Der Mythos staatlicher Souveränität hilft Unternehmen, uns zu bescheißen. Thomas Piketty

„Jede Art von Atomkraft ist heikel“

Mehr als 20 Jahre nach dem Kalten Krieg gibt es weltweit noch immer Tausende von Atomwaffen. Anna Polonyi sprach mit Kennette Benedict über atomare Abrüstung und die historische Verbindung zwischen Atomwaffen und ziviler Kernenergie.

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The European: Eine ganz dringende Frage zuerst: Gibt es tatsächlich genügend Atomwaffen, um die Welt mehrfach zu zerstören?
Benedict: Ja. Es gibt weltweit etwa 20.000 Atomwaffen. Die USA besitzen etwa 5.000, die einsatzbereit sind. 1.000 von ihnen sind auf einem hohen Stand der Startbereitschaft, d.h. sie können innerhalb von zehn Minuten nach dem Befehl des Präsidenten abgeschossen werden. Die Russen haben auch ungefähr 1.000 startklare Waffen und 6.000 können sehr schnell eingesetzt werden. Jede dieser Bomben hat 40 bis 300 Mal so viel Zerstörungskraft wie die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki. Also ja, wir haben viel mehr Kapazitäten, als wir brauchen.

The European: Können Sie uns etwas über die historische Verbindung zwischen Atomwaffen und der Entwicklung der Kernenergie erzählen?
Benedict: Die Bombe wurde zuerst entwickelt. Die Wissenschaftler haben jedoch immer gedacht, dass diese Energie auch für industrielle Zwecke und wirtschaftliche Entwicklung genutzt werden könnte. Die Reaktoren gab es schon und sie erzeugten eine Menge Wärme sowie Plutonium. Die Idee war, dass Energie genutzt werden könnte, um Wasser zu erhitzen und Turbinen anzutreiben, die dann Elektrizität erzeugen würden. Die Atomreaktoren, die zuerst entwickelt wurden, sollten Plutonium für die im Krieg verwendeten Atombomben produzieren. In den 1950er-Jahren begannen Geschäftsleute in den Vereinigten Staaten damit, Reaktoren für kommerzielle Zwecke zu entwickeln.

The European: In den 1950er-Jahren dachte man, dass die Erzeugung von Strom durch Kernenergie nicht lukrativ genug sei. Wie kommt es, dass sie heute als lukrativ erachtet wird?
Benedict: Wenn Sie das hoch angereicherte Uran oder Plutonium erst einmal haben, braucht man nur ganz wenig von diesem Material, um ganz viel Elektrizität zu erzeugen. Wenn die Anlagen einmal stehen und laufen, produzieren sie viel Strom im Vergleich zu dem, was sie hineinstecken. Man hat sie „Melkkühe“ genannt. Der Bau neuer Anlagen ist heute problematisch, weil am Anfang eine große finanzielle Investition steht. Eine große Ein-Megawatt-Anlage, die heute industrieller Standard ist, kostet in den USA schätzungsweise zwischen 12 und 18 Milliarden Dollar. Da man sich in den USA fast gänzlich auf private Investitionen verlässt, ist ein Neubau im Moment fast zu teuer.

„Zehn Prozent des Stroms in den USA kommen aus demontierten russischen Bomben“

The European: Können die Materialien aus Atomwaffen für den Einsatz in Kraftwerken verwertet werden?
Benedict: Absolut. Der Kernbrennstoff, der verwendet wird, um Bomben herzustellen, ist fast derselbe wie der in den Reaktoren für die zivile Energie. Die größte Umwandlung von Atombombenmaterial zum Zwecke der Stromerzeugung fand zum Ende des Kalten Krieges statt. Die USA und Russland hatten einen Kooperationsvertrag, nach dem wir unsere Atomwaffen gemeinsam demontiert haben. Und mit der „Nunn-Lugar Threat Reduction Legislation“ aus dem Jahr 1994 halfen wir den Russen bei der Demontage, indem wir ihre abgebrannten Brennelemente kauften. Das war ein Teil dessen, was ihnen den Deal schmackhaft machte. Wir haben diese Elemente wiederaufbereitet und heute kommen etwa zehn Prozent des Stroms in den USA aus demontierten russischen Bomben.

The European: Wie funktioniert die Abrüstung eigentlich – beinhaltet sie die Lagerung von atomwaffenfähigem Material für einen langen Zeitraum?
Benedict: Einiges von dem Waffenmaterial kann zu Brennstoff für die Atomkraftwerke werden, aber wenn man das Material nicht nutzt, muss man es für sehr lange Zeit aufbewahren. In den USA gibt es ein Endlager, das Waste Isolation Pilot Plant in New Mexico. Seit über zehn Jahren wird hier Material von abgerüsteten Atomwaffen und zivilen Forschungsreaktoren gelagert. In einem gewissen Sinne ist dieser Müll gefährlicher als der aus heutigen Atomkraftwerken, weil das Plutonium, das in den Bomben genutzt wurde, sehr radioaktiv und sehr tödlich war.

The European: Anti-Atom-Bewegungen sorgen sich um die Umweltsicherheit aber auch um nuklearen Terrorismus. Wie schwer ist es, Atomwaffen mithilfe eines zivilen Atomkraftwerks herzustellen?
Benedict: Wenn Sie ein Terrorist und auf der Suche nach solchem Material sind, finden Sie es vermutlich am einfachsten in Russland. Dort lagern noch immer ungefähr 25 Prozent des nuklearen Materials an Orten, an die man ganz einfach kommt, etwa, indem man ein Schloss knackt oder jemanden besticht. Es gab Berichte der Internationalen Atomenergiebehörde über das Abfangen von hoch angereichertem Uran. Aus den Berichten geht die Absicht nicht genau hervor. Personen in Russland kamen in Besitz dieses Materials und ohne zu wissen, was sie da hatten, versuchten sie es zu verkaufen, weil sie das Geld brauchten und wussten, dass es wertvoll war. Um eine Bombe zu bauen, müsste man Plutonium entweder aus einem japanischen oder aus einem französischen Reaktor stehlen oder man stiehlt hoch angereichertes Uran aus einem Atomkraftwerk in den USA. Das dürfte wohl schwierig sein. Die Atomindustrie in den USA hat ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöht – es gibt regelmäßig Übungen, um die Sicherheitsmaßnahmen zu testen: Außenstehende verkörpern dabei die Rolle von Terroristen, die versuchen, in das Atomkraftwerk zu gelangen.

The European: Kann das schwach angereicherte Uran (LEU) Sicherheit garantieren?
Benedict: Ja, es ist viel schwerer, daraus eine große Explosion zu machen. Es gibt einen Unterschied zwischen einer atomaren Explosion und dem, was „schmutzige Bombe“ genannt wird. Das wäre eine große Explosion mit regulärem Sprengstoff und radioaktivem Material, wie etwa LEU oder Material, was von medizinischen Anwendungen in Krankenhäusern übrig geblieben ist. Sie könnten etwas davon anhäufen und es zünden. Wenn man solch eine Bombe zündet, z.B. in der U-Bahn, könnte man diesen Raum für Jahrzehnte nicht nutzen. Das würde nicht viele Todesopfer fordern, aber viel mehr Verwüstung verursachen als die Bomben, die in großen Städten wie Madrid oder London hochgegangen sind.

„Es gibt immer einen Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Kosten“

The European: Wie kommt es, dass wir schwach angereichertes Uran nicht schon nutzen, seit wir anfingen, die kommerzielle Atomkraft zu entwickeln?
Benedict: Wir sind in den USA zu schwach angereichertem Uran übergegangen. Aber es ist ein Rätsel: Als die USA während der Regierungszeit Eisenhowers Mitte der 50er-Jahre das Programm „Atoms for Peace“ begannen, haben wir in der Tat hoch angereichertes Uran für die zivile Nutzung in Entwicklungsländer geschickt. Es ist nicht ganz klar, warum – wir hatten es einfach und wollten politische Allianzen entwickeln und Märkte für Atomkraft. Warum wir hoch angereichertes Uran verwendeten, wurde mir niemals zufriedenstellend erklärt, außer dass es einen Überschuss gab.

The European: Liegt es in unseren menschlichen Fähigkeiten, mit so etwas Komplexem wie der Atomkraft in einem ausreichend sicheren Maße umzugehen?
Benedict: Das werden wir sehen. Wir haben es noch nicht wirklich getan, oder? Es hängt zum Teil davon ab, wie sehr wir Gesellschaften und Menschen beschützen wollen und wie viel finanzielle Investitionen in die Sicherheit fließen. Es gibt immer einen Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Kosten. Wir müssen uns noch immer klarmachen, dass jede Art von genutzter Atomkraft heikel und kompliziert ist. Es ist die komplexeste Technologie auf der Welt – sei es für zivile oder militärische Zwecke. Und wir müssen verstehen, dass es eine Menge Sorgfalt und Geld braucht, um mit nuklearer Sicherheit richtig umzugehen.

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