Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Karl-Theodor zu Guttenberg

Des Doktors neue Kleider

Deutschland braucht mehr echte Doktoren mit neuen Ideen. Der Dissertationsprozess muss reformiert werden, wenn wir den „Doktor light“ verhindern wollen. Eine Dissertation à la Guttenberg hilft nur der eigenen Karriere. Denker und Ideen produziert sie nicht.

Natürlich sind in Führungspositionen systematisches und analytisches Denken ebenso gefragt wie Durchhaltevermögen, das zeigt nicht zuletzt die Rekrutierungsstrategie von Top-Beratungsfirmen, die gezielt nach promovierten Mathematikern, Physikern oder auch Philosophen suchen. Und es sind eben „echte“ – oder „authentische“ – Doktorarbeiten, geschrieben von Menschen mit Talent und wissenschaftlicher Neugier, die diese Fähigkeiten trainieren. Wir brauchen also mehr von diesen „echten“ Doktoren, aber genau dieser Typus scheint in der politischen Klasse eher die Ausnahme zu sein. Ähnliches ist für die privatwirtschaftliche Managementklasse zu vermuten. Hier geht es um den Glanz des Titels, die Aura der Distinktion und den Anschein von intellektueller Reife.

Aura statt Substanz

Der gesellschaftliche Resonanzboden hierfür ist möglicherweise kulturell tief verwurzelt und befriedigt ein Bedürfnis, das in Deutschland weder durch „aristokratische“ Formen der Distinktion noch durch gesteuerte Elitenförderung (wie etwa in Frankreich) befriedigt werden kann. Gleichzeitig kann man sich fragen, ob der schlechte Ruf der „abgehobenen“ Politik(er) etwas mit dem Wunsch nach Distinktion als Teil der Karriereplanung zu tun hat.

Der Fall Guttenberg sollte jedenfalls als Anlass genommen werden, um über die notwendigen Qualifikationen und Kompetenzen unserer Führungskräfte nachzudenken, in Politik, Verwaltung und darüber hinaus. Weltfremde Akademiker sind zwar ein beliebtes Feindbild („der Professor aus Heidelberg“), zugleich gilt der Doktortitel als Banner von Status und Hierarchie. Gleichzeitig brauchen wir mehr „Denker“, die auch „Macher“ werden, aber der Typus der Guttenberg-Dissertation scheint das Schlechte aus beiden Welten zu kombinieren: schwache (oder kopierte) Forschung und keine zusätzlichen Kompetenzen.

Die Dissertation muss anspruchsvoller werden

Was ist zu tun? Einen gesellschaftlichen Wertewandel kann man kaum steuern, zumal kurzfristig, aber das System der Doktorandenausbildung kann reformiert werden, und entsprechende Reformen finden auch statt – etwa die Förderung von Graduiertenkollegs durch die Exzellenzinitiative. Nur sollte der Fall Guttenberg als Gelegenheitsfenster genutzt werden, um den Zopf der Promotion durch bloßes Einreichen einer Doktorarbeit abzuschneiden. Auch die persönliche Beziehung zwischen „Doktorvater“ und dem Kandidaten sollte hinterfragt werden – hier öffnet sich die Tür für Promotionen „on the job“, die dann „flexibel“ gehandhabt werden können.

Die Doktorandenausbildung mit Elementen von Führungskräftetraining anzureichern darf – Gott bewahre – nicht der Weg sein. Wir müssen vielmehr erkennen, dass das gegenwärtige System die Gelegenheitsstruktur für einen „Doktor light“ bietet und als Bremsklotz für Reformen in Richtung einer „echten“ Doktorandenausbildung und -förderung wirkt. Genau deshalb gibt es in Deutschland nicht genug von dieser Art von Promovierten, die nicht nur gut forschen können, sondern auch dazu beitragen, dass in diesem Land besser regiert und gemanagt wird.

Der Kommentar entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Mark Kayser. Seine Antwort lesen Sie hier.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Kayser, Ernst Elitz, Florian Keisinger.

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