Die Sozialdemokratie darf in dieser Regierung nicht der Rotkreuzwagen sein. Franz Müntefering

Bourgeois vs. Citoyen

Die Grüne Bürgerlichkeit steht für die neue gesellschaftliche Vielfalt. Sie muss sich nicht gegen andere Lebensstile abgrenzen, sie ist nicht spießig und braucht kein Ressentiment. Sie ist nicht wie die der Union.

Der Bürger, das unbekannte Wesen? Nicht nur die Union, auch Medien fragen sich, wie es dazu kommen konnte: Der grüne Kandidat Fritz Kuhn gewinnt in der ehemaligen CDU-Hochburg Stuttgart den Wettbewerb um den OB-Posten. Wirklich überraschen kann das nur diejenigen, die immer noch glauben, dass es so etwas wie ein klar abgrenzbares „bürgerliches Lager“ gibt. Tatsache ist aber: Diejenigen Wählerinnen und Wähler, die sich offenbar von den Grünen vertreten fühlen, bewegen sich längst jenseits klar definierter Lager.

Bürgerliche Werte haben sich von bestimmten bekannten Lebensformen abgelöst und finden sich nun in verschiedensten Milieus und Lebensstilen wieder. Und das ist nicht nur in den Großstädten so, sondern auch auf dem Land. Die „Grüne Bürgerlichkeit“ steht genau für diese neue Vielfalt, während viele Konservative in der Union immer noch glauben, bürgerliche Werte könnten nur in altbekannten Lebensstilen verwirklicht werden. Aber wenn es um Werte und Tugenden wie Verantwortung, Solidarität, familiäre Bindung, Bewahrung der Schöpfung usw. geht, stehen sie nicht selten längst im Abseits.

Grüne Bürgerlichkeit braucht keine Ressentiments

So leben zum Beispiel Menschen in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften oft klassische Werte und füllen sie mit neuem Leben. Das Betreuungsgeld, der Widerstand gegen die Homo-Ehe, die Nachlässigkeit beim Kita-Ausbau, die Blockade gegen eine gesetzliche Frauenquote: all das sind Beispiele dafür, dass die selbst ernannten „bürgerlichen Parteien“ den Anschluss an dieses moderne Bürgertum und seine Lebenssituationen verloren haben. Die Union könnte sich noch so sehr grün anstreichen oder zu Facebook-Partys einladen, für das moderne Bürgertum wäre sie deshalb wohl kaum attraktiver. Was bei der Union ansteht, ist eine grundsätzliche Debatte über die eigene Werteorientierung. Und das kann dauern. Seit zehn Jahren schon befasst sich die Union mit ihrer Situation in den Großstädten. Offensichtlich nicht erfolgreich.

Die Grünen haben seit ihrer Gründung die Lagergrenzen überschritten, denn bei ihnen fanden sich schon damals Wertkonservative neben alternativen Linken. Nicht zuletzt deshalb sind sie auf die jetzige Konstellation und die Auflösung der alten Lager gut vorbereitet. Grüne Bürgerlichkeit muss sich nicht gegen andere Lebensstile abgrenzen, sie ist nicht spießig. Sie braucht kein Ressentiment gegen andere, gegen Asylbewerber, eine „Unterschicht“ oder „faule Griechen“, um sich zu profilieren. Grüne Bürgerlichkeit steht für Vielfalt und für Offenheit. Es ist eine einladende Bürgerlichkeit. Und diese Offenheit sucht die Öffentlichkeit.

Diejenigen „neuen Bürger“, die in Baden-Württemberg grün gewählt haben, sind interessiert an einem sozialen und funktionierenden Gemeinwesen, an guten Schulen für alle Kinder – nicht nur für die eigenen – an öffentlichen Kulturangeboten, einem funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, einer ökologischen Politik. Bürgerlichkeit trägt für einige immer noch oft das Stigma des Piefig-Privatistischen mit sich herum, als säßen die Verbürgerlichten am liebsten zu Hause auf dem Sofa und kümmerten sich mit Vorliebe um ihr privates Wohlergehen. Tatsächlich sind der Bürger und die Bürgerin traditionell wohl anfällig für Egoismus und den Rückzug ins Private. Der Unterschied zwischen dem Bürger, der primär Unternehmer seiner selbst ist, und demjenigen, der auch öffentliche Verantwortung übernimmt, wird gemeinhin in der Unterscheidung zwischen dem Bourgeois und Citoyen auf den Punkt gebracht. So betrachtet sind Grünenwähler Citoyens, sie handeln und wählen auch gegen ihre unmittelbaren Eigeninteressen. Sie schauen, statt im Tunnelblick des eigenen Erfolgs gefangen zu sein, aufs große Ganze, auf das gute Zusammenleben aller. Deshalb ist soziale Gerechtigkeit so ein wichtiges grünes Thema genauso wie die Generationengerechtigkeit. Wem diese Themen wichtig sind, der/die wählt weit mehr als den eigenen Geldbeutel und kann der auf den Egoismus einer bestimmten Klientel abzielenden Steuersenkungspolitik wenig abgewinnen.

Natürlich ist der grüne Bürger kein reiner Altruist

Die Bürger, von denen wir hier reden, wollen sich in öffentliche Belange einmischen, sie wollen mitbestimmen und mitreden. Und sie haben dabei mehr im Sinn als sich selbst. Stuttgart hat klar und deutlich gezeigt, dass der Appell an das blinde Eigeninteresse im Neuen Bürgertum nicht mehr zieht. Auch bei vielen älteren Menschen hat ein Wertewandel stattgefunden. Verzweifelt versuchte Sebastian Turner (Fritz Kuhns parteiloser Gegenkandidat, Anm. d. Red.), Angst zu schüren nach dem Motto: Die Grünen sind autofeindlich und nehmen euch euer Heilix Blechle weg! Dass er damit nicht durchkam, hat mit der neu erwachten Skepsis gegenüber dem „altbürgerlichen“ Glauben an das „Höher, Schneller, Weiter“ zu tun. Im neuen, progressiven Bürgertum formuliert sich das alte – wenn man so will konservative – Interesse an der Erhaltung der Schöpfung als Kritik am Wachstumsfetisch neu. Die Grenzen des Machbaren sind ja gerade in Stuttgart tagtäglich hautnah erlebbar: Ganz abgesehen davon, dass man den Stadtkessel mit schnelleren Autos keineswegs schneller erreicht, kann man jeden Tag die Dunstwolke über der Stadt sehen.

Natürlich ist der grüne Bürger kein reiner Altruist. Seine postmaterialistische Frage danach, was wirklich zählt im Leben, betrifft genauso das eigene Leben. So wie er natürliche Umweltressourcen schonen will, will er die eigenen Ressourcen schonen, durch gesunde Ernährung oder indem er die Karriere einmal langsamer angehen lässt, anstatt mit 40 den ersten Burn-out zu erleiden. Aber selbst diese Lebensstilfragen implizieren immer auch die Frage nach dem Gemeinwesen. Auch da, wo der grüne Bürger sich um sein individuelles Glück kümmert, ist er immun gegen die Exzesse des maßlosen Egoismus. Er wählt grün, weil er nicht alleine auf der Welt ist und sein Eigeninteresse nicht alles ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rebecca Harms, Dagmar Wöhrl, Philipp Mißfelder.

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