Bei der Energiewende jonglieren wir mit 25 Bällen gleichzeitig. Claudia Kemfert

„Heine ist sehr provokant“

Am Mittwoch liest, spielt und singt Katja Riemann ihre Interpretation von „Deutschland. Ein Wintermärchen“ und der „Winterreise“ im Berliner Ensemble. Der Titel des Abends: „Winter. Ein Roadmovie.“ Mit Alexander Görlach sprach sie über die Sehnsucht nach dem Tode und Deutschtümelei.

The European: Frau Riemann. Warum Schubert, warum Heine?
Riemann: Was mich daran interessiert hat, ist die Kombination aus Literatur und Musik, die inhaltlich in einem Verbund stehen. Es stellt sich natürlich die Frage, was die beiden miteinander zu tun haben, immerhin liegen ja dreißig Jahre dazwischen. Der Abend ist aber kein klassisches Konzert oder Vortrag, bei dem man einen Zyklus von Schubert spielt, oder das gesamte Gedicht Heines vorliest.

The European: Sondern?
Riemann: Ich habe ein Konzept geschrieben, bei dem ich versucht habe, zwei Antipoden miteinander zu kombinieren: die politische Perspektive eines jüdischen Schriftstellers Heine, der aus dem Exil auf die Lage Deutschlands 1843 blickt, und Schuberts Schwermut und Todessehnsucht. So will ich letztlich einen Spannungsbogen über ganz Deutschland ziehen, um etwas über die deutsche Mentalität zu erzählen. Was ich daran interessant finde, ist die Aktualität.

The European: Spiegelt es uns denn heute wieder?
Riemann: Heine war mit Karl Marx befreundet, der zur gleichen Zeit in Paris lebte. Wahrscheinlich haben sie gemeinsam in den Pariser Kneipen darüber diskutiert, wie sich Europa aufstellen könnte. Als Heine nach Deutschland kam, war Napoleon gerade weg und hatte ein zerstückeltes Preußentum hinterlassen. Heine hat fantasiert – oder auch visioniert – von einem gemeinschaftlichen und freien Europa. Genau da sind wir heute.

The European: Wie soll das umgesetzt werden?
Riemann: Unter anderem wird am Abend die Europa-Hymne gespielt. Und während Passagen von Heine vorgetragen werden, wie: „Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.“ Oder, wie es in einer weiteren Passage lautet: „Die Jungfer Europa ist verlobt. Mit dem schönen Geniusse der Freiheit, sie liegen einander im Arm, sie schwelgen im ersten Kusse.“ Dann wird zum Beispiel ein Bild von Merkel und Sarkozy, die sich auf den Mund küssen, eingeblendet. Die Beiden, die versuchen das Flaggschiff Europa zusammenzubringen. Das hat eine enorme Aktualität.

„Deutschland ist viel mehr als Ost- und Westeuropa“

The European: Ist das nicht etwas viel Pathos?
Riemann: Nein, das ist überhaupt kein Pathos. Immerhin ist Heine in seiner Betrachtung von Deutschland in seinem „Roadmovie“ sehr provokant. Er lässt da nichts aus. Und so soll es auch kein Abend über die harmonische Freiheit Europas werden. Ganz im Gegenteil, es wird deutlich werden, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist.

The European: Wie passt der deutsche Schwermut da rein? Sind die Deutschen damit immer noch verheiratet oder ist Deutschland heute ein lebenslustigeres Land?
Riemann: Das weiß ich nicht. Aber Deutschland ist sehr viel mehr Ost- als Westeuropa. Allein schon aufgrund des Klimas. Betrachtet man einmal, was deutsche Schriftsteller heute schreiben: Das hat immense Tiefe und etwas sehr düsteres.

The European: Gilt das für den deutschen Film gleichermaßen?
Riemann: Deutschland steht nicht wirklich für Komödie oder Entertainment. Auch wenn die Welt heute fast gleichgeschaltet ist, bedenkt man die ganzen Castingshows. Dennoch steht Deutschland, von außen betrachtet, für ein Land, in dem gute Autos gebaut werden und Geld gezählt wird. Deutscher Film ist, wenn er nicht der Versuch von Mainstream ist, dunkel, schwer und karg.

The European: Das heißt, die Essenz deutschen Kulturguts ist auch heute in anderen Kunstgattungen noch zu finden.
Riemann. Ja. Man muss sicher unterscheiden, was davon tatsächlich deutsch und was schlicht und einfach typisch Mensch ist. Schließlich sorgt die Gleichschaltung in der Welt, dass wir uns auch andere Eigenschaften aneignen. Wir sind viel kleiner geworden. Wir können die ganze Welt hören, lesen und sehen. Mit dem Projekt versuche ich, diese Einflüsse auszublenden und zu gucken, was am Ende noch übrig bleibt. Diese Zeitreise ist sehr angenehm. Man prüft, ob die Vergangenheit heute noch etwas mit uns zu tun hat. Diese Frage wird von mir nicht beantwortet, sondern gestellt.

„Bestimmte Personen stehen hier auf einem Sockel“

The European: Kann es gelingen, Schubert und Heine auf die Bühne zu bringen und gleichzeitig mit Entertainment zu verbinden?
Riemann: Es stellt sich sogar die Frage: Darf man das? Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob auch das etwas typisch deutsches ist – bestimmte Personen stehen hier auf einem Sockel, man darf sie nicht antasten, weil sie bedeutungsvoll sind.

The European: Und das, obwohl viele der Stücke, die wir heute am meisten verehren, damals die alltäglichsten waren – wie zum Beispiel ein Großteil der Mozartsonaten.
Riemann: Ich würde mir wünschen, dass der Abend dazu führt, dass man einmal diesen Staub beseitigt, der auf dem Sockel liegt. Dass man sagt, wir hören uns diese Stücke einfach mal neu an, hören uns mal diese Geschichten an, voller Provokationen, schönem Humor, Liebe, Zärtlichkeit, ohne zu sagen: „Oh, das ist Heine!“

The European: Also bewusst nicht nur an Kenner gerichtet?
Riemann: Genau. Natürlich muss man sich auch immer in die Sprache reinhören, schließlich sind es Reime. Es würde mich freuen, wenn man diesen Liedern auch einmal in einem anderen Kontext zuhört.

The European: Was genau meinen Sie?
Riemann: Zum Beispiel habe ich einen kühnen Schritt gewagt, indem ich der Passage über den preußischen Adler, über den Heine schreibt, der das Preußentum und damit den Drill, die Unterdrückung und die Kleingeistigkeit repräsentiert, das Stück die „Krähe“ folgen lasse. Dabei geht es um den Todesvogel, der um das Haupt des alten Egos zieht – auf der Bühne bin das ich. Die Phantasie, die aus dieser Kombination resultieren kann, ist die Vorstellung des Preußentums, der Unterdrückung, dessen, was dir dein Leben schwer macht, was dich vielleicht sogar einsperrt und der Sehnsucht nach dem Tod. Dadurch wird dem Gesamten eine neue Dimension verliehen.

The European: Diese Kompilation scheinen Ihre Spezialität zu sein. Ähnlich wie bei dem Unterfangen mit Rammstein und Sibylle Berg.
Riemann: Genau, da war das ähnlich, denn am Ende ging es auch da um Deutschland.

The European: Ist also Deutschland Ihr Thema oder die Kompilation?
Riemann: Die Kompilation ist mein Ding: Inhalte in einen neuen Zusammenhang zu stellen.

The European: Gibt es bereits Pläne für eine neue Kompilation?
Riemann: Nein. Ich freue mich erst einmal darauf, dieses Stück nächstes Jahr in Frankreich zu spielen. Und dann werde ich gemeinsam mit meinem Gitarristen, Arne Jansen, die Musik für meinen nächsten Film mit Margarethe von Trotta schreiben.

Katja Riemann ist Kolumnistin für The European und moderiert die The European-Konzertreihe „Dreißig Minuten“.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Gert Scobel: „Es steht schlecht um die Debattenkultur“

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