Es ist ein guter Brauch, sich in die Arbeit des Amtsnachfolgers nicht einzumischen. Wolfgang Schäuble

„Wir mögen den alten Sound nicht mehr so“

Mit dem Stück “Born Slippy” aus dem Film “Trainspotting” landeten Underworld den Hit ihres Lebens. Die britischen Elektropioniere veröffentlichen nun mit “Barking“ ein neues Album. Karl Hyde sprach mit The European über Kommerzialisierung, Techno und Inspiration. Das Gespräch führten Luis Rosenberg und Daniel Fallenstein.

The European: Kann Techno als Gegenkultur kommerzialisiert werden? Oder kann man es dann nicht mehr als Techno bezeichnen?
Karl Hyde: Wie jede musikalische oder künstlerische Ausdrucksform passt es sich dem Mainstream an. Irgendwann greift der Mainstream es dann auf und macht es zu etwas Kommerziellem. Und das verkauft sich dann millionenfach. Währenddessen entwickelt sich innerhalb der Undergroundszene wiederum etwas anderes, das dann morgen in der Untergrundszene Kunst ist. Von da aus entwickelt es sich dann weiter zur Popkultur des nächsten Jahres. In den 70ern vollzog sich diese Entwicklung genauso. Damals kamen Eno und Bowie nach Berlin und haben aus La Düsseldorf und aus der Musik, die sich aus dem neuen Deutschland entwickelt hat, Popmusik gemacht. Das alles ist über Jahrzehnte hinweg passiert.

“Die Hippiebewegung wurde von Leuten getrieben, die abgehoben waren”

The European: Sehen Sie Parallelen zwischen der Technoszene und der Hippiebewegung? Der Begriff “Loveparade” lässt sich ja mit dem Hippiemotto “Love and Peace” vergleichen.
Karl Hyde: Als wir anfingen, als Teil der Acid-House-Bewegung Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre, hat man mehr Leute gesehen, die noch aus der Hippieära stammten. Ältere Menschen, die schon 60 waren, tauchten dann auf Raves auf, weil sie den Vibe verstanden, der dort herrschte. Als ich ein Kind war, konnte ich diese Bewegung nie wirklich begreifen. In den 80ern und 90ern habe ich die Dance-Bewegung auch als eher zweckmäßig angesehen; eher als politische Bewegung, ein bisschen wie Punk: Es war abseits des Mainstream und trotzdem war es ein Thema, über das geredet wurde. Es war ein gutes Geschäft.

The European: Man kann also sagen, dass es Parallelen zwischen der Technobewegung und der Hippiezeit gibt. Der Tod eines 18-Jährigen am Altamond-Festival 1969 beendete die Hippieära. Glauben Sie, dass die Tragödie von Duisburg ähnliche Auswirkungen auf Techno haben könnte?
Karl Hyde: Nein. Die Hippiebewegung wurde von Leuten getrieben, die abgehoben waren. Diese Menschen lebten nicht in der Realität. Elektronische Musik hingegen hat einen starken Bezug zur Realität und die Menschen, mit denen ich zu tun habe, stehen mit beiden Beinen im Leben. Die Musik geht über Politik und die Negativität des täglichen Lebens hinaus. Für mich geht es bei elektronischer Musik darum, wirkliche Lösungen für dunkle Zeiten und die schlimmen Dinge zu finden, die um uns herum passieren. Es setzt sich definitiv mit der Realität auseinander. Außerdem gibt es jedes Jahr vergleichbare, furchtbare Vorfälle, mit denen die Technokultur konfrontiert wird.

The European: Was für eine Erfahrung war es für Sie, 2008 auf der Loveparade in Dortmund zu spielen?
Karl Hyde: Es war wirklich unheimlich gut organisiert. Normalerweise spielen wir nicht auf Festivals, die eine solch enorme Präsenz haben. Deshalb waren wir ein wenig unsicher, wie wir wahrgenommen werden würden. Im Endeffekt bekamen wir gute Resonanz und es war ein großartiges Event. Wir haben es wirklich genossen.

The European: Sie haben auf vielen Technofestivals, wie kürzlich auf dem “Sonne, Mond und Sterne”-Festival und vor ein paar Jahren wie gesagt auch auf der Loveparade, gespielt. Würden Sie Ihren Sound aber überhaupt in die Kategorie “Techno” einordnen?
Karl Hyde: Seit unseren Anfängen in den frühen 80ern haben wir immer schon viele unterschiedliche Musikstile verarbeitet. Unsere Wurzeln liegen in der deutschen Elektronikmusik der späten 60er-, frühen 70er-Jahre, kombiniert mit jeder Art von Musik, die wir als Jugendliche mochten. Wir haben aber schon immer Musik gemocht, die maschinell entstand. Als ich zum ersten Mal Kraftwerk hörte, klang das für mich wie eine neue Sprache. Es war fernab der klassischen Blues-Rhythmen, die in den 60ern rauf- und runtergespielt wurden. Das war eine neue Sprache, die aus dem Wiederaufleben der deutschen Kultur, der neuen deutschen Kultur entstand. Maschinenmusik, die ja der Ursprung von Techno ist, ist das eigentliche Kernstück unseres Schaffens.

The European: Wenn ich an Underworld denke, fallen mir “Trainspotting” und “Born Slippy” ein. Vielen Menschen geht es ähnlich, obwohl Ihr Sound sich seit damals sehr geändert hat. Stört Sie das?
Karl Hyde: Nein, das stört uns nicht. Die meisten jugendlichen Musiker wollen Nummer-eins-Hits. Und niemand kommt darauf, dass man irgendwann etwas schreibt, das für immer ikonisch bleiben wird. Du hoffst nur darauf, Nummer eins zu werden. Und plötzlich entsteht etwas, das unabsichtlich Kultstatus erlangt. Es ist wirklich seltsam, aber auch wunderschön, dass du diese Musik in deinem Set hast, wenn du live spielst, und diese noch lange anhalten wird, nachdem du tot bist. Und das ist außergewöhnlich. Es ist fast, als hätte es uns gefunden, aber da ist auch noch die Kombination von “Trainspotting” und seiner Verwurzelung in der damaligen Zeit. Da ist irgendetwas, das an diesem bestimmten Punkt passiert, das immer seine eigene Magie haben wird.

The European: Was hören Sie denn persönlich? Gibt es auch Momente, in denen Sie Ihre eigene Musik hören?
Karl Hyde: Ja, ich muss das tun. Ich versuche mich immer an meine eigenen Sounds zu erinnern, wenn ich auf die Bühne gehe. Ich mag dieses Album wirklich sehr. Es ist das erste Album seit langer Zeit, das ich aufregend fand. Vielleicht das erste seit “Everything Everything”, seit dem Live-Album. Ich muss meine eigene Musik hören, um mich an die Klänge erinnern zu können, wenn ich die Bühne betrete. Aber normalerweise höre ich unsere Musik nicht. Momentan höre ich immer noch vieles aus der frühen deutschen Elektrophase. Ich versuche immer, möglichst viel davon zu kaufen und zu erforschen. Dazu gehören Filme über die Projekte von “Faust” und so weiter: eben solche Subkulturen, die sich selbst ständig neu erfanden. Ich mag Bands wie “Health” in Amerika. Sie haben elektronische Elemente und Gitarrensounds in ähnlicher Form wie wir miteinander verschmelzen lassen.

The European: Ihr neues Album ist ein sehr untypisches Underworld-Album. Wie, glauben Sie, werden die Leute es aufnehmen? Können sie sich leicht damit identifizieren?
Karl Hyde: Ich glaube, für die etwas jüngeren Leute ist es definitiv zugänglicher. Die älteren Hörer mögen eventuell Schwierigkeiten mit diesem Album haben, weil Underworld mit diesem Album die Möglichkeit für eine intensive Zusammenarbeit mit jüngeren Künstlern geschaffen hat. Mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten wird im Alter sehr wichtig. Schließlich haben wir uns alle eine Menge beizubringen. Es entstehen schnell Jams, in denen es um Ideenaustausch geht. Als wir zum Beispiel mit Leuten wie Mark Knight, Dubfire oder High Contrast zusammensaßen und uns austauschten, haben wir ihren Enthusiasmus verstanden. Sie wiederum verstanden, aus welcher Richtung wir kamen. Und dann auf einmal entstand aus dieser gegenseitigen Beeinflussung etwas ganz anderes. So etwas ist unheimlich spannend. Wir hofften deshalb auch, dass dieses Album neue Zuhörerschaften ansprechen würde; allerdings hofften wir genauso, dass unsere langjährigen Zuhörer uns genauso folgen würden. Wir mögen den alten Sound halt nicht mehr so; deshalb mussten wir uns weiterentwickeln.

“Wir haben Paul van Dyk nicht einmal getroffen”

The European: Haben Sie das Album tatsächlich komplett zusammen produziert? Oder sind Sie einfach nur eine Menge herumgereist?
Karl Hyde: Im Endeffekt ist Rick der Produzent. Er hat schon einige Male mit Mark Knight im Studio gearbeitet. Er ist auch nach Wales gegangen und hat sich mit High Contrast getroffen und kam daraufhin in unser Studio. Mit allen anderen Menschen lief das übers Internet. Wir haben Paul van Dyk nicht einmal getroffen. Das ist wirklich spannend. Wir hatten schon darüber sinniert, wie es wohl wäre, wenn wir mit Paul zusammen im Studio wären und mit ihm zusammen etwas schreiben würden. Diese Möglichkeiten sind fantastisch.

The European: Ist Musik Ihre einzige Inspirationsquelle?
Karl Hyde: Ich fotografiere und schreibe auch jeden Tag. Ich habe schon zwei Bücher herausgebracht (“In the Belly of Saint Paul” und “Skyscraper I love you”). Außerdem werde ich ein drittes Buch mit John Warwicker von “Tomato” schreiben, das auf “Walking on the streets of Tokyo” beruht. Und: Meine Kunstausstellung “What goes on in your head when you’re dancing” wird in einer Woche in Tokio eröffnet. Es geht dabei um meine persönliche visuelle Interpretation des Alltagsgeschehens. Es geht um die Formen, die ich in meinem Kopf vor mir sehe, während ich tanze. Man kann es mit dem Versuch der Futuristen vergleichen, Bewegungen einzufangen. Man kann die Bilder alle auf unseren Websites sehen. Dinge zu schaffen und entstehen zu lassen halte ich für sehr wichtig. Es ist wichtig, die Erfahrungen, die man vom Reisen mitnimmt, in Informationen zu verwandeln, die man dann zu Hause im Studio gebrauchen kann oder für Bücher oder Bilder verwerten kann.

“Es geht um die Formen, die ich in meinem Kopf vor mir sehe, während ich tanze”

The European: Kommt es dann zu einer gegenseitigen Beeinflussung zwischen Ihrer Literatur, der visuellen Kunst und Ihrer Musik?
Karl Hyde: Rick lässt sich von visueller Kunst sehr stark beeinflussen. Er redet ständig über alle Formen visueller Stimulation, die er zuerst wahrgenommen und dann in einen klassischen Song umgewandelt hat. Es gab zum Beispiel mal dieses Straßenschild auf der Autobahn, das ihn dann schlussendlich zum Song “Rez” inspiriert hat. Ich kann bis heute noch nicht wirklich verstehen, wie das überhaupt möglich ist. Bei mir gibt es solche Wechselwirkungen nicht. Die Bilder entstehen zwar, während ich tanze, aber ich würde das eher als Urlaub von Musik empfinden. Die Bücher entstehen aus einem Schreibdrang heraus. Aus der inneren Notwendigkeit, eine Vielzahl Wörter hervorzubringen. Underworld braucht diese große Wortzahl. Aus dem Mehrwert an Wörtern entstehen dann Bücher. Die Fotografie wiederum begreife ich als Evolution, die auf dem Versuch basiert, die Methodik zu imitieren, mit der ich Wörter auf der Straße aufsammelte. Für mich ist visuelle Kunst deshalb wie eine Pause von Musik. Ich kann es dann immer sehr wertschätzen, wenn ich mich wieder mit Musik beschäftige. Für Rick ist visuelle Kunst vielmehr eine Stimulation, eine Inspirationsquelle fürs Musikmachen. Es ist schon sehr komisch, wenn man bedenkt, dass ich auf der Kunsthochschule war und er nicht: Trotzdem ist visuelle Kunst für ihn die Inspiration zum Musikmachen. Er ist schon ein komischer Kerl.

The European: Wer ist denn für das neue Albumcover verantwortlich?
Karl Hyde: Der gleiche Typ, der schon immer die Cover bei uns gestaltet hat. John Warwicker von “Tomato”. Wir haben jetzt schon 30 Jahre mit John zusammengearbeitet. John war schon Bestandteil der Originalbesetzung; er hat 1983 Originalvideos auf der Bühne gespielt und mit Videos auf der Bühne experimentiert und gescratcht. Auch wenn die Leute das für eine irrsinnige Idee hielten und sagten: “Das wird niemals jemand machen. Das ist doch krank.” John war mehr als 30 Jahre das dritte Mitglied des Teams. Mit John bleibt es immer spannend, denn immer, wenn du ihn darum bittest, erfindet er sich neu. Das ganze Album drehte sich um Neuerfindung. Wir wollten etwas Lebendiges, etwas, das Veränderung auf den Punkt bringt. Wir gehen einer völlig neuen Version von Underworld entgegen.

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