Die Rente ist sicher. Norbert Blüm

Wir Teilzeitvegetarier

Auch wenn uns die ökologischen und ethischen Probleme von Fleischkonsum bewusst sind, geht vielen von uns ein Leben als Vegetarier dann doch zu weit. Aber es geht auch weniger krass: Wenn jeder auf ein bisschen Fleisch verzichtet, ist am Ende allen geholfen.

Die guten Gründe, weniger Fleisch zu essen, sind uns inzwischen hinlänglich bekannt. Unter Massentierhaltung, gesundheitlichen Aspekten, dem Beitrag zum Klimawandel und der Zerstörung von Ökosystemen, Ernährungs- sowie Ressourcen-(Un)gerechtigkeit kann sich jeder die für den individuellen Lebenskontext passenden und schlagkräftigsten Argumente auswählen, um für eine vegetarische Ernährung zu plädieren.

Bekanntlich klafft zwischen dem, was wir wissen und für wertvoll halten und alltäglichen Verhaltensweisen zuweilen ein tiefer Abgrund. Das liegt im Fall von Nahrungsmitteln einerseits daran, dass deren Erzeugung für uns bis zur Anonymität in weite Ferne gerückt ist. Die Diskrepanz zwischen unserem Verbrauchergewissen und der Normalität in den Supermärkten lässt sich nur durch gepflegte Uninformiertheit und Gedankenlosigkeit aushalten.

Verantwortlich ist andererseits aber auch die Art, über Fleischkonsum zu sprechen. Sieht man von der LOHA-Bewegung und deren Wandel des Lebensmittelkonsums zur Lifestyle-Entscheidung einmal ab, teilt sich die Menschheit für viele von uns scheinbar in zwei Gruppen: Vegetarier, die strikt ihren Idealen folgen, und Fleischesser, denen das nicht gelingt bzw. nicht so wichtig ist.

Die Einteilung in Vegetarier und Fleischesser ist nicht mehr zeitgemäß

An diesem Konzept von Konsequenz scheinen all jene zu scheitern, denen die Forderung, ihre Ernährung von heute auf morgen komplett umzustellen, zu weit geht. Weil sie einräumen, dass Geschmack, Gewohnheit oder Gemeinsamkeit mit anderen zuweilen auch für den Fleischverzehr sprechen können, entgeht ihnen die offizielle Anerkennung, umwelt- und verantwortungsbewusst zu handeln.

Dabei kann schon viel gewonnen werden, wenn wir diese Frage von Identität loslösen und sie zu einer von Einzelentscheidungen machen. Zu respektieren, dass jeder den Weg zur Änderung des Lebensstils nur auf seine eigene Weise und in seinem Tempo gehen kann – schon zu einzelnen Schritten dahin zu ermutigen und diese positiv anzuerkennen.
Es gilt weiterhin, einzuräumen, dass nicht nur individuelle Wünsche und Bedürfnisse mit dem Idealbild einer nachhaltigen Ernährung vereinbart werden müssen, sondern die Problematik auch in den jeweils verfügbaren zeitlichen, finanziellen und kognitiven Ressourcen liegt.

Nicht alles ist automatisch nachhaltig, wo Bio draufsteht

Denn auch die schlichte Entscheidung für Pflanzen und gegen Tiere wird der Komplexität der landwirtschaftlichen Wirklichkeit nicht gerecht. Die Selbstverständlichkeit, mit der manche Vegetarier das Monopol auf moralische Überlegenheit beanspruchen, gerät ins Wanken. Wenn man es richtig anstellt, lässt sich mit einer vegetarischen Ernährung in ökologischer Hinsicht sogar mehr Schaden anrichten als mit einer, die ausgesuchtes Fleisch zu ausgesuchten Zeitpunkten mit einbezieht.

Es ist nicht zu leugnen: Die Menge Fleisch, die wir momentan zu uns nehmen, beizubehalten oder – so der Trend – noch zu steigern bzw. anderen als Vorbild und Richtwert dienen zu lassen, käme mittelfristig einem globalen Selbstmord gleich. Wenn wir die Kurve kriegen wollen, müssen wir unsere Ernährung weitgehend umstellen. Solange dieser Wandel jedoch durch Moralisierung und Dogmen auferlegt ist und keinem menschlichen Rhythmus folgt, wird er äußerlich bleiben. Veränderung kann nur gelingen, wenn sie durch individuelle Aneignung geschieht und nicht als Verzicht empfunden wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jan Küveler, Frank Huhnke, Ulrike Höfken.

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