Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

Bürger-Protest

Bei der Bundestagswahl könnte der Protest bürgerlich statt piratisch ausfallen. Die AfD hat aus mehreren Gründen gute Chancen, die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken.

Im Grunde schreit der Zeitgeist geradezu nach einer „‚Alternative für Deutschland“. Nach einer Partei, die als Alternative zur EU, zum Euro gilt: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist – nach Zypern wieder verstärkt – über die Euro-Krise besorgt. Fast 90 Prozent fordern einen höheren Beitrag der Schuldenländer. 46 Prozent der Deutschen glauben laut Emnid, uns würde es ohne Europäische Union besser gehen, fast ebenso viele wollen zurück zur DM. 50 Prozent machen sich über die Stabilität des Euro Sorgen – und fast 70 Prozent sind erzürnt, dass Deutschland, vor allem die Kanzlerin, trotz der geleisteten finanziellen Unterstützung von den Nehmernationen beschimpft wird.

Der Nährboden ist also gelegt – und dennoch wählen nach dem Wirbel um ihren Gründungsparteitag nur zwei bis drei Prozent die Anti-Euro-Partei ‚Alternative für Deutschland‘. Obwohl die Neuen bürgerlich daherkommen, voll von professionellem Wissen sind – und nicht klamaukartig, sondern engagiert ihre Sache vertreten.

Merkel unangefochten

Schon seltsam: Trotz Kritik und Sorge gibt es in Deutschland keine lauthalsen Proteste, keinen Aufruhr, kaum intensive Kritik am Euro-Kurs der Regierung, bislang nur wenige Wähler der AfD. Warum?

Erstens: Weil es uns gut geht! Während um uns herum viele EU-Nationen wenig Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und überbordende Schulden aufweisen, ist Deutschland das Wirtschaftswunderland – sogar an der Lohnfront tut sich nach starren Jahren wieder Hochprozentiges.

Zweitens und wichtiger: Eine große Mehrheit stellt der Kanzlerin ein gutes Zeugnis für Krisenmanagement aus, obwohl – und das ist entscheidend – 81 Prozent keinerlei Vorstellungen davon haben, wie die Euro-Krise für Deutschland zu meistern sei. Kein politisches Sorgenthema ist derzeit komplexer, undurchsichtiger, schwieriger zu verstehen: Also haben Kompetenz und Argument eine nur geringere Bedeutung, Kümmern und Vertrauen dagegen eine große: Verstehen die Bürger die Politik nicht mehr, heißt es, auf Vertrauen zu bauen.

Statt „wir haben verstanden“ wählen die Bürger Glaubwürdigkeit und Sachlichkeit. Also die Kanzlerin, die sich diese Attribute als wichtigste Europa-Bestimmerin und Wahrerin deutscher Interessen redlich erworben hat. Weil sie sich so intensiv für den Euro-Erhalt ausspricht, sind auch 75 Prozent der Deutschen dafür. 70 Prozent halten unsere EU-Mitgliedschaft weiterhin für eine „gute Sache“. Und gleich drei von vier Deutschen fänden es schlecht, würden wir die EU verlassen.

Trumpf: die Protestwähler

Solange die AfD Ein-Thema-Partei bleibt, das Wogegen statt Wofür thematisiert und sich noch kein Vertrauen erarbeitet hat, ist sie bei der Bundestagswahl im September chancenlos. Oder doch nicht? Sind die Sorgenfalten der etablierten Parteien berechtigt?

Immerhin hat die AfD auf den ersten Blick ein riesiges Wählerpotenzial: Jeder Vierte könnte sich derzeit vorstellen, die Anti-Euro-Partei zu wählen. Etwas weniger als vor Jahresfrist die Piraten. Die Tabuisierung jeglicher Euro-Kritik erzürnt also viele.

Allerdings: Potenzial ist nicht gleich Wähler! Wahlforscher wissen, dass gerade bei neuen Parteien selbst unter günstigsten Konstellationen höchstens ein Viertel der Interessierten die AfD wählt, wenn sie genügend Medienwirbel entfacht, eine charismatische Persönlichkeit für sie talkt, Vertrauen aufbaut, klar macht, was man von ihr erwarten kann – und eine kampagnenfähige Wahlkampfmannschaft aufbaut. Noch ist nichts davon Realität. Die AfD ist eher Bürgerinitiative denn Partei. Eine, deren Unabgeneigte allerdings deutlich häufiger die DM wieder haben wollen und viel stärker von den Euro-Nachteilen für Deutschland überzeugt sind.

Und dennoch besitzt sie am 22. September möglicherweise einen großen Trumpf: den Protestwähler! Diesmal könnte die AfD – wie zuletzt die Piraten – zum Sammelbecken der Politfrustrierten werden. Bei jeder Wahl nämlich sucht sich eine Gruppe völlig unideologischer Wahlvagabunden die Partei, die den größten Hype entfacht, am konträrsten zu den Etablierten steht, die Großen am stärksten irritiert. Egal, ob ganz rechts wie NPD oder DVU, links wie die Linke, unspezifisch wie die Piraten oder eben Anti-Euro-Sammelbecken wie die AfD. Diesmal könnte der Protest nicht piratisch-spektakulär, sondern übertrieben bürgerlich ausfallen!

Denn die AfD-Unterstützer rekrutieren sich aus allen gesellschaftlichen Schichten: aus West und aus Ost, etwa gleich vielen Männern und Frauen, trotz ihrer Intellektuellen Leitfiguren eher aus dem Lager bildungsferner Schichten, dafür viel stärker aus den finanziell voll belasteten mittleren Altersjahrgängen.

Fünf Prozent sind möglich

Die „neuen Alternativen“ haben Einzugschancen, wenn sie sich aus zwei Quellen nähren können: zum einen aus den euro-kritischen Teilen von Union-, SPD-, Grünen- und FDP-Wählern von 2009. Sogar 49 Prozent der damaligen Linkswähler gehören zum AfD-Potenzial. Dies nicht, weil die neuen Anhänger im Grunde „links“ stehen, sondern weil der Protest damals die Linke wählte.

Zweite Quelle ist das große Potenzial der Nichtwähler: Gleich 31 Prozent der ca. 22 Millionen Nichtwahlgänger gehören zum weitesten Kreis der AfD-Interessenten. Deren Anhänger sind also weder Linke noch Nationale noch Rechtskonservative: Sie sind ein buntes Gesprengsel völlig unterschiedlicher Politmilieus, die sich vor allem über unsere Euro-Geberrolle ärgern.

Die Kombination aus überzeugten Anti-Euroristen mit der Chance, diesmal „Modepartei“ für Protestwähler zu werden, bildet in der Tat eine chancenreiche Mixtur, die Fünf-Prozent-Marge zu knacken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Markus Linden, Florian Hartleb, Manfred Güllner.

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