Das großbürgerliche Feuilleton ist immer zur Stelle, wenn es was zu hacken gibt. Günter Grass

Rette Deutsch, wer kann

Welche Chancen hat Deutsch in den USA noch und was sind Strategien gegen seinen Rückgang? Gute Lehrer und gute Lehre sind das beste Fundament – Deutsch hat eine Zukunft in den USA.

Die Nachfrage an Deutschkursen in den USA ist seit einigen Jahren eher rückläufig, aber steht das Deutschlernen deshalb vor dem Abgrund? Wie kann man das Interesse an der deutschen Sprache im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten stärken – oder mindestens den Zustand an Deutschprogrammen in amerikanischen Schulen festhalten? Das (Un-)Interesse an Deutsch hat an und für sich nichts mit der Sprache der Dichter und Denker zu tun, sondern eher mit der amerikanischen Gleichgültigkeit dem Erwerb einer Fremdsprache gegenüber. Die traurige Tatsache: Nur 18 Prozent der Schüler in den USA lernen eine Fremdsprache, und für einen wachsenden Prozentsatz der US-Bevölkerung verliert Deutsch – und die Bundesrepublik an Bedeutung. Nur sechs Prozent der Amerikaner, die heute eine Fremdsprache lernen, lernen Deutsch.

Die Schülerin Megan von der Tigard High School in Oregon schickte im Frühjahr eine E-Mail, in der sie schrieb, dass sie „untertreibt“, wenn sie sagt, dass sie jedes einzelne Teilchen des Deutschprogramms ihrer Schule liebt. Sie organisierte eine Aktion, um das Deutschprogramm an ihrer Schule zu retten. Die Briefaktion von der Zehntklässlerin hatte aber keinen Erfolg. So ging es auch den Schülern und Eltern der Lexington High School in Massachusetts. Trotz ihrer Bemühungen wurde das Deutschprogramm von der Schulbehörde abgeschrieben und wird in den nächsten paar Jahren eingestellt. Leider sind das keine Einzelfälle.

Schulen stehen überall unter finanziellem Druck

Ähnlich erging es in den vergangenen Monaten dem Studienfach Deutsch an der University of Northern Iowa und an der Central Washington University – Programme wurden eingestellt. An der University of Virginia kam es zum Eklat, weil Uni-Präsidentin Teresa Sullivan ihren Rücktritt ankündigte, weil sie u.a. die dortige Deutschabteilung nicht drastisch beschneiden, wenn nicht gar schließen wollte – etwas, was die Vorstandsmitglieder von ihr verlangten. Dort ging die Geschichte aber glücklicher weiter, denn der Fall hat sich inzwischen gelöst – ohne das Deutschprogramm abzubauen, und Sullivan ist im Amt.

Schulen stehen überall unter finanziellem Druck. Deutsch und Deutschland gehören sowieso zu „Alt-Europa“ – Chinesisch ist der neue Renner, und der Spruch „deutsche Sprache, schwere Sprache“ hat sicherlich seine Anhänger. Eigentlich täuschen die düsteren Horrorgeschichten ein wenig. Deutschland ist laut einer Umfrage von der Deutschen Botschaft Washington so beliebt wie nie. 55 Prozent der Amerikaner haben einen ausgezeichneten oder guten Gesamteindruck von Deutschland. 58 Prozent der Befragten meinen, dass Deutschland eine bedeutende Wirtschaftsmacht ist. Eine Statistik vom American Council on the Teaching of Foreign Languages (ACTFL) zeigt, dass zwischen 2005 und 2008 die Zahl der Deutschlernenden in öffentlichen Schulen in den USA um acht Prozent gestiegen ist. Die Modern Language Association (MLA) stellte fest, dass zwischen 2006 und 2009 die Teilnahme an Deutschkursen in Hochschulen der USA auch um zwei Prozent gestiegen ist. In der Tat hat die Zahl der Kursteilnehmer in den vergangenen Jahren zugenommen – mehr Menschen lernen Deutsch, aber an weniger Institutionen.

Eines wissen wir: wo gut ausgebildete, engagierte Deutschlehrende sind, ist die Nachfrage nach Deutsch groß. Verstärkte Lehrerfortbildung ist deshalb ein Muss. Zwei neue Deutschprogramme gibt es nun in Little Rock in Arkansas, und im nächsten Schuljahr findet Deutsch wieder seinen Platz auf dem Stundenplan von Schülern in Oklahoma City. Da haben sich engagierte Lehrer, Schüler, Eltern und Vertreter der Gemeinde zusammengetan und etwas ins Leben gerufen.

Seit 2007 gibt es für sogenannte Critical-Needs-Languages (u.a. Arabisch, Chinesisch, Hindi, Russisch, Türkisch) das StarTalk-Programm, Sommerferien-Schnupper-Sprachkurse, finanziert durch die US-Regierung, dessen Ziel es ist, Interesse an Sprachen unter Jugendlichen zu erwecken. Dieses Jahr nahmen etwa 8.000 Schüler am StarTalk-Programm teil. Durch dieses Programm wächst das Interesse an solchen Sprachen. Bei 42 Prozent der StartTalk-Programme sind neue Sprachprogramme in Schulen entstanden. Gäbe es im nächsten Sommer ähnliche Schnupperkurse für Deutsch, stiege auch die Nachfrage für Deutsch in den Schulen.

Massenhaft Manpower, viel Zeit und Geld

Als Lehrer habe ich jahrelang einen Schulaustausch mit meiner Schule in New Mexico und Schulen in Deutschland organisiert. Nichts gibt es, das Schüler besser in die Deutschklasse heranlockt, als die Gelegenheit, selbst Erfahrungen in dem Lande zu sammeln. Meine ehemalige Schülerin Lu Luna, nun erfolgreiche Geschäftsfrau in El Paso in Texas, postete auf Facebook vor einigen Wochen, dass sie dadurch lebenslange Freundschaften schloss, und dass der Aufenthalt in Deutschland ihre Weltanschauung änderte und die tollsten Erinnerungen hinterließ. Programme wie das AATG Summer Study Program und das German-American Partnership Program (GAPP) müssen deshalb finanziell gefördert und gestärkt werden.

Das Interesse an Deutsch unter Minderheiten in den USA ist lebenswichtig für die Zukunft. Für Manche ist das Deutschlandbild immer noch von der dunklen Seite der deutschen Geschichte geprägt. Maßnahmen, um das Image von Deutschland als multikulturellem Land zu zeigen, müssen wir unternehmen. Wir müssen deshalb Lehrkräfte aus Minderheitsgruppen rekrutieren, damit Schüler Vorbilder haben, die wie sie aussehen.

Das alles kostet massenhaft Manpower, viel Zeit und Geld. Sind wir bereit, das Nötige zu investieren? Oder soll Deutsch in amerikanischen Schulen eine schöne Erinnerung werden?

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Usa, Goethe-institut, Deutsche-sprache

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
14.01.2016

Gespräch

Medium_88c2389bd8

Debatte

Deutschland braucht Zuwanderung

Medium_cee85e8628

Her mit der Willkommenskultur

Integration beginnt bereits im Herkunftsland. Und wir brauchen diese Zuwanderer für eine zukunftsorientierte Gesellschaft. Die dazu nötigen Werte finden sich in der europäischen Antike. weiterlesen

Medium_8f57654159
von Klaus-Dieter Lehmann
11.01.2011
meistgelesen / meistkommentiert