Schönheit ist zu einem Gebot geworden – sie ist kein Vergnügen mehr. Susie Orbach

Es zwitschert und menschelt

Im US-Wahlkampf haben die sozialen Netzwerke eine wichtige Rolle gespielt – insbesondere, wenn es um Jungwähler geht. Zeit, dass die deutsche Politik mal einen Blick über den großen Teich riskiert.

Der US-Präsidentschaftswahlkampf ist vorbei und der alte Präsident ist auch der neue. Dabei waren die Chancen für einen Herausforderer in Anbetracht der Wirtschaftslage und der Möglichkeit, über Super-PACs Unsummen an Geldern in den Wahlkampf zu investieren, selten so gut. Was bleibt, ist ein multi-mediales Lehrstück und die Strategielektion eines Präsidenten, der es einmal mehr geschafft hat, diejenigen zu mobilisieren, die sonst von der Politik, auch der deutschen, immer weniger erreicht werden: junge Wähler.

Neue Wege zu den Wahlurnen?

Junge Amerikaner im Alter von 18 bis 29 Jahren stellten 18 Prozent der Wählerschaft und votierten mit einer deutlichen Mehrheit von 60 Prozent für Obama. Der Vergleich mit Deutschland, wo junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren bei der letzten Bundestagswahl nur 14 Prozent der Wählerschaft ausmachten, zeigt, wie groß der Unterschied in der Mobilisierung junger Menschen ist. Viele der amerikanischen Jungwähler sah man bei Obamas Dankesrede in Chicago, US-Fähnchen schwenkend, mit leuchtenden Augen und großen Hoffnungen: Four more years, so klangen die Sprechchöre. Obama selbst hatte sich am Wahlabend mit diesem Claim und einem Foto von Michelle und ihm via Twitter bei seinen über 23 Millionen Followern bedankt. Sein Tweet wurde innerhalb 30 Minuten 260.000-mal weitergereicht. Wenig später folgten eine Dankes-E-Mail und ein Update für seine 33 Millionen starke Fangemeinde bei Facebook. Staunende Europäer fragen sich, ist dies nur der Schlusspunkt der perfekten Dramaturgie des – wieder einmal – teuersten Wahlkampfes der Geschichte, oder haben die sozialen Medien der Jugend neue Wege zu den Wahlurnen geebnet?

Bei den sozialen Netzwerken liegen Welten zwischen dem siegreichen Präsidenten und seinem Herausforderer Mitt Romney, der nur über zwölf Millionen Likes auf Facebook und 1,7 Millionen Follower auf Twitter verfügt. Für jede E-Mail, die Romney schrieb, versendete Obama 20 – im klassischen Briefkasten sah es ähnlich aus. Aber nicht nur die Zahlen, auch die Reaktionsgeschwindigkeit sprachen gegen Mitt Romney. So konnten seine Follower auf Twitter erst vier Tage nach der Wahl seine Dankesnachricht lesen: eine unvorstellbar lange Zeit.

Social Media und die Swing States

Aber auch Obamas Zahlen sind bei genauerem Hinsehen weniger imposant. Nach Abzug von Medienvertretern, Parteiaktivisten, Freiwilligen und ausländischen Unterstützern dürften die Follower-Zahlen von Obama deutlich geringer ausfallen. Bleibt die eigentlich interessante Frage, welche Rolle die Social Media in den Swing States gespielt haben. Und da ist die Antwort nicht so eindeutig. Aber Fakt bleibt: Auf den richtigen Mix der Medien kommt es an. Am stärksten wirkt immer noch, trotz aller Virtualität, der Mensch selbst und damit die persönliche Wähleransprache vor Ort. Deswegen darf auf keine Medien verzichtet werden, nicht die alten, nicht die neuen.

Ist der Einsatz neuer Medien also ein Richtungszeichen für europäische oder deutsche Wahlkämpfe? Die Antwort fällt leicht. In einem Land, in dem generell zu wenig Geld in die Ansprache von Jungwählern investiert wird, wird die neue Medienwelt zwar eine Rolle spielen, aber eher wie in einem Szenario aus „Gullivers Reisen“. Das ist schade, denn heute wollen die Menschen aktiv werden und sich einbringen, insbesondere die Jugend. In diesem Bedürfnis gibt es keinen Unterschied zwischen den USA und Europa. Ob die Politik dieses Bedürfnis allerdings erfüllt, steht auf einem anderen Blatt. Wünschenswert ist es in Anbetracht der nahenden Bundestagswahl allemal.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ansgar Graw, Jan Philipp Burgard, Marc Etzold.

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