Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist. Rudi Völler

Wir Teilzeitvegetarier

Auch wenn uns die ökologischen und ethischen Probleme von Fleischkonsum bewusst sind, geht vielen von uns ein Leben als Vegetarier dann doch zu weit. Aber es geht auch weniger krass: Wenn jeder auf ein bisschen Fleisch verzichtet, ist am Ende allen geholfen.

Die guten Gründe, weniger Fleisch zu essen, sind uns inzwischen hinlänglich bekannt. Unter Massentierhaltung, gesundheitlichen Aspekten, dem Beitrag zum Klimawandel und der Zerstörung von Ökosystemen, Ernährungs- sowie Ressourcen-(Un)gerechtigkeit kann sich jeder die für den individuellen Lebenskontext passenden und schlagkräftigsten Argumente auswählen, um für eine vegetarische Ernährung zu plädieren.

Bekanntlich klafft zwischen dem, was wir wissen und für wertvoll halten und alltäglichen Verhaltensweisen zuweilen ein tiefer Abgrund. Das liegt im Fall von Nahrungsmitteln einerseits daran, dass deren Erzeugung für uns bis zur Anonymität in weite Ferne gerückt ist. Die Diskrepanz zwischen unserem Verbrauchergewissen und der Normalität in den Supermärkten lässt sich nur durch gepflegte Uninformiertheit und Gedankenlosigkeit aushalten.

Verantwortlich ist andererseits aber auch die Art, über Fleischkonsum zu sprechen. Sieht man von der LOHA-Bewegung und deren Wandel des Lebensmittelkonsums zur Lifestyle-Entscheidung einmal ab, teilt sich die Menschheit für viele von uns scheinbar in zwei Gruppen: Vegetarier, die strikt ihren Idealen folgen, und Fleischesser, denen das nicht gelingt bzw. nicht so wichtig ist.

Die Einteilung in Vegetarier und Fleischesser ist nicht mehr zeitgemäß

An diesem Konzept von Konsequenz scheinen all jene zu scheitern, denen die Forderung, ihre Ernährung von heute auf morgen komplett umzustellen, zu weit geht. Weil sie einräumen, dass Geschmack, Gewohnheit oder Gemeinsamkeit mit anderen zuweilen auch für den Fleischverzehr sprechen können, entgeht ihnen die offizielle Anerkennung, umwelt- und verantwortungsbewusst zu handeln.

Dabei kann schon viel gewonnen werden, wenn wir diese Frage von Identität loslösen und sie zu einer von Einzelentscheidungen machen. Zu respektieren, dass jeder den Weg zur Änderung des Lebensstils nur auf seine eigene Weise und in seinem Tempo gehen kann – schon zu einzelnen Schritten dahin zu ermutigen und diese positiv anzuerkennen.
Es gilt weiterhin, einzuräumen, dass nicht nur individuelle Wünsche und Bedürfnisse mit dem Idealbild einer nachhaltigen Ernährung vereinbart werden müssen, sondern die Problematik auch in den jeweils verfügbaren zeitlichen, finanziellen und kognitiven Ressourcen liegt.

Nicht alles ist automatisch nachhaltig, wo Bio draufsteht

Denn auch die schlichte Entscheidung für Pflanzen und gegen Tiere wird der Komplexität der landwirtschaftlichen Wirklichkeit nicht gerecht. Die Selbstverständlichkeit, mit der manche Vegetarier das Monopol auf moralische Überlegenheit beanspruchen, gerät ins Wanken. Wenn man es richtig anstellt, lässt sich mit einer vegetarischen Ernährung in ökologischer Hinsicht sogar mehr Schaden anrichten als mit einer, die ausgesuchtes Fleisch zu ausgesuchten Zeitpunkten mit einbezieht.

Es ist nicht zu leugnen: Die Menge Fleisch, die wir momentan zu uns nehmen, beizubehalten oder – so der Trend – noch zu steigern bzw. anderen als Vorbild und Richtwert dienen zu lassen, käme mittelfristig einem globalen Selbstmord gleich. Wenn wir die Kurve kriegen wollen, müssen wir unsere Ernährung weitgehend umstellen. Solange dieser Wandel jedoch durch Moralisierung und Dogmen auferlegt ist und keinem menschlichen Rhythmus folgt, wird er äußerlich bleiben. Veränderung kann nur gelingen, wenn sie durch individuelle Aneignung geschieht und nicht als Verzicht empfunden wird.

Leserbriefe

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    Will Tanner – 10.07.2011 - 11:31

    Ich glaube aber nicht an die Klimareligion. Deshalb werde ich mir heute wieder mein leckeres gegrilltes Hähnchen schmecken lassen. Und wenn mir die Ökofaschisten deshalb ein schlechtes Gewissen einreden wollen, lege ich gleich noch extra Kohle und ein mariniertes Putensteak mit drauf.

  • Theeuropean-placeholder
    Antiökofaschist – 10.07.2011 - 12:18

    So ist es. Als überzeugter Fleischesser geh ich gleich erstmal zu McDonalds und verschlinge ein paar Burger. Ungesund? Wer sagt das? Linksgrüne WissenschaftlerInnen, die auch an den Klimawandel glauben!?
    Ich esse übrigens auch Obst und Gemüse, sehr gerne und viel sogar.
    Doch Fleischmangel führt zu geistigen Einschränkungen – man schaue sich all die Vegetarier, Veganer und Rohköstler und deren Einstellung zu vielen Dingen doch nur mal an…

  • Theeuropean-placeholder
    Tommy – 10.07.2011 - 15:25

    Ich finde es fast schon witzig wie sich seit jahren über “ökofaschisten” aufgeregt wird, die anderen ihnen “links-grünen lebensstil” aufdrängen wollen, obwohl mann sich als vegetarierer bei jeder gemütlichen grillrunde dümmlich-prollige Machosprüche anhören muss. Kann es sein dass mit diese irrationale
    Fleischverherrlichung die Flucht vor einer Debatte ist die man, zumindest moralisch betrachtet, nicht gewinnen kann?

  • Theeuropean-placeholder
    Marmor – 11.07.2011 - 08:30

    Sehr schön gesagt; danke!

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 11.07.2011 - 08:54

    Das “schön gesagt” bezog sich auf das 3. Posting! Weshalb “bekennende” Fleisch(fr)esser immer ihre Polemik unter die Menschheit hauen ist mir schleierhaft; v.a. auf einer solchen Seite! Darf hier nichtmal Raum für Menschen sein die gerne versuchen würden ihr Konsumverhalten zu ändern!
    Zum Thema Dummheit und Vegetarier: ich kenne fast nur Vegi (incl. Veganer) aus naturwissenschaftlichen Akademikerkreisen, warum wohl?

  • Theeuropean-placeholder
    Boris – 11.07.2011 - 23:47

    Ich glaube kaum das ein sogenannter “Fleischfresser” anderen Menschen seine Lebensweise aufzwingen will oder muß. Warum erlebe ich dann ständig das Vegatarier oder Veganer mir ihre Lebensweise aufdrücken wollen?
    Wir leben zum Glück nicht in einer Diktatur und ich esse was mir schmeckt und worauf ich Lust habe wann und wo ich will!!!

    “Jeder nach seiner Facon”

  • Theeuropean-placeholder
    Tommy – 12.07.2011 - 07:59

    zu ihrer Frage: “Warum erlebe ich dann ständig das Vegatarier oder Veganer mir ihre Lebensweise aufdrücken wollen?” Kann ich nur sagen dass es sowohl militante Vegetarier/Veganer gibt, als auch militante Fleischfresser(die sich provoziert fühlen). Fakt ist allerdings dass der belehrend-nervige Hippie/Öko schlichtweg ein Klischee ist. Mann kann auch vegetetarisch leben ohne selbstgerechtes Verhalten an den Tag zu legen. Fakt ist auch dass ich mich schon oft genug für meine Entscheidung Vegetarisch zu leben(welche nun nicht so lange her ist) rechtfertigen musste.
    Ihre zweite Aussage: “Wir leben zum Glück nicht in einer Diktatur und ich esse was mir schmeckt und worauf ich Lust habe wann und wo ich will!!!”
    Oh oh oh wo fange ich da an. Nicht nur dass sich mit dieser Einstellung quasi jedes unmoralische
    Verhalten rechtfertigen ließe(oder eben nicht!), auch ihre extreme Contra-Einstellung zeugt von meiner These im vorherigen Post. sie wissen schon, die Flucht vor der Debatte. Aber anstatt ihnen jetzt tausende der Gründe zu nennen warum es völlig unangebracht ist Tiere zu essen, nennen sie mir nur einen der es rechfertigt. Und bitte keinen ala “Ich mach was ich will solange es nicht verboten ist”

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