Wir sollten uns nicht von Größe, sondern von Komplexität beeindrucken lassen. Martin Rees

Gustav Gans statt deutscher Michel

Mein Haus, mein Auto, mein Urlaub ... ab einem gewissen Punkt bringt uns ein Mehr an Gütern kein Mehr an Zufriedenheit. Wenn wir weiterhin das gefühlte Lebensglück aus der wirtschaftlichen Gleichung ausklammern, werden wir wohl nie so richtig zufrieden sein; schon gar nicht als Gesellschaft.

Im großen Stile betriebene weltweite Umfragen zur Zufriedenheit seit den 1960er-Jahren haben gezeigt, dass es in den westlichen Industrieländern kaum einen Zusammenhang mehr zwischen einer Steigerung des BIP pro Kopf und der Lebenszufriedenheit gibt. Zum einen passen sich die Ansprüche und Ziele an die tatsächliche Entwicklung an, das heißt mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche, sodass daraus keine größere Zufriedenheit erwächst. Zum anderen ist – sofern die materielle Existenz gesichert ist – weniger das absolute Einkommen, sondern vielmehr das relative Einkommen im Vergleich mit anderen für den Einzelnen entscheidend. Es geht um die Frage der realen bzw. empfundenen Fairness.

Unser Streben nach Wachstum hat keinen Sinn mehr

Worauf es bei uns wirklich ankommt – das zeigen die Forschungsergebnisse der Positiven Psychologie – sind vielmehr stabile soziale Beziehungen, physische und psychische Gesundheit, befriedigende Arbeit, persönliche Freiheit und eine als fair empfundene Einkommensverteilung.

Während die Verbesserung der materiellen Güterverfügbarkeit in Entwicklungsländern also durchaus Sinn hat, um die existenziellen Grundbedürfnisse abzudecken, hat das Streben nach Wirtschaftswachstum in den westlichen Industrieländern hingegen schon lange keinen mehr.

Es hat nicht nur keinen Sinn mehr, sondern es ist auch sträflich, wenn man die Lage der Welt betrachtet. Schon jetzt ist das Ende vieler natürlicher Ressourcen absehbar und der ökologische Fußabdruck, den die Industrienationen hinterlassen, kaum umkehrbar. 2050 leben voraussichtlich neun Milliarden Menschen auf der Welt. Wenn alle nach einem Entwicklungsstandard nach westlichem Vorbild streben, ist das für den Planeten nicht tragbar.

Auf der Grundlage der Ergebnisse der Stiglitz-Kommission, die vom französischen Präsidenten Sarkozy Anfang 2008 beauftragt wurde, Indikatoren für den „gesellschaftlichen Fortschritt“ herauszuarbeiten, findet gerade ein weltweites Umdenken statt. Der Deutsche Bundestag hat Anfang Februar die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ ins Leben gerufen. Im Vereinigten Königreich hat Premierminister David Cameron das statistische Amt gebeten, ab April einen Glücksindikator zur Verfügung zu stellen, der dann als Grundlage der Politik dienen soll. Dies liegt ganz auf der Linie der EU-Nachhaltigkeitsstrategie, wonach die EU „eine kontinuierliche Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlergehens auf unserem Planeten für die heute lebenden und für die künftigen Generationen“ anstrebt.

Happy life years

Der Vordenker der modernen Managementlehre, der Harvard-Professor Michael E. Porter, fordert zudem eine komplett neue Unternehmensstrategie, er spricht von der „Neuerfindung des Kapitalismus“. Nach Porter muss in Zukunft der Shared Value im Mittelpunkt stehen, wenn Unternehmen prosperieren und gesellschaftliche Akzeptanz zurückgewinnen wollen. Unter Shared Value versteht Porter das gleichzeitige Verfolgen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zielen. „Durch den Shared Value konzentrieren sich die Unternehmen auf die richtige Art von Gewinnen – Gewinne, die auch der Gesellschaft Vorteile bringen, anstatt ihnen zu schaden … Wir brauchen eine fortschrittliche Form des Kapitalismus, eine, die auch einen gesellschaftlichen Sinn enthält“, so Porter.

Das (wirtschafts-)politische Ziel kann also nicht Wirtschaftswachstum sein, sondern sollte vielmehr „ein glückliches langes Leben“ sein, also die Happy life years, die sich aus der Lebenserwartung und dem Grad der Zufriedenheit mit dem Leben errechnen, unter der Bedingung nachhaltigen Wirtschaftens.

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