Andere Staaten haben die Chance, das amerikanische Schicksal zu vermeiden. Robert Reich

Warum Europa ohne Kultur nicht funktioniert

Europa braucht seine Bürger. Es liegt im Interesse und in der Macht der Entscheidungsträger, jeden Einzelnen dazu zu bewegen, Verantwortung für ein “Europa der Bürger” zu übernehmen. Die kulturelle Vielfalt und die Bedeutung von Europas Kultur sind von unschätzbarem Wert und sollten die Basis für den Kontakt zwischen Europa und seinen Bürgern bilden.

Sehen Sie sich nur den Festivalsommer an – jeden Tag eröffnet irgendwo in Europa ein Festival. Tausende Künstler aus der ganzen Welt treten auf. Das Festival ist ein Treffpunkt für jedermann, aus den Städten und vom Land: Die lokale Bevölkerung, Interessengruppen, die Presse, professionelle Künstler und natürlich auch die interessierten Neulinge. Tausende von Menschen kommen zusammen, um unter dem Sternenhimmel oder auf einem Marktplatz von Europas Städten und Dörfern Kunst und Kultur zu genießen.

Die künstlerischen Entscheidungen, auf denen diese Festivals basieren, garantieren ihre Nachhaltigkeit und verankern sie tief in der Gesellschaft. Festivals inspirieren, unterhalten, regen zum Nachdenken an und bewegen die Herzen und Gedanken der Menschen. Genau so können wir die Menschen für die Gesellschaft begeistern – und für Europa!

Der Begriff “Union Citizenship” ist seit dem Vertrag von Maastricht ein akzeptiertes juristisches Konzept. Doch in den fünfzig Jahren davor waren die Bürger kaum aktiv am Aufbau Europas beteiligt, sondern traten höchstens als Wähler in Erscheinung – mit negativen Effekten. Im Kopf vieler Menschen firmiert die EU immer noch als entferntes und abstraktes Gebilde. Das führt zu mangelndem Interesse und letztendlich auch zu mangelndem Engagement.

In den letzten Jahren hat sich einiges verbessert – zumindest auf dem Papier. Die Einführung von Artikel 11 des Vertrags von Lissabon schreibt vor, dass EU-Institutionen den Bürgern und ihren Interessenvertretungen die Möglichkeit geben müssen, ihre Sichtweise zu allen Gebieten der EU-Politik zu erläutern und öffentlich zu diskutieren. Zum ersten Mal in der Geschichte der EU gibt es mit Artikel 11 die juristisch verbriefte Möglichkeit für Bürger und zivilgesellschaftliche Organisationen, Politik und Initiativen der EU zu diskutieren.

Die kreative Verantwortung der Bürger Europas im Integrationsprozess ist von zentraler Bedeutung für den Erfolg des “Projekts Europa”. In diesem Kontext wird Kultur zum verbindenden Element – ohne sie kann man die Idee einer europäischen Staatsangehörigkeit nicht verstehen. Europa ist eine Einheit aus vielen Kulturen. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl ist nur möglich, wenn wir unsere Nachbarn kennen und Gemeinsamkeiten mit Ihnen erarbeiten – eine Identität, die auf dem Austausch basiert und davon ausgeht, dass wir durch interkulturelle Erfahrungen auch persönlich gewinnen können. Die Politik sollte diese Entwicklung vorantreiben!

Im Vorfeld der EU-Parlamentswahlen 2014 hat die EU vorgeschlagen, 2013 zum Europäischen Jahr der Bürger zu machen. Die parlamentarische Arbeitsgruppe von “A Soul for Europe” – eine Gruppe von 15 Abgeordneten und Kulturschaffenden – ist überzeugt, dass ein solches Vorhaben nur dann eine langfristige Wirkung haben kann, wenn die Kultur deutlich in den Mittelpunkt gestellt wird.

Das ist der Grund, aus dem “A Soul for Europe” gemeinsam mit Kulturschaffenden und Organisationen wie der “Civil Society Platform on Access to Culture” die Achtung eines neuen Grundrechts fordert: Das Recht, Zugriff auf Kultur und kulturelle Vielfalt zu haben. Unsere Initiative arbeitet daran, die gemeinsame Verantwortung der Menschen in Europa und für Europa zu stärken. Gleichzeitig unterstützen wir das Engagement der EU und der Mitgliedsstaaten, die einen großen Einfluss auf die Zusammenführung von Kultur und bürgergesellschaftlichem Engagement haben. Dazu gehört unter anderem, dass der Konsultationsprozess mit der Zivilgesellschaft vorangetrieben wird.

Wir brauchen ein Europa der Europäer. Wir brauchen eine Politik, die den Austausch der Zivilgesellschaft und das Engagement der Bürger unterstützt. Wir müssen nicht fragen, was Europa für uns tun kann – sondern, was wir gemeinsam für Europa tun können.

Eine englische Version dieses Beitrags finden Sie hier

„A Soul for Europe“ ist eine Initiative, die auf die Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und politischen Entscheidungsträgern setzt. Sie möchte das Europa der Vorschriften und Institutionen durch ein Europa ersetzen, das die Verantwortung für politische Mechanismen stärker auf seine Bürger überträgt. Ausgehend von ihren Standorten in Amsterdam, Belgrad, Berlin, Brüssel, Porto und Tiflis bildet die Initiative ein internationales Netzwerk aus europäischen Städten und Regionen, dem Kultur- und Wirtschaftssektor sowie politischen Entscheidungsträgern. Kernstück dieses Netzwerks ist die Strategiegruppe, in der 55 Personen aus 21 Länden mitwirken.

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