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„Wir schlagen uns nicht die Köpfe ein“

Der Google-Sprecher Kay Oberbeck im Gespräch mit Alexander Görlach. Die Aufnahme entstand auf dem Digital-Life-Design-Event des Burda-Verlags in München.

The European: Wir sind hier alle bei Burda eingeladen. Warum ist Google hier? Wollen Sie Appeasement betreiben und darauf hinweisen, dass man nicht alles vor Gericht klären muss? Ist das eine kleine Annäherung hier?
Oberbeck: Google ist schon sehr lange Partner von Burda. Auch hier beim DLD. Es ist jetzt das 6. Jahr, das wir hier sind. Dieses Jahr sind wir ein bisschen größer vertreten. Wir promoten hier auch ein bisschen unser Nexus One und wir sind stolz, unser Nexus One, also das Google-Handy im allgemeinen Sprachgebrauch, hier zum ersten Mal auf dem europäischen Kontinent präsentieren zu können. Als Appeasement würde ich das allerdings definitiv nicht sehen. Wir sind schon seit Jahren Partner von Verlagen, und wenn man der Diskussion folgt, wie die Relation von Google zu Verlagen ist oder andersrum, Verlage teilweise auch Google sehen, mag man das Gefühl bekommen, wir würden uns eigentlich nur noch die Köpfe einschlagen und wir würden sozusagen nur noch mit Schlagringen bewaffnet aufeinander zugehen. Das ist mitnichten so. Wir machen sehr viele Geschäfte mit Verlagen. Alleine im letzten Jahr haben wir im Bereich unserer Werbekooperationen rund sechs Milliarden US-Dollar an Verlage und Web-Publisher ausgezahlt. Da kann man nicht davon sprechen, dass wir nur schlecht auf Verlage zu sprechen wären oder Verlage schlecht auf Google zu sprechen wären. Sicherlich gibt es Themen, die man diskutieren und adressieren muss, und das machen wir auch. Das hat aber mit dem DLD als solchem nichts zu tun. Wir sind Partner von Verlagen, von Burda, und die Veranstaltung ist sehr toll und bringt sehr viel Spaß.

The European: Da sind trotzdem ein paar Streitpunkte im Raum. Die Verlagsseite wirft Google vor, Ihr nehmt den Inhalt, Ihr distribuiert ihn und Ihr bezahlt nicht dafür. Die Öffentlich-Rechtlichen und die Verlage hatten ja auch ihren Streit und da sieht die Annäherung so aus, dass man sagt: Okay, wir Fernsehsender machen das Bewegtbild, ihr Verlage baut den Text außen herum. Das ist so eine Art Lösung, die jetzt gerade überall diskutiert wird und sich in den nächsten Jahren erproben wird. Was ist denn jetzt hier genau das Angebot? Gibt es eine Möglichkeit der Annäherung?
Oberbeck: Nun, was wir machen, ist Inhalte aufzufinden, die von Verlagen ins Internet gestellt werden. Jeder Verlag kann selbst entscheiden, ob er seine Inhalte kostenpflichtig oder kostenlos ins Internet stellen will. Kostenlos, um sie dann vielleicht durch Werbung refinanzieren zu lassen. Wir helfen Verlagen dabei, und so sehen wir auch unsere Rolle, ihnen Traffic zuzuführen, und das machen wir etwa vier Milliarden Mal im Monat weltweit. Vier Milliarden Klicks gehen auf Verlagsangebote. Sicherlich ist es auch so, dass es schwierig ist, zum Beispiel Nachrichten zu monetarisieren. Es ist schwierig, dass sehen wir ja auch auf unserer eigenen Seite. Werbungtreibende buchen nicht auf Suchbegriffe wie Afghanistan oder Irak und Iran oder dergleichen mehr. Werbepartner buchen auf Werbebegriffe wie “Digitalkamera günstig” oder “Flug in den Süden”. Das ist das, womit wir Geld machen. Wir wollen auf der einen Seite Verlagen helfen, indem wir wie gesagt Traffic liefern, auf der anderen Seite wollen wir natürlich auch gemeinsam Modelle austesten, wie Verlage noch mehr Geld verdienen können. AdSense ist ein Beispiel dafür, also unser Werbemodell, mit dem wir sehr viel Geld auch für Verlage generieren. Ein anderes Beispiel könnte sein, auch bei Google News neue Formen einzuführen, zum Beispiel Fast Flip. Das ist eine neue Form, die nur in Kooperation mit Verlagen funktionieren kann, damit Nutzer Inhalte und Nachrichten neu erleben können. Wie das dann monetarisiert werden kann und wie das dann auch durch Werbung gegengespielt werden kann, das ist sicherlich etwas, was wir auch hier in Deutschland vorantreiben wollen.

The European: Mit Google zusammen haben die Verlage Masse nach vorne geschoben. Möglichst viel Traffic, möglichst viele Unterseiten. Wie wird man es in Zukunft schaffen, auch von Googles Seite her, die Suchergebnisse qualitativ aufzubereiten und nicht quantitativ?
Oberbeck: Also, es nicht nur quantitativ. Unser Suchalgorithmus basiert auf circa 200 Signalen – wir sprechen hier von Signalen –, die sehr viele Faktoren haben. Ein wesentlicher Faktor ist natürlich der Pagerank, sprich das, was uns in der Suche damals, vor elf Jahren, wirklich unterschieden hat und uns sicherlich auch nach wie vor noch unterscheidet, um letzten Endes die Relevanz einer Seite auch für die Netzgemeinde transparent darzustellen und dementsprechend dann auch die Suchergebnisse relevant widerzuspiegeln. Bei Google News zum Beispiel ist uns Bestreben natürlich, über ein Thema so viele Quellen wie möglich nach vorne zu bringen. Das kann sicherlich auch dazu führen, dass bestimmte Themen, die jetzt auf der Tagesordnung stehen, dort stärker präsentiert werden als zum Beispiel journalistische Scoops. Das ist sicherlich ein Bereich, in dem wir noch besser werden müssen beziehungsweise wo wir uns Produkte überlegen müssen, zusammen mit den Verlagen, mit denen man so etwas transparenter und auch anders darstellen kann. Das heißt ja nicht, dass wir mit der Suchmaschinen-Technologie jetzt, im Jahr 2010, schon am Ende der Fahnenstange angelangt sind. Ein Vergleich, der das glaube ich ganz gut trifft: Wenn man die Suchmaschinen-Technologie mit einem Buch vergleicht, das 300 Kapitel hat, dann sind wir jetzt im Jahr 2010 vielleicht gerade bei Kapitel drei angelangt. Das ist noch eine sehr, sehr junge Disziplin, und wir machen bereits einen sehr guten Job, wenn es um textliche Geschichten geht. Aber im Bereich des Bewegtbilds, der Situation, in der wir uns gerade befinden, das ist etwas, was technologisch noch viel besser dargestellt werden muss.

The European: Das ist ein gutes Stichwort, denn bei YouTube hat Google es so gemacht, dass es die Medien, die Bewegtbild liefern, zu Google auf die Plattform eingeladen hat. Von BBC über NBC bis hin zum Vatikan, alle haben auf Google eine schöne Präsentation. Das heißt, Google ist nicht mehr nur eine technologische Plattform, sondern bietet auch Content und schafft den Sendern, wie etwa dem ZDF, eine Zuschauergruppe, die sie sonst gar nicht mehr hätten. Wann fängt Google denn an, an dieser Stelle von den Verlagen und Sendern Geld zu nehmen?
Oberbeck: Zuerst, wir stellen keinen Content zur Verfügung, wir bieten nur die Plattform. Wenn das ZDF oder “Wetten, dass..?” dort einen Channel haben, oder auch die UEFA, dann sind das natürlich immer die originären Inhalte der Anbieter. Wir versuchen, auf diese Art und Weise nicht nur zu helfen; neue, jüngere, andere Zielgruppen auch an tradierte Medien heranzubringen, sondern damit auch für diese Partner Geld zu verdienen. Das passiert jetzt schon, dass wir auf diesen Channels auch Werbung schalten und damit natürlich auch die Channel-Betreiber, sprich die UEFAs dieser Welt, Geld verdienen. Das ist aber noch eine sehr junge Disziplin, dessen muss man sich immer gewahr werden. Wir haben mit der Einführung und mit der Entwicklung von neuen Werbeformaten, die beim Bewegtbild komplett anderen Gesetzen folgen als zum Beispiel bei der Suchmaschinen-Werbung, erst im letzten Jahr begonnen. Man sieht jetzt, dass Video immer wichtiger wird, für die Nutzerschaft wie auch für die Werbung treibende Wirtschaft. Und das ist jetzt ein Rad, das langsam anfängt sich sehr gut einzuschwingen, um dann immer größer zu werden. Wir hoffen natürlich, dass auch mehr Werbepartner von dieser neuen Plattform Gebrauch machen. Wir sehen das bei Automobilfirmen, die sehr schnell dabei sind, diese Werbeform auszutesten und zu probieren. Und da sind wir sehr gerne Sparringspartner, um auszutesten, was funktioniert. Ich glaube, dass wir da die nächsten Jahre zusammen, speziell im mobilen Bereich, sehr große Fortschritte machen werden.

The European: Reden wir mal über Google als Marke. War es ein geschickter PR-Coup, sich vom chinesischen Markt zu verabschieden?
Oberbeck: Das haben wir vereinzelt gehört, dass es aus PR-Gründen gewesen wäre. Aber jeder, der Google ein bisschen tiefer kennt, weiß, dass das alles andere als aufgesetzt war. Wir haben in China vor vier Jahren unter www.google.cn eine Suchmaschine gestartet, und wir haben uns diese Entscheidung auch nicht einfach gemacht. Wir sind vor vier Jahren nach China gegangen in dem Glauben und mit dem Ziel und mit der Hoffnung vielleicht auch, dass der Vorteil, dass wir mit unserer Suchmaschine einen größeren Zugang an Informationen schaffen, die Nachteile überwiegt, die das chinesische Gesetz uns auferlegt hat: nämlich, dass wir zensieren müssen. Unsere Hoffnung war, dass wir das offene Internet trotzdem mit unserer Suchmaschine weiter vorantreiben können.

The European: Wie hätte das idealerweise passieren können, wenn die relevanten Schlagworte nicht die Ergebnisse bringen, die sie in Amerika bringen?
Oberbeck: Nun, es ist natürlich so, dass der große Teil der Suchergebnisse, die wir dort präsentieren, nicht zensiert ist. Aber natürlich gibt es Zensur. Und das war natürlich eine Balance, etwas, wo wir die Hoffnung hatten, etwas verändern zu können. Wenn man sich die Ereignisse des letzten Jahres anschaut und die weitere Reglementierung der freien Meinungsäußerung, wenn man sich insbesondere die ausgeklügelten Hackerangriffe, von denen wir im Dezember erfahren haben, die direkte Angriffe auf unsere Infrastruktur direkt aus China waren, vor Augen hält, dann sieht man, dass die freie Meinungsäußerung, das offene Internet in China, sich in keinster Weise verbessert hat. Das hat uns dazu gebracht, unseren Ansatz zu China neu zu überdenken. Das ist der Grund, warum wir jetzt sagen: Vor dem Hintergrund, dass Menschenrechtsaktivisten und Dissidenten, die sich dem Thema China angenommen haben, explizit und sehr direkt und gezielt angegangen werden und versucht wird, deren Google-Mail-Konten auszuspionieren, und versucht wird, diese Konten zu kapern, vor diesem Hintergrund sind wir nicht mehr bereit, Inhalte, die zum Beispiel auch von solchen Dissidenten oder Menschenrechtsaktivisten ins Netz gestellt werden, dann auch noch zensieren zu müssen. Das ist es, was uns nun letzten Endes zu dem Schritt bewogen hat zu sagen: Ja, wir wollen in China bleiben. Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir unsere Suchergebnisse unzensiert anbieten können.

The European: Don’t be evil! Das ist ja jetzt das Schlagwort, das Firmenmotto im Rückblick. Aber es ist ja nicht nur das Böse schlecht, das man tut, sondern auch das Gute, das man unterlässt. Wäre die Strategie für den chinesischen Markt heute dieselbe? Erst mal reingehen, versuchen, Marktanteile zu gewinnen, und dabei das System verändern?
Oberbeck: Nach vier Jahren, in denen sich die Rahmenbedingungen für freie Meinungsäußerung verschlechtert haben, wenn man das damals gewusst hätte, ein klares Nein. Aber unsere Hoffnung überwog die negativen Aspekte einer Zensur. Und das wir jetzt eines anderen belehrt wurden, das liegt wirklich an den technisch sehr ausgeklügelten Attacken, die sich gezielt auf Menschenrechtsaktivisten, um ihre Konten auszuspähen, gerichtet haben. Das, zusammen mit dem, was im letzten Jahr passiert ist, auch im Internet, um freie Meinungsäußerung zu reglementieren, das hat uns dazu gebracht.

The European: Die Attacken sind so stark gewesen, dass sie nur von staatlicher Seite kommen konnten?
Oberbeck: Darüber können und wollen wir nicht spekulieren. Wir wissen nicht, von wem, welcher Person, welchem Personenkreis diese Attacken kamen. Wir wissen aber sehr wohl, dass sie aus China heraus getätigt und scheinbar auch dort organisiert wurden. Wer das war? Wir wissen es nicht. Letzten Endes macht es aber für die Entscheidung gar keinen Unterschied, dass wir vor dem geschilderten Hintergrund einfach nicht mehr hinnehmen können, dass wir unsere Suchergebnisse zensieren müssen.

The European: Wie sieht das Google als Firma, die ihren Sitz in Amerika hat? Die US-Regierung hat sich schon eingeschaltet. Es wird ein Stellvertreter-Konflikt ausgetragen mithilfe von Google, mit der Google-Streitfrage. Will sich Google so in das Verhältnis von China und den USA begeben? Das ist es ja, was gerade ansteht.
Oberbeck: Das Ziel war in keinster Weise, sich in regierungspolitische Themen einzumischen. Das Ziel unseres neuen Ansatzes für China war schlicht und ergreifend, dass wir es mit unseren Werten, mit den Werten von Google einfach nicht mehr vereinbaren können, vor diesen Hintergründen in China zu zensieren. Der Effekt, den unsere Entscheidung mit sich gebracht hat und sicherlich auch die Entscheidung, sehr früh an die Öffentlichkeit zu treten mit der Tatsache, dass wir Hackerangriffe hatten, was ja für eine IT-Firma kein leichtes Unterfangen ist, so etwas offen zu kommunizieren, das war einzig und allein Googles Entscheidung, dass wir damit nicht mehr einhergehen konnten zu zensieren. Dass das jetzt so einen weltweiten Aufschrei verursacht hat und so in den Medien präsent ist, ist für die Sache, für die freie Meinungsäußerung im Netz, als Zeichen zu verstehen, als Aufruf an die Regierungen in allen Ländern, sich dieses Problems gewahr zu werden und es auch zu adressieren. Sicherlich ist dies nicht unvorteilhaft.

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