EU-Politik ist ein Kunststück. Heinz Fischer

„Wir streben nicht nach der Weltherrschaft“

Die Freimaurer gelten als eine der mysteriösesten und verschwiegendsten Organisationen der Welt. Im Interview mit Uta Schwarz spricht Dr. Klaus Kott, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, über geheime Aufnahmerituale, die französische Revolution und den Romancier Dan Brown.

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The European: Herr Dr. Kott, Sie sind Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, quasi oberster Freimaurer Deutschlands, muss ich Sie mit Großmeister anreden oder reicht Herr Dr. Kott?
Kott: Ich bin der oberste Vertreter der Freimaurer in Deutschland, nicht deren Chef und bitte: Reden Sie mich mit meinem Namen an, das reicht.

The European: Dann mal ganz direkt: Arbeiten die Freimaurer daran, die Weltherrschaft zu übernehmen?
Kott: Das wird ja gern behauptet. Wenn es uns in den letzten dreihundert Jahren nicht gelungen ist, die Weltherrschaft zu übernehmen, dann wären wir eine ziemlich erfolglose Organisation. Nein, das sind wohl eher die Befürchtungen derer, die mit den Freimaurern nichts anzufangen wissen, weil sie sich von ihren eigenen Vorurteilen treiben lassen, anstatt sich wirklich zu informieren. Bei uns gibt es keine solche Bestrebungen, nicht in Deutschland und auch nicht anderswo.

The European: Aber die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind schon seit 1717 drei der fünf Grundsäulen der Freimaurer – geht also die französische Revolution doch auf das Konto der stillen Bruderschaft?
Kott: Da muss ich Sie korrigieren, es heisst nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sondern im französischen Original liberté en egalité et fraternité, also Freiheit durch Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Eine ist das Ziel, die anderen beiden der Weg dahin. So hat es Montesquieu, der tatsächlich Freimaurer war, gemeint. In der französischen Revolution waren das die Schlagworte, die die Menschen mitgerissen haben, weil sie dem Bedürfnis der Zeit entsprachen. Aber die Freimaurerei als Organisation hat nicht zur Revolution beigetragen. Ebenso wenig wie zur amerikanischen Unabhängigkeit, obwohl auch dort viele der Protagonisten Freimaurer waren. Auch Garibaldi, Bolivár und Atatürk waren Freimaurer, aber die Freimaurerei als Organisation hält sich grundsätzlich aus Politik heraus.

The European: Verstehen Sie, warum sich so viele Verschwörungstheorien um die Freimaurer ranken?
Kott: Ich verstehe das durchaus, dazu tragen wir sicherlich durch unsere Verschwiegenheit auch selber bei. Viele denken, dass man tatsächlich etwas zu verbergen hat, wenn man bestimmte Dinge zum Geheimnis macht.

The European: In Deutschland gibt es 14500 Freimaurer, es waren einmal 80000 – die Freimaurer bekehren aber grundsätzlich niemanden. Wie gewinnen sie neue Mitglieder?
Kott: Nun es gibt zwei Wege: Entweder ein Bruder und damit meine ich einen Freimaurer, schlägt jemanden vor, weil er der Meinung ist, dass der Mann zu uns passt oder Menschen werden selbst auf uns aufmerksam. Danach sind die Abläufe gleich: Die Suchenden, so nennen wir Interessierte, nehmen an Gästeabenden teil, informieren sich, sprechen mit Mitgliedern der jeweiligen Loge, bis sie sich irgendwann für oder gegen die Freimaurerei entscheiden. Wenn sie Mitglied werden wollen, stellen sie einen Aufnahmeantrag, über den wird dann beraten. Danach folgt die so genannte Kugelung: Das ist die Abstimmung über die Mitgliedsschaft, die mithilfe von weissen Kugeln und schwarzen Würfeln erfolgt…

The European: Moment, ich dachte, es seien sowohl weisse als auch schwarze Kugeln?
Kott: Aus praktischen Gründen, nämlich um Verwechslungen zu vermeiden, verwenden die meisten Logen Kugeln und Würfel. Auf jeden Fall gibt jeder seine Kugel oder einen Würfel in ein Wahlgefäß, liegen mehr als drei schwarze Würfel darin, so ist der Aufnahmeantrag abgelehnt. Das passiert allerdings selten. Wenn es Vorbehalte gegen eine Aufnahme gibt, so wurden diese meist schon vorher geäussert.

“Das Aufnahmeritual soll ein Überraschungsmoment sein”

The European: Hilft bei der Rekrutierung Suchender nicht die ganze Geheimniskrämerei um Rituale und Ziele der Freimaurer?
Kott: Wenn wir eine Schnuppermitgliedschaft anbieten würden, hätten wir vielleicht noch mehr Mitglieder. Tun wir aber nicht. Wir suchen in unseren Brüdern nach Vertrauen, wir suchen Leute, die an philosophischen Themen und den Sinnfragen des Lebens interessiert sind, denen das Emotionale nicht fremd ist. Das Letzte, das Aufnahmeritual soll ein Überraschungsmoment sein. Und unsere Rituale sind ja auch gar nicht so geheim, wie man immer denkt. Früher musste man in die Bibliothek gehen und sich ein bisschen in der Literatur umsehen, heute muss man dazu nicht mal seinen Schreibtisch verlassen. Wir raten jedoch jedem Suchenden davon ab, sich dieses Erlebnis zu nehmen. Es ist vergleichbar mit Kindern, die unbedingt schon vor Weihnachten wissen wollen, was sie unterm Baum finden werden. Stellen Sie sich die Enttäuschung vor, würde man ihnen die Geschenke vorher verraten. Auch Erwachsene haben solche Gefühle. Das Aufnahmeritual ist ein Erlebnis, das unter die Haut geht. Es ist ein unvergesslicher Moment für jeden Freimaurer.

Und es gibt noch einen weiteren Grund für unsere Verschwiegenheit: Ich habe schon Vertrauen erwähnt, wir tauschen uns über wirklich wichtige Dinge in unserem Leben aus. Ich möchte, dass ein Bruder bestimmte Dinge nicht sofort weitererzählt, dass der Inhalt des Gespräches unter uns bleibt. Die Verschwiegenheit enthält also auch ein edukatives Element.

The European: In Dan Browns neuem Buch „The Lost Symbol“ kommen die Freimaurer ausgezeichnet weg, es liest sich teilweise wie eine Werbebroschüre für die „demokratische und weltoffene Bruderschaft“. Freut Sie solche Werbung oder ist das ärgerlich?
Kott: Es ist immer eine Freude, etwas Positives zu lesen. Und Sie haben Recht, die Freimaurer kommen gut weg bei Dan Brown. Das fand ich überraschend. Nach den ersten beiden Büchern, die von Opus dei und den Illuminaten handelten, hatte ich etwas anderes erwartet. Und nur, um es klar zu stellen: Dan Brown ist kein Freimaurer, aber offenbar ein Anhänger unserer Ideen.

The European: In dem Buch wird unter anderem ein Aufnahmeritual beschrieben: Trinken Sie wirklich Rotwein aus Totenschädeln?
Kott: Dazu kann ich nur Eines sagen: Es gibt viele Rituale, die sich im Laufe von dreihundert Jahren herausgebildet haben. Jede Großloge hat ihre eigenen Rituale. Daher wäre es vermessen von mir, zu behaupten, so etwas gäbe es nicht. In Deutschland allerdings wird so etwas nicht praktiziert. Lassen Sie es mich so sagen: Wir arbeiten in verschiedenen Graden. Jeder Grad entspricht einer bestimmten Lebenssituation. Ein Totenkopf ist ja an sich nichts Gruseliges, er verdeutlicht die Vergänglichkeit und soll uns Demut lehren. Dieses Symbol passt aber inhaltlich nicht zum Aufnahmeritual, das dem Ersten Grad entspricht.

The European: Die Freimaurerei wird als Sinnsuche beschrieben, als Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit, wie hat man sich das konkret vorzustellen? Reden mehrere Brüder bei einem Glas Wein über den Tod?
Kott: Die Sinnsuche ist ein individueller Vorgang. Wir kommen zu unseren rituellen Treffen zusammen, die wir Arbeit nennen, obwohl wir nicht körperlich arbeiten und wir treffen uns in einem Raum, den wir Tempel nennen, obwohl es keine religiöse Stätte ist. Wir führen dort Wechselgespräche, die immer gleich sind und doch ist das Erleben immer anders. Der Tempel ist eingerichtet mit vielen Symbolen, die zum Denken anregen sollen. Das alles ist mit Worten schwer darzustellen, deswegen lassen wir es auch.

The European: Das bedeutet, sie reden weniger, sondern das Arbeiten ist eher kontemplativ und meditativ?
Kott: Ja, das ist die richtige Richtung. Wir konfrontieren uns mit verschiedenen Lebenssituationen. Wir haben viele Symbole, nicht nur die bekannten, wie den Winkel und den Hammer. Welche Bedeutung zum Beispiel hat ein Zirkel? Das muss jeder Freimaurer selbst herausfinden. Wir Freimaurer arbeiten am Tempel der Humanität. Das lässt sich am besten mit den Beispielen des rauen und des kubischen Steines erklären: Ein Tempel ist aus Steinen erbaut, aber ein Wackerstein, so wie sie ihn in der Natur finden, fügt sich nicht ein, sie werden beim Schichten der Steine Probleme bekommen, wenn diese nicht kubisch sind. Und das wollen wir in unserer Symbolik darstellen. Wir wollen positive und aktive Mitglieder der Gesellschaft sein.

The European: Warum nehmen Sie eigentlich keine Frauen auf?
Kott: Wir nehmen keine Frauen auf, so wie die Frauenlogen keine Männer aufnehmen. Es gibt ja durchaus auch Freimaurerinnen. Allerdings historisch bedingt erst seit etwa 60 Jahren in Deutschland. Wir tauschen uns aber aus, allerdings gibt es kein gemeinsames rituelles Arbeiten. Wir und die Frauen auch sind der Meinung, dass das Sich-Öffnen nicht so gut geht, wenn das andere Geschlecht dabei ist. Dann will man doch Eindruck machen und keine Schwächen zeigen. Das passt nicht zusammen.

Gegenseitige Öffnung

The European: Nächste Woche findet in der Urania in Berlin eine Infoveranstaltung statt, die erste ihrer Art. Warum jetzt?
Kott: Der Titel der öffentlichen Podiumsdiskussion lautet: Vertrauen statt Angst. Um die Freimaurerei soll es jedoch nur am Rande gehen. Wir wollen vielmehr einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion leisten. Und Sie haben Recht: Es ist tatsächlich die erste dieser Art. In den lokalen Logen werden Infoabende jedoch häufig veranstaltet. Der Anlass unserer Veranstaltung auf Großlogenebene ist unser Konvent, der zur gleichen Zeit stattfindet und den 50. Jahrestag der Vereinigung der Großlogen begeht. Am Tag darauf gibt es mit Freimaurern aus der ganzen Welt eine Gedenkfeier in der Berliner Gedächtniskirche.

The European: Tags darauf treten Sie als Großmeister zurück, ihre Amtszeit endet am 1. November – was wünschen Sie sich für die Zukunft der Freimaurer?
Kott: Oh, diese schwierigen Wünsch-Dir-Was-Fragen. … Spontan würde ich mir wünschen, dass eine gegenseitige Öffnung stattfindet: Dass die Öffentlichkeit besser versteht, was Freimaurerei ist und dass die Freimaurerei sich der Öffentlichkeit mehr öffnet.

Das Gespräch führte Uta Schwarz.

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