Es ist das Schicksal kleiner, vermeintlich unbedeutender Länder, dass es eines verhinderten Unterhosenbombers bedarf, um sie in den Fokus der Weltöffentlichkeit zu rücken. Den Jemen haben die Außenpolitiker und Sicherheitsexperten der westlichen Welt lange vernachlässigt – obwohl in dem verarmten Land seit Jahren bedrohliche Konflikte schwelen. Doch die plötzliche internationale Aufmerksamkeit ist nicht nur Segen. Beschränkt sie sich auf El Kaida, dann wird sie am Ende selbst zum Scheitern des Staates beitragen.
CIA und Spezialkommandos wird es nicht gelingen, in einem von Stämmen und Scheichs geprägten Land für Stabilität zu sorgen, im Gegenteil. US-Militärberater sind seit Jahren verdeckt im Land unterwegs und versorgen die jemenitische Luftwaffe mit den Koordinaten gesuchter Terroristen. Dabei sind es solche Bombardements, die auf der Straße erst Sympathien für die Fundamentalisten wecken.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gilt Staatschef Ali Abdallah Saleh als Verbündeter im internationalen Kampf gegen den Terrorismus. Jetzt dringt er wieder auf Waffenhilfe. Doch seine Kampfjets setzt der seit über drei Jahrzehnten regierende Präsident auch gegen schiitische Rebellen im Norden des Landes ein, mehr als 200.000 sind nach UNHCR-Schätzungen dort auf der Flucht. In Aden schießen Polizei und Soldaten auf Demonstranten, die eine Abspaltung des einst sozialistischen Südjemens fordern. Dies sind die beiden Fronten, an denen die Einheit des Landes wirklich in Gefahr ist. Das weiß auch Feldmarschall Saleh. Mudschaheddin hat er in sein Regime eingebunden, bekehrte Terroristen integriert. Doch mit den Rebellen im Norden und den Separatisten im Süden will er keinen Frieden schließen.
Entwicklungshilfe allein reicht nicht
Wer einen gefährlichen Staatszerfall im Süden der Arabischen Halbinsel verhindern will, muss hier ansetzen. Mehr Entwicklungshilfe allein reicht nicht. Nur mit einer Mischung aus Unterstützung und Druck wird es der internationalen Gemeinschaft gelingen, die Lage im Jemen zu verbessern. Unterstützung im Kampf gegen Armut und mangelnde Bildung; Druck auf die Regierung, endlich ernst zu machen mit Dezentralisierung, Rechtsstaat und Korruptionskontrolle. Wer dagegen nur beim Kampf gegen die El-Kaida-Kader hilft, nimmt das Staatsversagen billigend in Kauf.
Lange galt der Jemen als Vorbild bei der Demokratisierung. Nirgends in der Region gibt es so viele NGOs und Zeitungen wie in der einzigen Republik auf der Arabischen Halbinsel. Doch in dem Maß, wie die knappen Vorräte an Rohöl und Trinkwasser schwinden und die Arbeitslosigkeit steigt, konzentriert sich das Regime zunehmend auf ein einziges Projekt: den eigenen Machterhalt. Das steigert die Unzufriedenheit bei allen Benachteiligten und bedroht die staatliche Einheit – ein idealer Nährboden für die Rekrutierung neuer El-Kaida-Kämpfer.
Wegschauen ist fahrlässig
El Kaida war nie im Jemen verwurzelt, die Jemeniten sind keine Fundamentalisten. Dass die Terroristen – unter Druck geraten in Saudi-Arabien, Afghanistan und Pakistan – sich dennoch dort organisieren konnten, illustriert, wie anfällig schwache Staaten für das international operierende Netzwerk sind. Und wie fahrlässig es ist, wenn die internationale Gemeinschaft nicht rechtzeitig hinschaut. Junge Männer, die für Extremismus und Gewalt empfänglich sind, wird es wahrscheinlich immer geben, überall auf der Welt. Entwicklungspolitik und Diplomatie können dazu beisteuern, dass sie keine sicheren Rückzugsorte und funktionierenden Strukturen vorfinden. Das wäre ein wirklicher Beitrag zum internationalen Kampf gegen den Terrorismus – wenn auch kein einfacher.





















