Jeder hat soviel Recht, wie er Macht hat. Baruch Spinoza

„Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache“

Gerade war sie an die Spitze der evangelischen Kirche getreten. Erst im Oktober 2009 wurde Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden gewählt. Nachdem Sie am 21. Februar 2010 unter Alkoholeinfluss am Steuer ihres Dienstwagens angehalten wurde, verkündete sie nun ihren Rücktritt. Lesen Sie, was sie damals im Interview mit The European über sich, ihren Glauben und ihren neuen Posten sagte!

The European: Was halten Sie von der Diskussion um die Re-Christianisierung Ostdeutschlands? Hat sie Sie verärgert oder begrüßen Sie es, dass die Entchristlichung in den neuen Ländern im letzten Jahr wieder thematisiert worden ist?
Käßmann: Ich finde es gut, dass noch einmal deutlich gemacht wurde, wie systematisch in der DDR unter dem Eindruck der Erfahrung des Nationalsozialismus versucht wurde, das Christentum auszutreiben. Ich habe zum Beispiel einmal Dokumente aus der Zeit Ulbrichts lesen können, aus denen hervorging, dass in der Weihnachtszeit sogar der Import polnischer Gänse verboten wurde, um den christlichen Brauch der Weihnachtsgans zu unterdrücken. Es durften in dieser Jahreszeit auch wochenlang keine Bäume gefällt werden, um zu verhindern, dass die Leute Weihnachtsbäume hatten. Ich denke, auf diese systematische Entchristlichung sollte aufmerksam gemacht werden. Jedoch muss die Kirche in Ostdeutschland heutzutage überzeugen, wenn sie neue Anhängerinnen und Anhänger gewinnen will.

“Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen”

The European: Die Forderung nach der Re-Christianisierung klingt, als sei Westdeutschland kulturell und religiös homogen. Das trifft aber nicht zu, oder?
Käßmann: Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Zum einen gibt es mittlerweile andere Religionen, die sich in Ost- als auch in Westdeutschland etabliert haben, der Islam im Westen wahrscheinlich mehr als im Osten. Auch das Judentum hat zum Glück wieder Zuwächse in Deutschland. Und natürlich gibt es auch Menschen, die die Freiheit haben, ohne Religion in diesem Land zu leben. Für diese Freiheit würde ich auch jederzeit eintreten. Das Christentum kann nicht mit erhobenem Zeigefinger von oben herabschauen, sondern muss für die eigenen Inhalte werben. Ich bin überzeugt, dass christlicher Glaube Wurzeln, Beheimatung, Werte und Haltung gibt.

The European: Diese Haltung klingt aus europäischer Perspektive absolut stichhaltig. Ist sie aber nicht Ausdruck der Selbstsäkularisierung, die das Christentum mit sich betrieben hat? Dass das Christentum nicht mehr die Kraft hat und in der Lage ist, zu sagen, „Wir sind unter den vielen Wahrheiten die letztverbindliche“?
Käßmann: Für mich ist es wichtig zu sagen, dass wir Zeugen der Wahrheit sind. Und ich würde immer sagen, für mich ist Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das sagt die Bibel. Aber wenn eine Religion einen alleinigen Besitzanspruch auf die Wahrheit erhebt, dann kommt sie auch schnell in die Gefahr eines Fundamentalismus, der andere abwertet. Da wäre ich sehr vorsichtig.

The European: Ist es für die Kirche besser, in einer freiheitlichen Gesellschaft zu existieren als in einer religiös fundierten?
Käßmann: Ich denke, dass die Trennung von Staat und Kirche beiden gut getan hat. Ich halte „Gottesstaaten“ oder Religionsdiktaturen für gefährlich. Wir sehen am Beispiel Irans, welch fatale Auswirkungen das auf die Freiheit haben kann. Religion ist ein eigener Bereich und auch der Staat ist es. Ich möchte weder eine Religion, die den Staat dominiert, noch einen Staat, der die Religion dominiert, aber einen kreativen Dialog zwischen beiden.

The European: Für den zivilgesellschaftlichen Einfluss in Deutschland braucht die Kirche ja eine gewisse numerische Größe. Die Zahl der Christen in unserem Land geht jedoch zurück, und zwar bei Protestanten und Katholiken gleichermaßen. Können Sie da den Anspruch aufrechterhalten, als gesellschaftlich dominante Gruppe, sowohl zahlenmäßig als auch aufgrund des historischen Erbes, erhört zu werden?
Käßmann: Zunächst muss ich festhalten, dass nach wie vor 66 Prozent der Bevölkerung in diesem Land einer christlichen Kirche angehören. Es wird manchmal so getan, als seien es nur noch fünf Prozent. Es sind aber immer noch zwei Drittel der Bevölkerung und das in einer Zeit, in der es problemlos möglich ist, die Kirche zu verlassen. Ich denke, wer heute Mitglied einer Kirche ist, ist das viel bewusster als noch vor 30 oder 40 Jahren, auch wenn der allsonntägliche Kirchenbesuch nicht mehr selbstverständlich ist.

The European: Die Gewichte verschieben sich aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen dennoch, teils zugunsten des Islam. Wie können wir aber garantieren, dass das Christentum im Mutterland der Reformation weiterhin eine entscheidende Rolle in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung spielt?
Käßmann: Mir ist wichtig, nach innen die Kräfte zu stärken, also dass Menschen wissen, woran sie glauben. Letztens gab es eine Studie, die gezeigt hat, dass konfessioneller Religionsunterricht Jugendliche toleranter und offener macht, aber auch klarer in der Position. Ich muss wissen, was ich glaube, damit ich mit Andersgläubigen in einen Dialog treten kann. Ich würde es in unserem Land einklagen, dass die Stimme der christlichen Grundüberzeugung gehört wird. Das ist hier eine gute und wichtige Tradition.

The European: In Wittenberg, der Mutterstadt der Reformation, sind nur noch 20 Prozent der Bevölkerung Christen. Für die meisten Menschen dort ist das Christentum eine Art UFO. Schmerzt Sie das?
Käßmann: Für mich ist das oft bitter. In Wittenberg ging es mir bei meinen letzten Besuchen ähnlich. Lutheraner, die aus Brasilien oder Namibia kommen, sind erschüttert, wenn ich mit ihnen nach Wittenberg fahre, weil an dem Ort, der für sie eine solche Bedeutung hat, nur noch so wenig christliches Leben stattfindet. Das ist vor allem schwer in Ostdeutschland, das leugne ich nicht. Ich habe einmal erlebt, dass ein kleiner Junge Christus am Kreuz auf dem Altar gesehen und gefragt hat: „Ey, was is’ dem denn passiert?!“ Das ist ein Drama.

The European: Angesichts dieser Entwicklung muss es doch schwer fallen, am christlichen Absolutheitsanspruch festzuhalten?
Käßmann: Wie gesagt, für mich ist Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wie Gott das auflöst, weiß ich nicht, vielleicht gibt es da noch große Überraschungen darüber, was die Wahrheit Gottes wirklich ist. Wir können jedoch nur Zeugen der Wahrheit sein, wir können sie nicht besitzen. Diesen Anspruch fände ich vermessen. Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache.

The European: Wie hat die Kirche auf ihre eigene Trennung von ihrem Ehemann reagiert? War sie bereit, dies anzunehmen?
Käßmann: Mir ist das persönlich sehr schwer gefallen, da ich eigentlich ein Lebensmodell bevorzugt hätte, in dem zwei Menschen dann miteinander alt werden, auch Enkelkinder haben. Ich finde diese Lebensform schön, aber habe auch selbst erfahren, dass es da eigenes Scheitern geben kann. Für meine Kirche war es am Anfang nicht leicht. Ich habe gesagt, dass ich auch etwas anderes machen könnte. Aber alle leitenden Organe haben mir gesagt, dass sie wollten, dass ich ihre Bischöfin bliebe. Das war für mich ein ganz starkes Signal. Einfach war es trotzdem nicht.

The European: Meinen Sie, dass ihre Scheidung Ihnen bei der Wahl zum EKD-Ratsvorsitzenden zum Nachteil werden kann?
Käßmann: Das könnte vielleicht sein. Es wird eine heftige Diskussion um Personen geführt. Die versuche ich von mir fernzuhalten. Die Synode wird darüber entscheiden und sie wird diese Entscheidung zu tragen haben, ob sie mit einer geschiedenen Bischöfin leben kann oder nicht. Ich kann mit beiden Entscheidungen gut leben, denn ich habe über die Jahre die innere Freiheit gewonnen, um zu sagen: „Ich überlasse diese Entscheidung der Synode“. Und da hat es schon oft Überraschungen gegeben.

The European: Was sind die Herausforderungen, die auf die nächste oder den nächsten EKD-Ratsvorsitzenden warten?
Käßmann: Sicherlich besteht die zentrale Frage, wie der Reformprozess der EKD weitergeht. Wie bleiben wir – mit gewiss weiter zurückgehenden Finanzkräften – als Kirche im 21. Jahrhundert überzeugend? Wie ist die Solidarität unter den Landeskirchen zu erhalten, den reichen, den armen und den mittleren? Der Osten wird sicher auf mehr Unterstützung angewiesen sein, wohingegen der Süden recht gut aufgestellt ist. Wir im Norden liegen da eher in der Mitte. Gibt es also eine Solidarität unter den Landeskirchen? Und welche Schwerpunktthemen setzen wir uns? Wo sind wir als Kirche besonders gefragt und präsent? Wie bleiben wir erreichbar für die Menschen vor Ort, wenn die Einheiten größer werden. Das sind Zukunftsfragen für alle in den nächsten Jahren.

The European: Wie stark ist die Auseinandersetzung mit dem Islam?
Käßmann: Es kommt mir darauf an, die Klarheit im Dialog zu haben und sich nicht wegzudrücken in Schönwetter-Reden, bei gleichzeitigem Respekt vor der anderen Religion. Ich will gerne dafür eintreten, dass Muslime bei uns Moscheen bauen dürfen, aber genauso trete dafür ein, dass es toleriert wird, wenn Christen in Pakistan, Indonesien und Südindien Kirchen bauen.

“Wir beten zu Jesus Christus. Das könnte ein Moslem gar nicht”

The European: Wie stehen Sie zu gemeinsamen Gottesdiensten von Muslimen und Christen?
Käßmann: Wir beten zu Jesus Christus. Das könnte ein Moslem gar nicht. Das soll niemanden abwerten oder angreifen, aber es ist ein Unterschied, den wir nicht leugnen dürfen. Bei allen Versuchen, interreligiös zu beten kommt Jesus Christus meist gar nicht mehr vor. Da wird der Gottesbegriff sehr diffus. Für mich ist das eine Verschleierung von Differenz, die uns nicht weiterhilft. Ich möchte mit Muslimen in einen Dialog kommen, aber ich kann nicht verschleiern, dass Jesus Christus für mich der Sohn Gottes ist. Das wäre merkwürdig.

The European: Werden eigentlich auch neue Kirchen gebaut, dort, wo es keine gibt?
Käßmann: Ich wäre schon froh, wenn die Kirchen, die wir bereits haben, immer voll wären.

The European: Was halten sie von der Idee, Kirchen, wie zum Beispiel die Frauenkirche in Dresden, wieder aufzubauen, auch wenn es an Menschen fehlt, die zum Gottesdienst kommen?
Käßmann: Es gibt mittlerweile mehrere Projekte zum Umbau von Kirchen. Dabei wird der Sakralraum erhalten und der Rest der Räumlichkeiten zum Gemeindehaus umfunktioniert. Es gibt viele architektonische Ideen zur Veränderung und um Kirchenräume begehbar zu machen. Da tut sich in dem Bereich eine Menge. Das Ziel ist, Kirchen zu lebendigen Orten zu machen, wo Gottesdienst stattfindet und vieles andere mehr.

The European: Kann das eine Symbolwirkung haben?
Käßmann: Ich habe das bei der Frauenkirche selbst erlebt. Es gab Leute, die gesagt haben: „Na gut, die Kirche ist nun mal verfallen und auch ein Symbol für Krieg und Schuld.“ Doch wenn man die Kirche heute sieht, kann ich dem nicht zustimmen, obwohl es sicherlich schwierig ist, alles zu historisieren. Die Strahlkraft einer solchen Kirche ist schon ein gewichtiges Zeichen – das wichtigste Zeichen ist aber, dass diese Kirchen lebendig sind, gefüllt mit Gottesdienstbesuchern. Und das ist der schönste Luxus im Leben einer Bischöfin: Ich habe jeden Sonntag beim Festgottesdienst eine volle Kirche. Das genieße ich sehr, vor allem weil ich sehe, dass unsere Kirche quicklebendig ist, auch wenn viele sie totgesagt haben.

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