Wir haben den Sieg über den Kalten Krieg errungen. Angela Merkel

Apocalypse now?

Es gab viele „Apokalypsen“ während der vergangenen hundert Jahre. Warum beschwören wir Katastrophen immer wieder als Untergang?

Die Krise in der Ukraine verleiht dem Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren unerwartete Aktualität. Besteht die Gefahr, dass die Mechanismen von Aktion und Reaktion, gepaart mit mangelnder Kommunikation und Kompromissbereitschaft, das mittlerweile überwiegend friedliche Europa erneut an den Rand des Abgrunds führen?

Nietzsches Erben

„Niemals war eine Zeit von solchem Entsetzen geschüttelt, von solchem Todesgrauen.“ Dies scheint nun aber doch eine etwas übertriebene Charakterisierung der gegenwärtigen Stimmungslage zu sein. Sie stammt auch nicht aus unserer Zeit, sondern aus der vor dem Ersten Weltkrieg. Ihr Autor, der Schriftsteller und Kritiker Hermann Bahr, hatte überdies mit seiner Diagnose weit mehr im Blick als die Möglichkeit eines Krieges, nämlich den zivilisatorischen Niedergang. Er folgte Nietzsches Diagnose, der schon zwanzig Jahre zuvor behauptet hatte, „unsere ganze europäische Cultur“ bewege sich „auf eine Katastrophe los“. Viele Zeitgenossen Bahrs, Künstler und Schriftsteller, beschworen vor 1914 Krieg und Untergang in ihren Werken, beschworen die Apokalypse.

Symptomatisch sind die zahlreichen „Apokalyptischen Landschaften“ und „Apokalyptische Visionen“, die Ludwig Meidner 1912 und 1913 malte; sie zeigen verwüstete Stadtlandschaften mit einstürzenden Häusern, aufgerissene Erde, Explosionen und Brände, fliehende und tote Menschen.

„Apokalypse“ ist der Begriff, der heute wie vor hundert Jahren mehr umfasst als kriegerische Zerstörung. „Apokalypse“ meint den Untergang, Tod und Vernichtung in großem Maßstab. Ja, es schwingt bei diesem Begriff sogar die Assoziation an einen totalen und endgültigen Untergang der Welt und unserer Zivilisation mit, in Erinnerung an die Untergangsprophezeiungen der Offenbarung des Johannes, die den Begriff bereitgestellt hat.

Die Beschwörung der Apokalypse

Auch in unserer Zeit greift man gern auf die „Apokalypse“ als Deutungsmuster zurück, ganz aktuell während der Krise in der Ukraine. Nachdem in Kiew über hundert Menschen zu Tode gekommen waren, titelte die „Süddeutsche Zeitung“: „Überall ist Wasser, überall ist Feuer – und überall sind Blut und Tränen: Kiew sieht apokalyptisch aus“. Noch auffälliger war die Verwendung des ominösen Begriffs, als vor drei Jahren in Japan die Erde bebte, ein Tsunami Städte und Dörfer verwüstete, Tausende in den Tod riss, und ein GAU im Atomkraftwerk Fukushima Erde, Wasser und Luft verseuchte. Die Apokalypse war in aller Munde. Politiker gebrauchten den Begriff, von der Bundeskanzlerin bis zum bayerischen Ministerpräsidenten, ebenso die Presseorgane, vom „Spiegel“ bis zur „Bild“-Zeitung.

Die Beschwörung der Apokalypse vor drei Jahren gibt Anlass, von der Fixierung auf die Parallelen zwischen 1914 und 2014 einmal abzusehen. Es gab nämlich viele „Apokalypsen“ während der vergangenen hundert Jahre: verlorener Krieg 1918, Inflation 1923, Weltwirtschaftskrise 1929, Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Hiroshima, atomare Aufrüstung in den Fünfzigerjahren, Nachrüstung in den Achtzigerjahren, Tschernobyl 1986, 9/11 2001, Umweltzerstörung und drohender Klimawandel – und all dies begleitet von zahlreichen apokalyptischen Romanen, Theaterstücken und Filmen, von Bernhard Kellermanns „Der 9. November“ über Günter Grass’ „Die Rättin“ bis zu den Katastrophenfilmen von Roland Emmerich.

Die Lust am Untergang

Warum aber ist immer wieder „Apokalypse“ der Generaltitel für die Katastrophen? Die zu Zeiten geradezu obsessive Beschäftigung der Künste mit Tod und Untergang verweist auf einen der möglichen Gründe: Die ästhetische Vergegenwärtigung der Katastrophe kann Lust erzeugen – insofern man selbst nicht betroffen ist. Die Sensationslust, die Lust am Untergang, die beim unbeteiligten Zuschauer angenehmes Grauen hervorruft, spielt zweifellos in vielen Fällen eine Rolle. Die Distanz, die erforderlich ist, um Vergnügen an der Katastrophe zu empfinden, verweist jedoch noch auf einen seriöseren Grund für die häufigen Beschwörungen der Apokalypse.

Diese können nämlich auch wie ein Antidot wirken. Mit der Verwendung des Begriffs „Apokalypse“ findet eine Einordnung und damit fast so etwas wie Bewältigung statt. Der EU-Energiekommissar Günther Oettinger z. B. meinte im März 2011, für die Ereignisse in Japan sei Apokalypse „durchaus ein angebrachter Begriff“. Indem das Entsetzliche auf den Begriff gebracht wird, ist es zugleich dingfest gemacht und distanziert.

Vom Willen beseelt, den Frieden zu retten

Die verbale Beschwörung der Apokalypse ist „katechontisch“, d. h. sie hat die Funktion, den Untergang aufzuhalten, aufzuschieben, auf Distanz zu bringen. Die Katechontik der Apokalypse hat psychologische Wirkung, kann sich aber auch real auswirken. Nachdem 2011 so viele Politiker, allen voran Angela Merkel, die Apokalypse des atomaren Super-GAUs beschworen hatten, wurde in Deutschland der Atomausstieg beschlossen. Wahrscheinlich gehört es zur „europäischen Cultur“, Untergänge zu beschwören, um sie dann doch zu überwinden. Vielleicht neigen die Deutschen sogar noch stärker zur Katechontik der Apokalypse als andere Europäer.

„Ein Strom, der ans Ende will“ (Nietzsche 1887); „die ‚Zivilisation‘ trägt die Züge entfesselter Mordsucht“ (Ludwig Klages 1913); „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler 1918); „Zerfall der Werte“ (Hermann Broch 1932); „Apokalypsegefahr“ und „Möglichkeit unserer Selbstauslöschung“ (Günther Anders 1959); und dann die Erwartungen des Weltuntergangs in den Achtzigerjahren, zur Jahrtausendwende und 2012 aufgrund eines Maya-Kalenders. Vielleicht neigen wir Deutsche in jüngerer Zeit deshalb stärker zur Katechontik der Apokalypse, weil wir im 20. Jahrhundert mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust die schrecklichsten Katastrophen produziert haben.

Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl, als wir darauf verzichteten, Kopfsalat zu essen, unterstellten uns die Franzosen in der Zeitschrift „Documents“, wir seien auf Untergänge fixiert, zugleich aber von dem Willen beseelt, auf einen Schlag den Frieden und die Natur zu retten.

Dieser Kommentar erschien zuerst auf dem Europa-Spezial des The European.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Michael Pauen, Holger Rust.

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