Glaube oder philosophische Argumente können Sie nicht durch Experimente überprüfen. Rolf-Dieter Heuer

Ein Heuhaufen voller Stecknadeln

Das deutsche Fernsehprogramm ist nicht so schlecht wie oft behauptet. Es ist nur schwierig geworden, das Besondere aus dem vielen Üblichen herauszufiltern.

„Wie kann das deutsche Fernsehprogramm verbessert werden?“, fragt man mich knapp. Ich will also keine Umschweife machen und genauso knapp zurückfragen: Welches Fernsehprogramm eigentlich? Dasjenige, das die Sender uns im linearen Fernsehprogramm vorschlagen? Dasjenige, das wir uns an einem erschöpften Lean-Back-Abend müde zusammenzappen? Oder dasjenige, das möglich wäre, würden wir die Möglichkeiten des Mediums optimal nutzen?

Wir erwarten ständige Verfügbarkeit

Als Fernsehkritikerin und Jurorin des Deutschen Fernsehpreises schicken mir die Sender ihre Programme, die sie für besonders wertvoll halten, kartonweise zu. Das meiste davon – ambitionierte Dokumentationen wie „Aghet – ein Völkermord“, relevante Fernsehspiele wie „Operation Zucker“, aufwühlende Mehrteiler wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ – ist wirklich gut.

Ich habe, was die Produktqualität angeht, also keinen Grund, mich hier mit neunmalklugen Verbesserungsvorschlägen in Szene zu setzen. Darüber hinaus gibt es aber noch zwei Programmbereiche, die von der Fernsehkritik selten zur Kenntnis genommen werden, in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild des Mediums aber weit mehr prägen als die eben genannten Erstausstrahlungen: Da sind auf der einen Seite die internationalen epischen Serien wie „Mad Men“, „Homeland“ oder „Breaking Bad“, die ihre Geschichten über mehrere Staffeln hinweg ausbreiten und vom Zuschauer viel Ausdauer, Hingabe und Konzentrationsfähigkeit erwarten. Und dann ist da auf der anderen Seite das alltägliche Regelfernsehen, das von Millionen Deutschen aus Gewohnheit eingeschaltet und nur zum Abschalten vom Tagesstress angeschaut wird. Es hält meiner Erfahrung nach der konzentrierten Betrachtung in einer Einzelkritik selten stand, weil es bei dieser Art von Fernsehen gar nicht um eine konzentrierte Betrachtung geht.

Wer aber nach langer Abstinenz den Fernseher an einem x-beliebigen Abend einschaltet, landet oft in diesen dahinplätschernden Regelprogrammen. Natürlich ist das dann enttäuschend! Wer nach einem anstrengenden Abend nicht mehr die Energie aufbringt, im Spätprogramm Folge 7 in Staffel 2 von der US-Serie „Breaking Bad“ zu schauen, die wegen der FSK-Freigabe 18 im Free-TV nicht vor Sonnenuntergang gezeigt werden darf, kauft sich die Box bei Amazon. Und wendet sich also vom linearen Fernsehen ab. Irgendwo zwischen „Homeland“ und „Heiter bis tödlich“, zwischen „The Wire“ und „Wetten, dass…?!“ , zwischen „Downton Abbey“ und „Alarm für Cobra 11“ ist das Ansehen des deutschen Fernsehprogramms verloren gegangen.

Aus meiner Sicht fehlt es weniger an der Programmware, die aus dem guten Fernsehen ein besseres machen würde. Es ist nur so umständlich geworden, das Besondere aus dem vielen Üblichen herauszufiltern! Und zwar nicht nur, weil die Vervielfältigung der Sender zu einer gewissen Unüberschaubarkeit des Angebots geführt hat. Sondern vor allem, weil wir uns darauf geeinigt haben, dass wir im Fernsehen nichts suchen müssen, sondern sofort mit einem Druck auf die Fernbedienung finden können müssen, was uns interessiert. Niemand geht ins Theater, ohne sich vorher Kritiken und Spielpläne anzusehen. Wer würde sich bei Hugendubel ein Kochbuch kaufen, nur weil es gleich am Eingang liegt, wenn er eigentlich vorhatte, Hannah Arendt zu lesen? Geduldig warten wir in der Buchhandlung unseres Vertrauens, wenn „Eichmann in Jerusalem“ beim Grossisten bestellt werden muss. Aber vom Fernsehen erwarten wir ständige Verfügbarkeit.

Mein Vorschlag ist deshalb simpel, aber wichtig: Das Fernsehen muss seine Qualitätsprogramme nicht weniger, sondern noch mehr wiederholen und gerade diese Wiederholungen viel besser auffindbar machen. Als sich die „Primetime“ um 20.15 Uhr in unseren Köpfen festsetzte, schlossen in Westdeutschland die Läden um halb sieben, in Berlin sogar um sechs Uhr. Die meisten Angestellten hatten spätestens um 17 Uhr Feierabend, für die Kinder war die Schule um halb zwei aus. Das Fernsehen konnte den Alltag der Menschen auch deshalb so wirkmächtig synchronisieren, weil der Alltag schon relativ synchronisiert war. Heute ist es für viele kaum noch zu schaffen, um 20.15 Uhr einen Fernsehabend zu beginnen. Und das ist ja auch gar nicht nötig: ARD und ZDF zeigen viele interessante Programme längst nicht mehr nur im Ersten und Zweiten, sondern auch in den Dritten und in den digitalen Programmen ihrer zweiten Reihe, bei ZDFneo oder Einsfestival, bei Tagesschau24 oder ZDFinfo.

Aber während die Mediatheken als Teil der Internetstrategie offensiv beworben werden (was natürlich nicht falsch ist), werden die vielen Wiederholungstermine im linearen TV nur äußerst selten ausgewiesen. Im Gegenteil: Mit dem Argument, es seien nur Abspielkanäle, wird neuerdings laut über das Ende der digitalen Kanäle nachgedacht. Höchstwahrscheinlich fürchtet man sich in den Sendern davor, dass die Zuschauer ihr Sehverhalten ändern würden, wenn man ihnen vor Augen führt, dass sie gar nicht auf die Primetime angewiesen sind. Denn je mehr sich den „Tatort“ am Sonntag bei Einsfestival anschauen, desto mehr leiden die Krimiquoten im Ersten.

Bewusster aussuchen

Zu viele Kochshows, zu wenig Hannah Arendt? Mein Vorschlag geht auch an uns selbst: Wir Zuschauer müssen zu einer offeneren und aktiveren Haltung zurückfinden, um unser eigenes Fernsehprogramm zu verbessern. Wir Beitragszahler müssen die TV-Programmware wieder so bewusst aussuchen, wie wir uns ja auch über Kino, Konzerte oder Bücher informieren, bevor wir unser Geld für etwas ausgeben, das wir gar nicht konsumieren wollen.

Andererseits müssen wir auch hinnehmen lernen, dass es im Großen Haus einen Spielplan mit viel „Madame Butterfly“ geben muss. Hören wir deshalb auf, ins Theater zu gehen? Eben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lothar Mikos.

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