Ich denke, dass Menschen mit hohen Einkommen, so wie ich, deutlich mehr Steuern zahlen sollen. Warren Buffet

Die Grundrechte gelten in der realen und der virtuellen Welt

Von wegen Anarchie. Verbrechen, die via Netz begangen werden, haben eine hohe Aufklärungsquote. Statt Law-&-Order-Rhetorik vom rechtsfreien Raum brauchen wir den digitalen Schutz von Bürgerrechten.

Der Begriff Anarchie stammt aus dem Altgriechischen und wird laut Wikipedia am ehesten mit „Herrschaftslosigkeit“ übersetzt. Einen Zustand der Herrschaftslosigkeit im Netz zu postulieren, war bisher das Alleinstellungsmerkmal von – meist konservativen – Politikerinnen und Politikern, die damit offenbarten, wie wenig sie sich bislang mit dem Netz als elementarem Bestandteil unserer modernen Informationsgesellschaft beschäftigt haben. In diesem Zusammenhang wurde oftmals die – an Unterkomplexität kaum zu überbietende – Phrase vom Internet als „rechtsfreier Raum“ gedroschen.

Von wegen Anarchie

Die Mär vom „rechtsfreien Raum Internet“ ist nicht nur abgedroschen, sondern längst widerlegt. So weisen Straftaten, die mit dem „Tatmittel Internet“ (Bezeichnung in der jährlichen „Polizeilichen Kriminalitätsstatistik“, kurz PKS) begangen werden, regelmäßig eine weitaus höhere Aufklärungsquote auf, als dies bei anderen Straftaten der Fall ist – übrigens völlig unabhängig von der Möglichkeit der Strafverfolgungsbehörden, auf gespeicherte Vorratsdaten zurückgreifen zu können oder nicht.

Unabhängig von dieser Gegenüberstellung haben sich die immer wieder bemühten Digital-Analog-Vergleiche regelmäßig als wenig zielführend erwiesen. So sprechen wir auch nicht von einem „Tatmittel Telefon“, dem „Tatmittel Brief“ oder dem „Tatmittel Schienennetz“, wenn wir andere Kommunikationsnetze oder Infrastrukturen erwähnen – auch wenn mit deren Zuhilfenahme zweifellos ebenfalls Straftaten begangen werden.

Bleibt die Frage: Warum trifft man trotz des Umstandes, dass Straftaten mit Bezug zum Internet heute effektiv aufgeklärt werden, weiterhin auf die Annahme, dass „Anarchie im Netz“ vorherrsche? Fehlt es schlicht an der Kenntnis des Umstands, dass das Internet, wie wir es heute kennen, durch Staaten, durch nationale und internationale Regulierungsbehörden, durch NGOs sowie durch staatliche und zivilgesellschaftliche Internet-Governance-Strukturen auf vielfältige Weise reguliert wird?

Reale und virtuelle Welt sind untrennbar

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass konservative und auch so mancher sozialdemokratische Law-&-Order-Politiker die eigene politische Agenda – die schon immer in der Offlinewelt durchgesetzt werden sollte – nun in der Onlinewelt durchsetzen will? Eine solche Trennung zwischen „realer“ und „virtueller“ Welt ist heute jedoch überhaupt nicht mehr möglich. Wir sind ständig und überall online. Vor diesem Hintergrund ist die These, in der „virtuellen“ Welt müsse man doch bezüglich des Grundrechtsschutzes „fünf auch mal gerade sein lassen“, brandgefährlich.

Denn gerade weil das Internet kein Raum der Anarchie ist, gelten auch hier die Bürgerrechte in vollem Umfang. Die Totalüberwachung des Kommunikationsverhaltens eines Menschen im Netz ist heute die totale Überwachung seines Lebens, die mit unserer Verfassung schlicht nicht in Einklang zu bringen ist. Einer solchen Überwachung müssen sich all diejenigen, die sich dem Schutz unserer, über Jahrhunderte erkämpften, elementaren Bürgerrechte verpflichtet fühlen, entschieden entgegenstellen und entsprechenden Ansinnen eine klare Absage erteilen – im Realen genauso wie im Virtuellen!

Wir müssen uns auch verstärkt mit der Frage auseinandersetzen, wie wir mit den bestehenden gesetzlichen Regelungen den Freiheitsraum, den unsere Bürger- und Menschenrechte garantieren, auch im Internet gewährleisten, ob nun bei der anonymen Kommunikation, der Weiterentwicklung eines überholten Urheberrechts oder der Stärkung der digitalen Verbraucherrechte.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 30.11.2011 - 20:24

    Ein sehr wichtiger und toller Beitrag.

    Ich selbst musste leider 4 Leute im Internet anzeigen, davon wurden verurteilt zwei wegen Rechts radikalen Äußerungen und einer wegen dem Aufruf zu Linksradikaler Gewaltaktion. Letztlich lümmelt dieser Hohl Hirn Apparat der sogenannten Demokratie wegen der Fehlentwicklung Ihrer eigenen Kid`s so herum und kostet den Steuerzahler mehrere Millionen.

    Armes Deutschland

Aus der Debatte

Regulierung und Anarchie im Internet

Der Streit um ACTA

Ccby_martin_krolikowski

Das Internet rüttelt an demokratischen Strukturen – und kann dabei helfen, sie zur Geltung zu bringen. Die Politik sollte die Proteste gegen ACTA ernst nehmen – drei Gründe sprechen gegen das Abkommen.

Heckmann
von Dirk Heckmann
06.03.2012

Freiheit und das Internet

Photocaset7icl9zb53172931 4

Das Internet und all seine Vorzüge sind aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken. Politiker müssen das Netz und die dadurch verwirklichte Freiheit verstehen und nicht versuchen, das Rad zurückzudrehen.

Tauber_peter
von Peter Tauber
02.02.2012

Verantwortung im Internet

Blaise_alleyne_ccby 2

Das Internet offenbart großartige Chancen für den Einzelnen, die Gesellschaft und die Wirtschaft unseres Landes. Wir brauchen im Internet so viel Sicherheit wie nötig, um so viel Freiheit wie möglich zu wahren.

Kretschmer
von Michael Kretschmer
02.12.2011

Mehr zum Thema: Internet, Anarchie, Freiheit

Debatte

Juristische Betrachtung des Shitstorms

V_gel_twitter

Juristische Betrachtung des Shitstorms

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Auch wenn die Masse beim Shitstorm scheinbar schützt, drohen juristische Konsequenzen. Der Persönlichkeitsschutz muss ernst genommen werden. weiterlesen

Heckmann
von Dirk Heckmann
22.05.2012

Kolumne

Sch_tze
von Richard Schütze
21.05.2012

Kolumne

Dsc_0372
von Lars Mensel
10.05.2012
meistgelesen / meistkommentiert