Das öffentliche Wohl sollte das oberste Gesetz sein. Marcus Tullius Cicero

„Der Kapitalismus soll weg!“

Am liebsten wäre es Ihnen, wenn die Welt, wie sie ist, untergeht. K.I.Z. sprechen mit Thore Barfuss über Systemkritik, wie ihre Fans politische Botschaften aufnehmen und das mögliche Ende des Berlin-Hypes.

The European: K.I.Z., Gesellschaftskritik war ja schon immer Teil eurer Musik. In eurer ersten Single vom neuen Album ist das aber schon …
Tarek: (unterbricht) … unmissverständlich. Ja, das ist ein Fakt. Ist das ’ne Frage oder ’ne Feststellung?
Nico: So direkt wie bei „Boom Boom Boom“ ist das sonst vielleicht noch in zwei, drei anderen Songs auf dem Album. Wir hatten schon immer Songs, wo wir ziemlich deutlich über ein Thema gerappt haben und jetzt ist es ein bisschen mehr geworden.

The European: Warum?
Nico: Weil wir uns vorgenommen hatten, keinen Standard-Battle-Rap-Song zu machen, so: „Ich bin mega cool – du bist megakacke“.

The European: Im Video zu „Boom Boom Boom“ wird sehr explizit Gewalt gezeigt. Die Zeitung „Die Welt“ schreibt von „Ästhetik wie beim Islamischen Staat“.
Alle parallel: Und Ku-Klux-Klan!
Nico: Beste Mischung, Alter.

Tarek: „Wie können wir den Kapitalismus kritisieren und nicht als Penner auf der Straße leben?“

The European: Eine Zeile vom Album stand für mich stellvertretend für euren Wandel: „Alle anderen sind glücklich und satt, wir bringen den Hass.“ Seid ihr politischer geworden?
Tarek: Ich denke nicht, nein. Wir waren schon immer politisch interessiert.
Maxim: Schon mit 17, 18 haben Nico und ich in ’ner politischen Theater-Gruppe zwischen den Stücken gerappt. Wir waren auf jeden Fall schon immer in einem politischen Umfeld. So um 2000 herum haben wir sehr plumpe politische Songs gemacht. Und selbst in einem Beleidigungssong kann es ja politische Statements geben. Es ist also keine plötzliche Kehrtwende.

The European: Die Frage zielte auch eher darauf ab, ob es eine natürliche Weiterentwicklung ist.
Maxim: Das wird sich erst auf Dauer zeigen. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir wieder was rausbringen, wo wir einfach nur Eltern töten.
DJ Craft: Man muss da auch mal innerhalb der Band mitziehen, wenn …
Nico: (unterbricht ihn, und zeigt unter dem Gelächter der anderen auf das Koks vom letzten The European Cover) Jap.
DJ Craft: … die Jungs dann einen politischen Text schreiben. Dann muss man sich damit auch beschäftigen, um auf das gleiche Level zu kommen.

The European: Das ganze Album ist geprägt von Kapitalismuskritik. In der Vorbereitung habe ich ein Video von euch angeschaut, da lief vorher Diamanten-Werbung …
Nico: Dann kannst du aber auch nicht auf unserem YouTube-Kanal gewesen sein, weil wir den nicht monetarisiert haben.
Tarek: Doch, ich hab’ das gestern gesehen und hab’ mich auch voll gewundert.
Nico: Wirklich? Okay, dann haben wir das monetarisiert: Jackpot! (lacht)
Tarek: Ich kauf’ mir ein neues Auto!

The European: Meine Schwierigkeit ist, dass ihr Fundamentalkritik übt, aber gleichzeitig Teil der Maschinerie seid.
Maxim: Was spricht denn dagegen, Geld zu verdienen? Da sehe ich keinen Widerspruch zu unserer Musik.
Tarek: Du meinst, wie können wir den Kapitalismus kritisieren und dabei nicht als Penner auf der Straße leben?

The European: Nein, viele eurer Kritikpunkte kann ich grundsätzlich nachvollziehen, aber ihr geht oft drei Schritte zu weit. Wenn dann zum Beispiel die gesamte Arbeiterklasse als selbstausbeuterisch beschrieben wird: „Tut mir leid wenn ich den Untertanenstolz jetzt verletze. Doch was quatscht ihr da, es gibt nicht genug Ausbeutungsplätze.“
Maxim: Das betrifft ja nicht die gesamte Arbeiterschaft. Der Weselsky ist ja nicht damit gemeint.

The European: Was für eine Gesellschaft wollt ihr? Das obige Zitat endet mit einem sarkastischen „Ihr wollt Kapitalismus mit Herz?“. Was schwebt euch vor, Kommunismus mit Hirn?
Maxim: Das geht auch gar nicht anders. Wenn Nico rappt: „Ihr wollt Kapitalismus mit Herz?“, dann macht er sich darüber lustig, dass das irgendwie möglich wäre. Da steckt ja die Aussage mit drin: Wenn du Kapitalismus willst, dann musst du auch Arbeitslosigkeit akzeptieren, dann musst du auch Obdachlosigkeit akzeptieren. Dann musst du auch Hunger akzeptieren …
Nico: Und Flüchtlinge.
Maxim: Und Konzerne, die dabei helfen, in Afrika den Boden kaputt zu machen und die Leute bis in die Wüste und ins Wasser treiben und da ertrinken lassen. Wenn, dann musst du das ganze Paket nehmen. Also bei der ironischen Frage „Ihr wollt Kapitalismus mit Herz?“ steckt ja schon eine konkrete Aussage dahinter. Da kann man ja nicht danach noch fragen, was wir wollen. Da ist ja eigentlich klar: Das soll weg!

The European: Aber was soll denn dann kommen? Um Churchill zu paraphrasieren: „Kapitalismus ist das schlechteste aller Wirtschaftssysteme – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“
Maxim: Churchill kennt ja auch nichts anderes als Kapitalismus.
Tarek: Die Kritik ist ja nicht falsch, nur weil es keinen Sechs-Punkte-Plan für eine bessere Welt in Nicos Part gibt. Aus der Kritik ergeben sich Gedanken, wie man das alles besser handhaben könnte.
Maxim: Das ist der Punkt: Man kann nicht sagen, dass man zwar einer Kritik zustimmt, aber keine Lösung parat hat. Genau das jedoch impliziert deine Aussage „Ja ja, ihr habt alle schön eure Kritik, aber es geht einfach nicht besser.“ Das aber bei „es geht ja nicht besser“ auch noch ein Staat dabei ist, der das gewaltsam verteidigt, schiebt er damit ganz elegant beiseite. Aus der Kritik ergibt sich also durchaus etwas.

The European: Was denn?
Maxim: Dass man die aktuellen Zustände nicht haben will. Deine Frage erübrigt sich also, denn aus Kritik ergibt sich der Lösungsweg. Wenn jemand sagt: „Die Ausländer sind das Problem. Wegen denen habe ich keine Arbeit“, dann will er die Ausländer abschieben und stellt sich einen rassisch gereinigten Staat vor. Wenn jemand meint, „die bösen Banken“ sind das Problem, dann stellt er sich vor, dass die Banken verstaatlicht werden. Aus Kritik ergibt sich immer, was derjenige will.

The European: Um es auf den Punkt zu bringen: Ihr wollt ein anderes System.
Maxim: Könnte man denken, ja.
Tarek: Kann man machen.
Maxim: Wir haben das Album auch nicht dahingehend durchgehört, ob wir darin „Das Kapital 1-3“ von Marx perfekt dargelegt haben. Bei den Zeilen sollte es eher darum gehen, ob man die Kritik teilt …
Nico: … oder ob man die Kritik überhaupt üben darf, auch wenn man nicht direkt einen Lösungsvorschlag hat. (verächtlich) Wie damals bei der Agenda 2010.
Maxim: Das war wirklich mal ein Lösungsvorschlag! (alle lachen)

The European: Ist es euch eigentlich egal, wie und ob eure Fans eure Songs verstehen und aufnehmen?
Tarek: Durch Interviews wie dieses wird ja suggeriert, das Album wäre durchweg voll mit trockener Kapitalismus-Kritik.
Maxim: Und rätselhaft, vor allem.
Tarek: Die allermeisten Sachen sind aber einfach aus dem Alltag gegriffen, sodass sich auch ein politikverdrossener Teenager damit identifizieren kann. Deswegen denke ich nicht, dass es schlecht ankommt. Der Song, der sich am explizitesten damit beschäftigt, ist „Boom Boom Boom“, die anderen Songs kannst du auch so hören, da geht es um Sachen, die jeder kennt. Wie: „Oh Gott, der Boss nervt mich, jetzt muss ich mir ’ne E (Ectasy-Pille, Anm. der Redaktion) klinken und im Berghain … (macht eine Pause und schreit auf einmal) in den Arsch gefickt werden.“ (alle lachen)

Maxim: „Kurt Weill und Hanns Eisler sind klasse Dudes gewesen“

KIZ

The European: Woran ich bei meiner letzten Frage auch gedacht habe, ist die Promo-Single „Das Kannibalen-Lied“ – die sehr stark an Marschmusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angelehnt ist. Wenn Fans das auf den Festivals mitsingen, dann hält man ihnen doch schon den Spiegel vor, oder?
Tarek: Der Song ist keine Kritik an irgendwem. Es macht einfach nur Spaß, sich so darzustellen: „Wir sind die vierköpfige Hydra, die lieben Führer.“ Wir wollten uns einfach nur mal auf die Schulter klopfen und haben dafür diese Hymne geschrieben.
Nico: Aber nicht mit der Intention: „Haha, jetzt singt ihr das mit, ätsch!“ (Tarek lacht)
Maxim: Der Text ist ja schon sehr absurd. Das ist ja nicht wie bei unserem WM-Song „Biergarten Eden“, wo man erst mitsingt und dann merkt, was man da singt. Der Song ist aus einem Riesenspaß entstanden. Und: Kurt Weill und Hanns Eisler sind klasse Dudes gewesen.
DJ Craft: Unsere Fans singen das auf jeden Fall mit viel Humor mit.
Maxim: Die Leute finden das einerseits lustig und andererseits hat diese Fan-Verehrung manchmal durchaus etwas von Führertum. Nur, dass das scheißegal ist. Wir tun nämlich nur Gutes im Unterschied zu all den Führern dieser Welt.
Tarek: Uns nach!

The European: Der Song „AMG Mercedes“ – der Titel lockt einen da zunächst in die falsche Richtung – ist ganz anders als andere Songs von euch: Ihr erzählt von Problemen aus eurer Jugend und Kindheit. Ist das der ehrlichste Song, den ihr bisher gemacht habt?
Nico: „So alt“ hatte zwar noch ’nen witzigen Refrain, aber die Strophen waren eigentlich ziemlich ähnlich. Aber ansonsten würde ich schon zustimmen, dass es unser persönlichster Song ist, er ist geradeheraus.
Maxim: Ich finde es interessant, die Hosen in der Hinsicht herunterzulassen, und sich nicht als ewiger Gewinner zu inszenieren.

The European: Die zweite Hälfte des Albums hat mich ein bisschen ratlos zurückgelassen, manche Songs habe ich beim ersten Mal Hören nicht verstanden. Zum Beispiel den Song mit und über Manny Marc von den Atzen.
Maxim: Der Song ist ganz bewusst verwirrend. Als wir das erste Mal Leuten den Song gezeigt haben, haben die zu anderen gesagt: „Diesen Manny-Marc-Song, den musst du hören!“ Das ist schon ein geiler Effekt. Das war bei uns selber auch so. Wenn du sagst, der Song verwirrt dich, dann ist das genau der richtige Effekt. Man kann danach dann natürlich darüber nachdenken, warum einen das verwirrt. Geh noch mal ganz tief in dich. Was fühlst du?

The European: Mir ist auch noch „Ehrenlos“ aufgefallen. Ich hab mir dazu notiert: „Neue Berlin-Hymne?“
(alle lachen)
Nico: Das wär’ schön.

The European: Der Song beschreibt aus meiner Sicht sehr gut diesen Tipping-Point, an dem Berlin gerade ist. Der Hype, den es seit Jahren gibt, droht zu kippen. Berlin könnte plötzlich wieder negativ gesehen werden …
Maxim: Das wär’ natürlich marktwirtschaftlich gesehen klasse, was du sagst. War aber nicht der Gedanke hinter dem Song.
Tarek: Aber es ist schön, dass du das so siehst.
Maxim: Wenn ich jetzt drüber nachdenke: Das war genau der Gedanke hinter dem Song! Das hat doch auch irgend so ’ne Zeitung beschlossen, dass Berlin wieder out ist.
Tarek: Ganz viele haben das geteilt auf Facebook.
Maxim: Und das ist der Song dazu. Der Song zum Niedergang unserer geliebten Metropole.

Tarek: „700.000 Leute, die alles niedermähen werden, was sich uns in den Weg stellt“

The European: Wenn das tatsächlich stimmt, kann das ja nur gut sein, dann steigen die Mieten nicht weiter …
Maxim: Als Eigentümer denkst du da natürlich anders drüber. (alle lachen)

The European: Um den Bogen zum Anfang zu spannen: Für mich wirkte der letzte Song des Albums so, wie eure Antwort darauf, was ihr eigentlich wollt. Nämlich: „Hurra, die Welt geht unter“.
Maxim: Ja.
Nico: Das wär’ schon geil.
Tarek: Also, dass die Welt, wie sie ist, untergeht.
Maxim: Es geht weniger darum, dass man verschwörungstheoretikermäßig im Keller den Thunfisch lagern muss.

The European: Sondern?
Maxim: Dass man nicht jede Sorge der Herrschenden und unserer Regierung teilen sollte: „Oh mein Gott, jetzt ist Krise!“, oder: „Oh mein Gott, die NSA überwacht die Kanzlerin, geht es mit Deutschland bergab?“ Man sollte sich die Frage stellen, ob man da wirklich im gleichen Boot sitzt.
Tarek: Wir müssen uns die Frage eh nicht stellen. Denn wenn die Welt, wie sie ist, zusammenbricht, haben wir eine riesige Fan-Gemeinde und sind somit schon eine gigantische Gang. 700.000 Leute, die alles niedermähen werden, was sich uns in den Weg stellt.
Maxim: Dann müssen wir uns vorher aber noch mit Cro vertragen. (alle lachen)

Das neue Album „Hurra die Welt geht unter“ erscheint am 10.7.

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