum Besseren zu verändern. Dementsprechend verlor etwa die Tradition des Lotusfußes – das brutale Fußzehenbrechen und -abbinden der chinesischen Frauen aufgrund eines Schönheitsideals – durch westlichen Einfluss seine moralische Legitimation.

Ebenso wurden die Rechte japanischer Frauen durch die Globalisierung und der einhergehenden Begegnung mit dem Anderen nachhaltig verändert. Verändert sich die bestehende Moral durch diesen Prozess jedoch nicht, dann geht sie zumindest gestärkt hervor, da sie sich gegenüber dem Anderen behaupten muss.

Aber nicht nur wir als Individuen, auch der Nationalstaat muss sich seiner eigenen Differenz bewusst sein. Dass er immer ein Bündel an Argumenten und Widersprüchen ist. Deutschland ist nicht Deutschland. Deutschland ist die Deutschländer. Dies ist der erste Schritt hin zu einer anerkennenden Haltung gegenüber dem Anderen.

Unitas in varietate

Eine solche Haltung impliziert auch die unitas in varietate, die Einheit in der Vielheit – oder wie es in Europa heißt: In Vielheit geeint. Unter anderem spielte sie im italienischen Risorgimento ebenso eine Rolle wie in der indischen Unabhängigkeitsbewegung, dem Swaraj. „Unity in diversity“ war das Mantra Jawaharlal Nehrus. Weder will die unitas in varietate das Andere abschaffen, noch macht sie das Andere zum Feind. In Indien versuchte man demgemäß, den lokalen Identitäten Raum zu geben und gleichzeitig eine nationale zu schaffen.

Offensichtlich birgt dies jedoch ein Matrojschka-Problem in sich. Eine Identität ist immer eine Andersheit unter vielen aus dem Blickwinkel einer größeren übergeordneten Identität. Ich bin ich, dann ein Kops (Familie), Schwabinger, Münchner, Bayer, Deutscher, Europäer und Weltbürger. Wie verschiebbar ist doch der Horizont, der mich und den Anderen trennt!

Vielleicht sind die Träume des Utopisten doch nicht so weit hergeträumt, wenn er phantasiert, ein föderaler Weltstaat könnte diese Einheit in der Vielheit auf oberster Ebene gewährleisten.
Aber träumen wir erst einmal den Traum von Europa zu Ende. Eigentlich könnte die Europäische Union in dieser Hinsicht nämlich ein Vorbild sein. Versteht sie erst einmal mit ihrer eigenen Differenz umzugehen, wird diese zu ihrer Stärke. So schrieb Hans-Georg Gadamer – der sich zeitlebens intensiv mit dem Anderen beschäftige – schon vor fast 30 Jahren: „Hier mag es ein besonderer Vorzug Europas sein, daß es mehr als andere Länder hat lernen können und hat lernen müssen, mit anderen zu leben, auch wenn die anderen anders sind.“

Nun aber gut, jetzt – also viel zu spät – sind wir wieder da angekommen, wo wir begonnen haben: bei dem Schönen und dem Biest. Zumindest sind wir nun in der Lage, Belle zu verstehen. Sie ist mit Vorurteilen dem Anderen genübergetreten. Doch mit der Zeit tut sich in ihr eine Seite auf, die sie nicht kannte, eine andere Belle, die das Andere zu lieben lernt. Und schon, Simsalabim, wird das Biest ein Prinz, das Hässliche zum Schönen.

Wenn wir nicht wie Belle lernen, dass Andere, in Form der Natur, des Staates, meines Gegenübers oder was auch immer, zumindest zu akzeptieren (wir müssen es ja nicht gleich lieben), bedeutet es unseren sicheren Niedergang. Um deshalb abschließend noch einmal mit Gadamer zu sprechen: „So mag es nicht zu gewagt sein, als letzte politische Konsequenz aus unseren Überlegungen zu sagen, daß wir vielleicht als Menschheit überleben werden, wenn es uns gelingen sollte zu lernen, […] daß wir so das Andere und die Anderen zu erfahren haben als die Anderen unserer Selbst, um einander teilzugewinnen.“

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von Stefan Groß
15.04.2017
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