Da krieg ich so den Ball und das ist ja immer das Problem. Gerald Asamoah

Freunde auf Abruf

In den Revolutionen Nordafrikas liegt eine große Chance, auch für den Westen – säkulare Regierungen könnten emanzipiert auf Augenhöhe mit der EU verhandeln. Mit den Fundamentalisten ist dagegen kein Staat zu machen und daran sind nicht zuletzt wir Europäer schuld.

Das Schicksal Nordafrikas und der arabischen Welt hängt noch immer von so vielen Variablen ab, dass mehr als ein Szenario denkbar ist. Gelänge es der Muslimbruderschaft tatsächlich, an die Macht zu kommen, dann würde die selbst fundamentalistische Regierung des Iran propagandistisch Aufwind bekommen, der Radikalismus würde neue Nahrung erhalten, und Israel und dem Westen würde mit Trotz begegnet werden, denn die Ideologie der Muslimbruderschaft ist nichts anderes als eine verstädterte Form des saudi-arabischen Wahhabismus bzw. Salafismus. Interessant wird hier die Dualität Iran–Saudi-Arabien sein. Einerseits finden die Fundamentalisten beider Konfessionen immer näher zueinander, auf der anderen Seite befürchtet Saudi-Arabien die Stärkung der schiitischen Bürger in der arabischen Welt eben durch die iranische Regierung. Setzten sich die säkularen Kräfte durch, würde dies den oppositionellen Kräften im Iran, aber auch weiteren Ländern in der Region neue Zuversicht verleihen. Der Fall Bahrain zeigt jedoch, dass es auch zu direkter innerarabischer Intervention kommen kann.

Politik auf Augenhöhe

Säkulare Staaten würden, abgesehen von einer emanzipierteren Politik auf Augenhöhe, keinen Grund sehen, dem Westen feindselig zu begegnen. Gerade Tunesien hatte den Blick immer auf die Welt gerichtet, genau wie Ägypten ist es abhängig von Tourismus und Handelsbeziehungen. Gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten können der beste Garant für gute Beziehungen sein, wenn sie auf solidem Boden fußen. Darüber hinaus werden regionale Staatenbündnisse mit Leben gefüllt. Jedenfalls wären tatsächlich vom Volk getragene Regierungen beraten, die natürlichen Ressourcen ihres Landes in erster Linie für die Entwicklung einer eigenen Wirtschaft aufzuwenden, was wiederum zu neuer Interventionspolitik führen könnte. Es sei nur an die Operation AJAX des CIA erinnert, die unter dem Vorwand betrieben wurde, es drohe eine kommunistische Machtübernahme im Iran. Der 1950 demokratisch gewählte Premierminister Mossadegh wurde zu Fall gebracht, weil er es gewagt hatte, das iranische Öl, das bis dahin im Besitz der Anglo-Iranian Oil Company war, zu nationalisieren. Mit dem 1953 durchgeführten Putsch konnte der absolutistisch herrschende Schah wieder inthronisiert werden.

Nahrung für den Fanatismus

Überhaupt hätte das Verhältnis zum Westen trotz der Kolonialzeit schon längst ein gutes sein können, wenn nicht die jahrelang betriebene Interessenpolitik gewesen wäre, das Stützen von Diktatoren, erst im Namen des Ost-West-Konflikts, dann zur Sicherung von Ressourcen, später zur Abwehr von Terrorismus, obwohl zynischerweise erst so die Bedingungen geschaffen wurden, die diesem Fanatismus Nahrung gaben: unaufgeklärte Bildung, Verfolgung von säkularer Opposition, Folter und Korruption.

Würden westliche Politiker einmal den Mut haben, mit der arabischen Welt im Geiste ihrer aufgeklärten Werte – wenn sie denn noch an sie glauben – umzugehen, wären sie überrascht, wie schnell sie von Freunden umgeben wären. In der Frage Israels verhält es sich nicht viel anders; wie eine säkular-demokratische arabische Regierung mit Israel umgehen wird, hängt in erster Linie davon ab, wie sich Israel in Zukunft in den besetzten Gebieten verhält bzw. sich bei Friedensverhandlungen geben wird. Es kann andererseits kaum die Rede davon sein, dass säkulare demokratische Regierungen für Israel gefährlich sein sollen, während Saudi-Arabien, Hauptfinanzier des weltweiten islamischen Fundamentalismus, rückhaltlos gestützt wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anna Fleischer, Hans-Heinrich Bass, Sahar el-Nadi.

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