Der Vorwurf, es handle sich bei der jetzt legalisierten Präimplantationsdiagnostik um Eugenik, trifft nicht zu. Dort wo die
Präimplantationsdiagnostik erlaubt ist, wird sie Kindern die Geburt ermöglichen, die vorher eine geringere oder gar keine Chance gehabt hätten. Das zeigt sich bereits an den 80.000 jährlich stattfindenden vorgeburtlichen Untersuchungen in Deutschland. Diese und die PID werden nicht mit dem Anspruch der Eugenik geführt, sondern um einzelnen Frauen in
einer schweren Konfliktlage zu ermöglichen, nicht ein (weiteres) krankes Kind zur Welt bringen. Zum Beispiel: Wenn eine Ultraschalluntersuchung Hinweise auf Trisomie 21 ergeben hat, steht eine Mutter vor dem Dilemma, ein betroffenes Kind zur Welt zu bringen, oder die Schwangerschaft abzubrechen. Das unterscheidet sich deutlich von einer eugenischen Massnahme, bei der eine autoritäre Struktur, meist der Staat, Einfluss auf die reproduktive Entscheidung der Menschen nimmt und vorgibt, was wünschenswerte Merkmale sind.
PID macht Risiko-Schwangerschaften berechenbar
Dank der Möglichkeit der vorgeburtlichen Diagnostik kommen mehr Kinder zur Welt, als ohne diese. Dies zeigt sich an der Erfahrung mit Müttern, bei deren Schwangerschaft ein Risiko von 25 Prozent für eine schwere, rezessiv erbliche Krankheit vorliegt. Bevor es vorgeburtliche Untersuchungen gab, wurden diese Schwangerschaften häufig abgebrochen, weil die Mütter nicht riskieren wollten, ein krankes Kind zur Welt zu bringen. Durch vorgeburtliche Untersuchungen kann man jetzt für die übrigen drei Viertel sicher stellen, dass es nicht zu einem Schwangerschaftsabbruch aus diesen Motiven kommt. Zwei dieser drei Kinder weisen, wie die Eltern, ein defektes Gen auf (sie sind mischerbig), das sie später an ihre Kinder weitergeben können. Dies ist eher das Gegenteil von Eugenik.
Ein wesentliches Merkmal der Eugenik, nämlich die großangelegte planvolle Beeinflussung des Fortpflanzungsverhaltens mit dem Ziel einer gesünderen Bevölkerung, findet sich in der Präimplantationsdiagnostik jedenfalls nicht wieder. Entscheidend ist, den Eltern in einer schweren Konfliktlage zu einer individuellen Entscheidung zu verhelfen. Die Präimplantationsdiagnostik macht es möglich, dass Menschen mit nachteiligen Genen, Kinder haben können, ohne diese Krankheiten fürchten zu müssen.
Ein richtiger Schritt
Grundsätzlich ist das Urteil des Bundesgerichtshofes auch zu begrüssen, weil es die Anwendung der Präimplantationsdiagnostik deutlich einschränkt. Ein allgemeines Screening von Embryonen ohne konkreten Verdacht auf eine genetisch bedingte Krankheit wird damit ausgeschlossen, ebenso die Auswahl von Embryonen als Spender von Knochenmark für ein schwerkrankes Geschwisterkind. Diese Begrenzung des Verfahrens ist zu begrüßen. Es geht bei der Präimplantationsdiagnostik um den Ausschluss schwerer genetisch bedingter Krankheiten unter klar definierten Umständen und nicht um ein beliebiges Verfügen über menschliches Leben.
Die Präimplantationsdiagnostik erfordert einen hohen technischen Aufwand, ist mit erheblichen Kosten verbunden und zählt dennoch anderenorts bereits heute zur medizinischen Versorgung. Es gibt einige wenige Familien – besonders solche die Schwangerschaftsabbrüche wegen schwerer genetischer Krankheiten hinter sich haben – die sich so etwas nicht noch einmal zumuten wollen und mit der Präimplantationsdiagnostik die Möglichkeit haben, auf Abbrüche zu verzichten. Es darf nicht sein, dass durch übertriebene, realitätsferne Ängste dieser Minderheit die Hilfe versagt wird.
Leserbriefe
- 1
- 2


















Was spricht dann dagegen, der Natur ihren Lauf zu lassen?
Der Autor lässt offen, was gegen Eugenik spricht.
Die Ziele scheinen keine schlechten. Es wird am Menschen scheitern. Einmal breit verfügbar, vermute ich ein hohes Mißbrauchspotenzial.
Elitedenken hört gerade bei der Auswahl des Nachwuchses nicht auf. Spätestens dann ist es Eugenik im privaten Bereich. Der Leistungsdruck fordert werdende Eltern doch jetzt schon heraus.
@Scrutograph:
„…Was spricht dann dagegen, der Natur ihren Lauf zu lassen?…“
Davon handelt der Artikel…
Ob für das Vorliegen von Eugenik das Eingreifen des Staates erforderlich ist? Abtreibung auf ärztliche Beratung hin könnte man als Individualeugenik ansehen.
Der Artikel gibt den Anstoß zu fragen, ob die Praxis Reproduktionsmedizin (einschließlich PID) und Geburtsmedizin nicht eher dysgenische als eugenische Effekte hat. Grundsätzlich verhilft man Menschen zur Fortpflanzung, die unter natürlichen – eingriffsfreien Bedingungen ihre Gene gar nicht oder nur erschwert weitergeben könnten.
Bsp: Trisomie21 – Die Fortpflanzungschancen solcher Kinder sind äußerst schlecht. Verbietet man die Abtreibung solcher Kinder, erschwert man den Eltern, die vollauf mit dem behinderten Kind beschäftigt sind, die Option, noch ein gesundes, fortpflanzungsfähiges Kind in die Welt setzen, und ihre Gene weiterzugeben.
Beispiel aus der Geburtsmedizin: Die Anwendung des Kaiserschnitts hat es möglich gemacht, dass Frauen, deren Becken an sich zu eng für eine erfolgreiche Schwangerschaft ist, sich fortpflanzen können und ihre Gene weitergeben können. Dies hat schon nachweisbar zur Ausbreitung immer dünnerer Becken ni der Bevölkerung geführt.
Frage: Sind die Natur und die Katholische Kirche die wahren Eugeniker?
Sehr geehrter Herr Scrutograph,
beim Lesen Ihrer Beiträge kann man sich nur erschrecken, wie persistent sich Stigmata und Ettiekettierungen in der Gesellschaft zu halten scheinen.
Als erstes stellt sich mir die Frage, woher denn Ihre so pointiert formulierten Erfahrungen mit “solchen” Trisomie21-Kindern stammen?? Da sie wahrlich nicht wie jemand klingen, der in Familie oder Bekanntenkreis Kontakt mit Menschen mit Behinderungen zu haben scheint, vermute ich, dass Ihre Aussagen sich auf oberflächliche Beobachtungen und verfestigte Vorurteile stützen.
Worauf bitte basiert die Annahme, dass ein Kind mit einer vergleichsweise so geringen Behinderung wie Trisomie 21 die uneingeschärnkte und vollste Aufmerksamkeit der Eltern beansprucht in einer Art und Weise, in der kein Raum für weitere Kinder besteht?
Ist Ihnen bewusst, dass auch Kinder mit Behinderung die Schule besuchen, Freizeitangebote wahrnehmen und somit nicht 24 Stunden am Tag den Eltern “zur Last” fallen, wie es in ihrer Aussage klingt?
Ist Ihnen bewusst, dass es unzählige Familien gibt, in denen Kinder mit Trisomie21 keineswegs Einzelkinder sind und keineswegs die Geburt weiterer Kinder erschweren?
Und abgesehen von diesen “pragmatischen” Tatsachen: Wie kommen sie dazu, zu beanspruchen, das Leben und vor allen Dingen den Wert des Lebens von Kindern mit Behinderung beurteilen zu können, sowohl für die Kinder selbst als auch für ihre Familien?
Wie kommen sie dazu, aus Ihrer Perspektive als ein “der statistischen Norm entsprechender Mensch” Aussagen über den Unterscheid zwischen Gesundheit, Krankheit und Behinderung zu treffen?
Anstatt Abweichungen negativ und stigmatisierend zu bewerten, sollte sich unsere Gesellschaft schleunigst Gedanken machen zu dem Thema, wer formal als behindert gilt und wer faktisch behindert WIRD.
Verschiedenheit ist ein Aspekt der Normalität, und anstatt zu versuchen sie durch Etikettierung und Minderbewertung zu unterdrücken, sollte man Barrieren abbauen und Verschiedenheit zu leben.#
Freundliche Grüße.