Unternehmer werden zwar gebraucht, aber nicht mehr bewundert. Das war früher anders. Ehrhardt Bödecker

„Die Atmosphäre ist keine Mülldeponie“

Können wir die globale Erderwärmung austricksen? Alexandra Schade sprach mit dem Geologen Ken Caldeira über Klimawandel, Schwefel in der Stratosphäre und Emissionsreduzierung.

The European: Herr Caldeira, Ihr Name ist eng verbunden mit Geo-Engineering und insbesondere mit der Idee, Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu pumpen, welches dann die Sonnenstrahlen ins All reflektiert. Können Sie unseren Lesern ein wenig Hintergrundwissen hierzu geben? Woher kommt diese Idee?
Caldeira: Die Menschen haben im Laufe des vergangenen Jahrhunderts herausgefunden, dass Treibhausgase zu einer Erwärmung des Planeten führen. Spätestens seit den 60er-Jahren haben Menschen vorgeschlagen, dass dem Treibhauseffekt wenigstens zum Teil entgegengewirkt werden kann, indem man nachträglich Sonnenlicht ins All reflektiert. In den 70er-Jahren hat der russische Klimatologe Michail Budyko vorgeschlagen, Sulfat-Aerosole in die Stratosphäre zu bringen. Das machen Vulkane auch. Beim Ausbruch des Pinatubo (Phillippinen) 1991 gelangten gewaltige Mengen Schwefel in die Stratosphäre und im Jahr darauf kühlte sich die Erde um ein halbes Grad Celsius ab. Die Stoffe fallen ungefähr innerhalb eines Jahres wieder aus der Stratosphäre heraus, aber wären sie dort oben geblieben, wäre es sehr wahrscheinlich genug gewesen, um im Durchschnitt die gesamte voraussichtliche Erderwärmung dieses Jahrhunderts wieder wettzumachen. Meine Kollegen und ich haben eine Reihe von Geo-Engineering-Ansätzen untersucht. Was denjenigen mit den Schwefelpartikeln betrifft: Man braucht nicht viel Material. Ein einziger Feuerwehrschlauch, der konstant sprüht, wäre mehr als ausreichend, um genug Material in die Stratosphäre zu bekommen und alle Emissionen dieses Jahrhunderts auszugleichen. Und es wäre relativ günstig.

„Die Haftung lässt Menschen vor solchen Experimenten zurückschrecken“

The European: Wie viel würde das kosten?
Caldeira: Nun ja, noch hat das niemand ausprobiert und bis dahin weiß es keiner so genau. Es ist aber wahrscheinlich, dass die indirekten Kosten höher wären als die direkten. Die Menschen sorgen sich eher darum, dass bei diesen Dingen andere Menschen zu Schaden kommen. In den 60er-Jahren gab es in den USA ein Programm, welches untersuchte, wie man Hurrikane steuern kann. Letztendlich wurde es eingestellt. Ich glaube, das geschah aus Sorge darum, dass Menschen dabei zu Schaden kommen könnten, die sonst nicht zu Schaden gekommen wären. Wenn ein Hurrikan auf eine große Stadt zusteuerte und dann in eine ländliche Gegend umgelenkt würde, könnten in dieser ländlichen Gegend Menschen sterben. Ich denke, dass die Fragen der gesetzlichen Haftung Menschen davor zurückschrecken lassen, solch groß angelegte Experimente durchzuführen.

The European: Nichtsdestotrotz klingt die Idee, unseren Planeten abzukühlen, indem wir Schwefel in die Stratosphäre bringen, sehr verlockend und wie die Lösung für all unsere Probleme.
Caldeira: Es geht vor allem um Risikomanagement. Vertrauen wir den Modellen wirklich und den Vorhersagen darüber, wie diese Dinge funktionieren? Es gibt mindestens zwei Dimensionen von Dingen, über die man sich Gedanken machen muss. Die eine ist, dass Modelle, also auch die Computersimulationen, mit denen wir gearbeitet haben, vereinfachte Darstellungen der Wirklichkeit sind. Es ist schwer, vorherzusagen, was die unvorhergesehenen Konsequenzen sein werden und man kann sich sicher sein, dass es unvorhergesehene Konsequenzen geben wird, wenn man sich in ein so komplexes System wie unseren Planeten einmischt. Und die andere Dimension ist: Wie reagieren die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Systeme darauf? Man könnte sich eine Situation vorstellen, in der solch ein System technisch vielleicht funktioniert, aber die Menschen dazu veranlasst, sich über den Emissionsabbau keine Gedanken mehr zu machen. Oder aber zwei Länder sind sich uneinig darüber, welche Temperatur auf dem Planeten herrschen soll. Man könnte jede Art von internationalem Konflikt bekommen.

„Das Risiko ist ziemlich hoch“

The European: Aber solange man es nicht versucht, kann man auch das Risiko nicht handhaben. Wie viel Risiko müssen wir eingehen, um den Planeten zu retten?
Caldeira: Das ist eine sehr schwierige Frage, mit der wir uns wohl irgendwann beschäftigen werden müssen. Aus ökologischer Sicht minimiert man das Risiko, indem man sich möglichst wenig in das natürliche System einmischt. Also ist es aus meiner Sicht am ungefährlichsten, wenn man keine Aerosole in die Stratosphäre gibt. Grundsätzlich glaube ich, dass alles schon ziemlich übel sein muss, bevor man so ein System einsetzt, weil das potenzielle Risiko, dass etwas schiefgehen könnte, ziemlich hoch ist. Und auch aus politischer Sicht: Wer auch immer entscheidet, solch ein System zu benutzen, wird für alles schlechte Wetter auf dem Planeten verantwortlich gemacht werden. Die andere Frage ist: Wer würde so ein System aufstellen? Nehmen wir an, dass es überall auf der Welt zur Ernteausfällen kommt und nehmen wir an, dass ein Land bedroht wird von massiver Hungersnot und Hungertod und wenn der Regierungschef dieses Landes meint, dass der Einsatz eines solchen Systems seine Bevölkerung retten könnte, ist es nur schwer vorstellbar, dass er dem widerstehen könnte. Ich glaube, dass Politiker schon ziemlich mit dem Rücken zur Wand stehen müssten und diese Systeme als einzigen Ausweg ansehen.

The European: Gibt es internationale Bestimmungen, die den Einsatz solcher Systeme regeln? Offensichtlich würden sie ja den ganzen Planeten beeinflussen …
Caldeira: Es gibt einen Vertrag, der die Nutzung des Wetters als Kriegsmittel verbietet (die ENMOD-Konvention, Anm. d. Red.). Aber es gibt sehr wenige Bestimmungen in Bezug auf Klima-Modifizierungen, die das Ziel haben, den Treibhauseffekt wettzumachen. Es gibt allerdings Beratungen darüber, welche Art von Steuerung hier nötig wäre.

The European: Wenn ich also genug Geld hätte, könnte ich solch ein System in Betrieb nehmen und niemand könnte mich aufhalten?
Caldeira: Ich glaube schon, dass Sie jemand aufhalten könnte. Die Frage ist aber: Gibt es ein Gesetz dagegen? Wenn Sie sich innerhalb der Grenzen eines Landes befinden, müssen Sie sich an die dort geltenden Umweltbestimmungen halten. Einige Länder könnten das schlicht als Verschmutzung ansehen. In den USA gibt es Umweltbestimmungen, die untersagen, mehr als eine bestimmte Menge Schwefel in die Atmosphäre zu bringen. In internationalen Gewässern hängt es wohl von der Flagge des Schiffes ab, auf dem Sie sich befinden. Und wenn dieses bestimmte Land keine diesbezüglichen Bestimmungen hat, dann wäre es schon legal. Trotzdem glaube ich, dass derjenige gestoppt würde, wenn er so etwas in großem Stil täte, ungeachtet der Rechtslage.

„Der Klimawandel wird regional zu spüren sein“

The European: Um auf das Klima zurückzukommen; wie schlecht steht es um unser Klima?
Caldeira: Ich bin sehr unsicher in Bezug darauf, wie schlecht der Klimawandel für Menschen wäre. Ich untersuche auch Korallenriffe und den Einfluss von Kohlendioxid auf Korallenriffe. Wenn wir auf unserem derzeitigen Pfad noch ein paar Jahrzehnte weitergehen, werden sie bald der Vergangenheit angehören. Die Frage ist, wie anpassungsfähig die Menschen sind. Und es ist schwierig, vorherzusagen, wie unsere Sozialsysteme und sozialen Netzwerke reagieren werden. Wir haben das bei der Subprime-Krise vor ein paar Jahren gesehen: Einige schlechte Immobilieninvestments in den USA, Irland und einigen anderen Staaten haben weltweit zu einem fünfprozentigen Rückgang des BIP geführt. Das zeigt, dass wir wirtschaftlich miteinander verbunden sind und dass eine Störung an einem Ort sich in der ganzen Welt niederschlägt. Ich denke, dass der Klimawandel ein mindestens genauso großes Problem wie die Subprime-Krise sein wird. Der Klimawandel wird regional zu spüren sein. Es wird Hitzewellen oder Dürren in einigen Gegenden geben. Die Frage ist, wie viel wirtschaftliche Störung das erzeugt. Ich weiß nicht, ob unsere Wirtschaft wie ein Kartenhaus ist, was einfach zusammenbrechen wird, oder ob sie wie ein Haus aus Ziegelsteinen ist und wir uns keine Sorgen machen müssen über diese kleinen regionalen Dinge. Ich habe wirklich keine Ahnung.

The European: Reagiert die Politik auf die Forschungsergebnisse von Ihnen und Ihren Kollegen? Kommt man auf Sie zu und fragt Sie um Rat?
Caldeira: Also zunächst einmal bewerten wir Wissenschaftler diese Ansätze und versuchen vorherzusagen, was passieren könnte, wenn man sie einsetzt. Wir machen eine klare Unterscheidung zwischen Forschung und Entwicklung. Aber diese Trennung zwischen dem Erforschen einer Sache einerseits und ihrer Förderung andererseits geht oft verloren. Ich treffe die unterschiedlichsten Leute: die einen sind der Meinung, dass es ein riesengroßer Fehler war, diese Systeme nicht schon im vorigen Jahr zu benutzen und dass wir jetzt besser schnellstmöglich etwas tun sollten. Die anderen wiederum glauben, ich würde für Ölfirmen arbeiten und Wege erforschen, damit noch weiter Öl und Kohle verbrannt werden kann. Oft ist der Diskurs nicht besonders zivilisiert. Heutzutage fehlt es oft an grundsätzlichem Respekt, wenn die Menschen miteinander in den politischen Diskurs treten. Aber zurück zur Politik: Sie wird auf diese Dinge aufmerksam. In einer gewissen Weise bin ich ein bisschen überrascht darüber, wie schnell sich die Dinge von reinen Forschungsthemen zu etwas entwickelt haben, was die Menschen als eine mögliche Politikoption betrachten. Es besteht aber meiner Ansicht nach die Gefahr, dass die Menschen diese Systeme als „die eine Lösung“ betrachten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass schlimme Dinge geschehen werden, wenn wir diese Systeme einsetzen.

The European: Welche schlimmen Dinge wären das?
Caldeira: Eine Sache könnten unvorhergesehene Klimaveränderungen sein. Oder eine Beeinflussung der Ökosysteme. Wir wissen vom Ausbruch des Pinatubo, dass die Aerosole innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder aus der Atmosphäre verschwinden. Danach hatten sowohl der Amazonas als auch der Ganges einen niedrigen Wasserstand und es gab Trockenperioden. Ich glaube nicht, dass die Welt untergehen würde. Ich glaube vielmehr, dass die Rückkopplungen viel gefährlicher wären – sozial, politisch, die Umwelt betreffend. Es würde wahrscheinlich ein paar Jahrzehnte dauern, bis diese offen zutage treten. Wenn man so ein System über Jahrzehnte betriebe und es dann ganz plötzlich abstellte, würde man sehr plötzlich mit all der Wärme konfrontiert, die man bis dahin verborgen hatte. Und dann stünde man auf einmal da …

„Wir sind besser dran, je weniger wir tun“

The European: Geo-Engineering greift sehr stark in die Natur ein. Einige Leute meinen, Sie würden Gott spielen. Glauben Sie, dass es bestimmte Grenzen gibt, welche die Wissenschaft nicht überschreiten sollte?
Caldeira: Eines der Probleme ist, dass wir sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten haben. Wenn wir hingegen nur 70 Millionen hätten, also 100 Mal weniger Menschen, dann kämen wir mit der Natur ziemlich einfach zurecht. Eine der größten Umgestaltungen, die wir auf dem Planeten vorgenommen haben, war das Entfernen natürlicher Ökosysteme und dass wir sie durch landwirtschaftliche Systeme ersetzt haben. Über viele Jahrhunderte hinweg haben wir diesen Planeten in etwas umgewandelt, was besser zu den Menschen passt. Ich persönlich glaube, dass wir umso besser dran sind, desto weniger wir tun. Das Problem ist aber, dass die Zivilisation immer größer wird; wir konsumieren immer mehr und es gibt auch immer mehr Menschen. Unser Konsumdrang wird sowohl die Erdoberfläche als auch die Atmosphäre verändern. Demnach ist die Frage, ob es okay ist, wenn man noch mehr in die Natur eingreift, um einige der Symptome vergangener Einmischungen zu lindern, unter Umständen gefährlich. Aber ich glaube, dass es möglich ist, dass die Dinge so schlimm werden, dass dieser Kompromiss attraktiv erscheint.

The European: Was sollten wir also Ihrer Ansicht nach tun, um unseren Planeten zu retten?
Caldeira: Ich denke, der beste Weg ist, unser Energiesystem in eines zu verwandeln, das die Atmosphäre nicht mehr als Mülldeponie benutzt. Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Atmosphäre unendlich ist. Also errichteten die Menschen Schornsteine und nutzten die Atmosphäre als Mülldeponie. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass das in Ordnung wäre.

The European: Braucht es dazu eine Katastrophe?
Caldeira: Als wir noch Jäger und Sammler waren, ging es in unseren zeitlichen Vorstellungen darum, ob wir genug Nüsse hatten, um über den Winter zu kommen und in unseren räumlichen Vorstellungen um das Dorf im nächsten Tal. Wir machten uns Sorgen darüber, dass sie vielleicht mitten in der Nacht rüberkommen und uns die Köpfe einschlagen würden. Und plötzlich finden wir uns in einer modernen Welt wieder, wo wir über jahrhundertealte Probleme nachdenken müssen und emotional nicht darauf vorbereitet sind. Wir sind also mehr oder weniger wie Kinder, die ihr Spielzimmer verschmutzen. Ich würde gerne sagen, dass wir uns plötzlich besinnen und unsere Emissionen reduzieren und wir also nicht solche Dinge in die Stratosphäre bringen müssen, aber ich sehe dafür noch nicht viele Anzeichen.

„Vermutlich geht es so weiter wie bisher“

The European: Also warten wir auf die Katastrophe?
Caldeira: Ich glaube schon, dass die Gefahr groß genug ist, als dass ich solche Systeme gerne entwickelt hätte. Aber ich weiß nicht, wie schlimm die Dinge noch werden. Ich möchte nicht zu gefühllos sein, aber schauen Sie sich die Reaktion des Westens an, wenn es in Afrika Kriege oder Hungersnöte gibt – die meisten Menschen ignorieren das mehr oder weniger und das Leben im Westen geht weiter. Ich weiß nicht, ob der Klimawandel etwas sein wird, was hauptsächlich auf arme Länder beschränkt ist oder ob es den ganzen Planeten betrifft. Da ich aber sehe, wie die Politik funktioniert, glaube ich, dass, wenn die schlimmsten Auswirkungen auf arme Länder und Randgebiete isoliert bleiben, Europa und Nordamerika solche Systeme nicht installieren und einfach so weitermachen wie bisher. Aber wenn diese Art von Klimaereignissen Auswirkungen und Schaden für die Wirtschaft in Europa und Nordamerika haben werden, dann könnten Politiker nicht abgeneigt sein, zu schauen, ob man solche Dinge installiert.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Klimawandel, Geologie, Vulkan

meistgelesen / meistkommentiert