Die Verschmutzung des Marktplatzes der Ideen ist die größte Umweltkrise unserer Zeit. James Hoggan

„Am besten weiß niemand, wo ich die Nacht verbringe“

Homosexuelle müssen in Uganda um ihr Leben fürchten. Die Aktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera tritt dennoch offen lesbisch auf. Im Interview mit Sebastian Pfeffer spricht sie über den schwierigen Kampf um Akzeptanz und darüber, wie Hillary Clinton sie einst rettete.

The European: Frau Nabagesera, warum sind Sie als junges Mädchen von der Schule geflogen?
Nabagesera: Weil ich einen Brief an ein Mädchen ­geschrieben hatte, in das ich verliebt war. Als sie den entdeckten, schmissen sie mich von der Schule.

The European: Sie waren sehr jung, gerade einmal 23 Jahre alt, als Sie 2003 die Organisation FARUG (Freedom and Roam Uganda) gründeten. Waren es solche Erlebnisse Ihrer Jugend, die Sie zur Aktivistin gemacht haben?
Nabagesera: Zur Aktivistin wird man nicht gemacht. Jeder Mensch wird als Aktivist geboren, doch nicht ­jeder handelt auch als ein solcher. Ich tat es, weil ich nicht still dasitzen und der Ungerechtigkeit und der Misshandlung zusehen konnte, die mir und den Menschen um mich herum widerfuhr. Mir wurde klar, dass der einzige Weg, um all das zu stoppen, darin besteht, aufzustehen und die Stimme zu erheben.

The European: Woher kommen die Ablehnung und der Hass ­gegen Homosexuelle in Ihrer Heimat Uganda?
Nabagesera: Viele Menschen sind leider sehr ignorant. Es gibt eine starke christliche Rechte, die Lügen und Hass in der Gesellschaft verbreitet. Weil viele Leute einfach alles glauben, was ihnen die ­Kirche sagt, glauben sie auch, was über Homosexuelle verbreitet wird. Es ist für diese Leute ­deshalb sehr leicht, ihre fundamentalistische Agenda durchzusetzen.

The European: Versuchen Politiker ihre Macht dadurch zu festigen, dass sie anti-homosexuelle Propaganda verwenden?
Nabagesera: Ja, das passiert sehr häufig. Sie instrumen­­­­t­ali­sieren Homosexualität für ihre politischen Vorteile. Oft auch, um von den eigentlichen Problemen im Land abzulenken.

The European: Auf Homosexualität stehen in Uganda hohe Haftstrafen, einige Politiker fordern sogar die Todesstrafe. Sie haben in einem Interview allerdings gesagt, Sie fürchten Menschen mehr als Gesetze.
Nabagesera: Selbst wenn ein Gesetz geändert wird, ändert das noch lange nicht die Denkweise der Menschen. Eine Gesetzesänderung alleine wäre deshalb kein besonders großer Fortschritt, selbst wenn sie in die richtige Richtung ginge. In erster Linie muss sich die Denkweise der Menschen ändern. Denn sie sind es schlussendlich, denen wir jeden Tag begegnen, die uns attackieren und misshandeln – nicht die Gesetze.

The European: Wie kann man die Denkweise von jemandem ­ändern, der homophob ist – was sagen Sie bei solchen Begegnungen?
Nabagesera: Zuerst frage ich, ob er oder sie jemals eine offen­ homosexuelle Person getroffen hat. Denn viele­ Leute hassen Homosexuelle, ohne welche zu kennen. Geschweige denn, sich einmal mit ihnen hingesetzt und geredet zu haben. Wenn er oder sie dann antwortet, noch nie einen Homosexuellen getroffen zu haben, frage ich, was sie in ­einem solchen Fall tun würden. Ihre Antworten lenken mich dann in die richtige Richtung und zeigen mir, was ich erreichen kann. Manchmal sind die Antworten nämlich so fürchterlich, dass ich lieber gehe. Wenn jemand gewillt ist, Homosexuelle zu verbrennen, kann es keinen Dialog geben. Am Ende muss ich mich selbst schützen.

The European: Wie ist es Ihnen möglich, unter solchen Bedingungen zu leben?
Nabagesera: Das Leben in Uganda ist nicht unmöglich, aber sehr gefährlich. Es ist mit Sicherheit kein ­gewöhnliches Leben. Ich muss immer sehr vorsichtig sein und antizipieren, was mir passieren könnte. Viele Menschen verspüren einen sehr großen Hass auf mich, weil ihnen erzählt wurde, ich sei Teil einer Gruppe, die zum Beispiel versuche, ihre Kinder zu „rekrutieren“. Deshalb muss ich aufpassen, wohin ich gehe und welche Transportmittel ich benutze. Am besten ist es, wenn niemand weiß, wo ich die Nacht verbringe.

The European: 2012 veröffentlichte eine Zeitung Ihren Namen und die von einigen Ihrer Mitstreiter in einem Artikel, der mit „Hängt sie“ überschrieben war. Wenig später wurde Ihr Freund David Kato, der ebenfalls auf dieser Liste stand, ermordet. Sie selbst wurden mehrfach bedroht und auch ­attackiert. Haben Sie nie daran gedacht, aufzuhören und zu fliehen?
Nabagesera: Nein, denn das würde die Sache nur noch schlimmer machen. Wir müssen verhindern, dass solch ein Unrecht je wieder passiert. Das können wir nur schaffen, wenn wir weiterkämpfen. Wir können uns nicht einfach verstecken und die Unterdrücker gewinnen lassen. Das ist ja keine simple Frage von Sieg oder Niederlage – es geht um unsere Leben.

The European: Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben?
Nabagesera: Ich habe so viel Hoffnung. Gerade habe ich in Deutschland wieder gesehen, wie sich Europa entwickelt hat. Die Menschen haben aus ihren ­Fehlern gelernt und versuchen, es jetzt richtig zu machen. Auch in anderen Teilen der Welt ist das geglückt. Also ja, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann auch in Uganda passieren wird. Und ich bin glücklich darüber, dass ich Teil der Bewegung sein kann, die mein Land eines Tages befreien könnte – auch wenn ich dann vielleicht selbst nicht mehr lebe, um es zu genießen.

The European: Wenn Sie von der Befreiung des ganzen Landes sprechen, meinen Sie mehr als „nur“ den liberaleren Umgang mit einer Minderheit?
Nabagesera: Ja, denn die Diskriminierung einer Minderheit verhindert die Entwicklung aller. Es gibt sehr viele LGBTler, die mithelfen könnten, unser Land voranzubringen. Aber sie werden daran ­gehindert, von den Schulen geschmissen, stigmatisiert und diskriminiert. Dadurch geht so viel Energie verloren. Tatsächlich geht es also um die gesamte Entwicklung des Landes.

The European: Welche Bilanz ziehen Sie nach zehn Jahren ­Aktivismus?
Nabagesera: Wir haben viel bewegt. Ironischerweise haben unsere Erfolge aber zu noch mehr Hass und ­Homophobie in Uganda geführt, weil die Existenz Homosexueller früher offiziell geleugnet wurde. Dann sind wir aufgestanden und haben klargemacht, dass es uns gibt und auch in Zukunft ­geben wird. Diese neue Sichtbarkeit hat viele Menschen wütend gemacht und auf die Barrikaden getrieben. Aber unsere Familien und Dorfgemeinschaften wissen nun, dass es Homosexuelle gibt. Jetzt findet endlich eine nationale Debatte statt, die wir auch mit den Offiziellen in der Regierung führen. Wir haben zu zweit angefangen und jetzt sind wir viele. Für mich ist das ein Erfolg.

The European: Gibt es das perfekte Land, an dem Uganda sich orientieren sollte?
Nabagesera: Ich glaube nicht an Perfektion. Selbst in Ländern, die die gleichgeschlechtliche Ehe und Adoptionen erlauben, werden LGBTler noch diskriminiert. Also nein, bislang gibt es kein perfektes Vorbild.
Wie wichtig ist internationale Unterstützung?
Natürlich brauchen wir Unterstützung von außen, Uganda ist kein isoliertes Land. Auch wir ­leben im globalen Dorf. Andere Gesellschaften waren einmal an dem Punkt, an dem wir uns heute befinden – wir können also viel lernen. Es ist wichtig, dass die Menschen in Uganda merken, dass die Welt auf sie schaut und uns Aktivisten unterstützt. Dass lässt jeden hier zweimal überlegen, was er tut.

The European: Einmal standen Sie kurz davor, ins Gefängnis zu müssen. Hillary Clinton hat Sie gerettet.
Nabagesera: Wir wurden nach einer Gay-Pride-Parade festgesetzt. Hillary Clinton hatte unsere Organisation allerdings einen Tag zuvor ausgezeichnet und war gerade noch im Land, weil sie auf­ ­ihren Flieger­ wartete. Als wir sie informiert haben, ­intervenierte sie bei den offiziellen Stellen und wir wurden frei gelassen.

The European: Sie haben die Rolle der Kirche bereits angerissen. Katholische Priester befeuern den Hass ganz ­offen – müsste hier nicht der Papst eingreifen?
Nabagesera: Der Papst hat sich mutig hervorgetan. Besonders die konservativen Kleriker bereuen nun, dass sie ihn gewählt haben – auch wenn seine Rede sie nicht wirklich zum Handeln zwingt. Aber der bloße Fakt, dass sich die Kirche positiv über Homosexuelle geäußert hat, ist etwas wert. Seit Jahrhunderten haben wir nur das Gegenteil aus Rom gehört. Wenn ein Papst also zum ersten Mal sagt, dass Homosexuelle mit Respekt zu behandeln sind, ist das ein gutes Zeichen. Vielleicht entwickelt sich daraus etwas wirklich Gutes.

The European: Während dieses Gesprächs sind Sie in Deutschland, fliegen aber noch heute nach Uganda ­zurück. Wie fühlen Sie sich?
Nabagesera: Ich bin aufgeregt, aber natürlich auch ein wenig traurig. Ich habe den Komfort genossen und mich mit all den lieben Menschen hier wirklich wohl gefühlt. Ich konnte frei von Angst durch die Straßen gehen. Das wird mir fehlen – aber ich muss nach Hause und meine Mission weiterführen.

The European: Sie lieben Uganda trotz allem?
Nabagesera: Es ist das schönste Land der Welt. Jeder würde es lieben.

Übersetzung aus dem Englischen

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Paul Collier: „Europas Handelsvorteil ist unfair“

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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