Es stört mich nicht, was meine Minister sagen, solange sie tun, was ich ihnen sage. Margaret Thatcher

Außer Kontrolle

Regeln, die für respektvolles, zwischenmenschliches Verhalten gelten, werden durch eine Vergewaltigung brutal außer Kraft gesetzt. Viele, die diesen Verlust der Kontrolle über die Situation und den eigenen Körper erlebt haben, entwickeln eine Posttraumatische Belastungsstörung.

Leben wir in einer „rape culture“, in einer Vergewaltigungskultur? Nein – in Deutschland gibt es das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Aber: Schöpfen wir alle Möglichkeiten der Hilfestellung aus? Tun wir genug für Prävention? Dass Indien aufsteht für die Rechte einer Frau, ist sensationell. Lassen Sie uns diesen Appell aufgreifen!

Seit elf Jahren haben wir das Gewaltschutzgesetz (GewSchG), seit fünf Jahren das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) und seit 2004 gilt Vergewaltigung auch unter Ehepartnern als Offizialdelikt. Somit gibt es die gesetzliche Grundlage, umfassend vor sexueller Belästigung geschützt zu werden und in ehelichen Beziehungen Vergewaltigung nicht mehr ertragen zu müssen. Vor diesem gesetzlichen Hintergrund darf gesprochen werden. Über die freie Selbstbestimmung in der Sexualität. Über das Leid, dass das Erleiden von sexueller Gewalt so oft hinterlässt.

Scham und Ekel

Sexuelle Gewalt und Vergewaltigung beinhalten eine unmittelbare Bedrohung, körperlich und seelisch verletzt zu werden. Aber eben noch mehr – sie bedeuten die Erfahrung, dass Regeln, die für respektvolles, zwischenmenschliches Verhalten gelten, außer Kraft gesetzt wurden; sie bedeuten den erlebten Verlust der Kontrolle über die Situation, den eigenen Körper. Die Erfahrung, dass der eigene Wille missachtet oder gar gebrochen werden kann, kann zu einer erheblichen Erschütterung des Selbsterlebens führen.

Von Frauen (und Männern) beschriebene Gefühle nach einer Vergewaltigung unterscheiden sich denn auch wenig voneinander. Vorherrschend werden Gefühle wie Scham geschildert, der Wunsch, das Erlebte ungeschehen zu machen, ein Gefühl des Beschmutztseins bis hin zu Ekel vor dem eigenen Körper. Etwa 60 Prozent der Frauen in Deutschland im Alter zwischen 16 und 85 Jahren haben mindestens einmal im Leben sexuelle Belästigung erleben müssen, wie eine große Umfrage aus dem Jahr 2004 zeigte (Schröttle & Müller). Die Zahl für sexuelle Gewalt wird in der Übersicht mit 13 Prozent angegeben. Drei Viertel der Täter gehören dem sozialen Umfeld der Frauen an. Oft waren es Bekannte, Freunde, Beziehungspartner oder Männer, die der Frau im Alltag öfter wieder begegnen. Jede Wiederbegegnung führt zur Konfrontation mit der erlebten Schwäche und Beschämung.

Sich selbst als hilflos zu erleben, die Erinnerung an erlittenen Kontrollverlust, daran, dass die Körpergrenzen ignoriert wurden, ist problematisch für die Bewältigung eines Erlebnisses. Eine Vergewaltigung – der Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung – ist ein traumatisches Erlebnis. Nicht jede, nicht jeder entwickelt anschließend eine psychische Störung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine spezifische Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, ist stark abhängig von der Art des traumatischen Erlebnisses (Kessler, 1995). Von Menschen zugefügte Gewalt und insbesondere sexuelle Gewalt geht in einem weit höheren Ausmaß mit Folgeerscheinungen einher.

Haben Betroffene eine Vergewaltigung erlebt, entwickelt sich bei über der Hälfte der Fälle eine PTBS. Auch bei Misshandlung und Vernachlässigung als Kind ist die Häufigkeit einer Folgestörung hoch. Viel seltener sind psychische Folgestörungen nach Unfällen (7 Prozent) oder bei Überlebenden einer Naturkatastrophe (4,5 Prozent). 80 Prozent der von PTBS betroffenen Personen leiden an einer weiteren psychischen Störung, z.B. Angststörungen, Depressionen und Suchterkrankungen. Bei allen Gewaltformen leiden Frauen wohl häufiger unter psychischen Folgestörungen als Männer, dies kehrt sich bei sexueller Gewalt um.

Dem Täter keine Macht über sich geben

Bei sexuellen Übergriffen sind selten Zeugen zugegen. Nur ein Bruchteil der Taten kommt zur Anzeige und nur ein geringer Anteil davon mündet in ein Gerichtsverfahren, von dem wiederum nur ein minimaler Bruchteil zu einer Verurteilung führt. Die Berichterstattung im Strafverfahren ist auf die subjektive Schilderung der Betroffenen angewiesen. Wie kann eine wirksame Strafverfolgung die Bedürfnisse Betroffener ausreichend berücksichtigen? Welches Wissen brauchen Polizei und Justiz, um zu verstehen, mit welchen psychischen Zuständen bei den Opfern bei einer Zeugenaussage und im Strafverfahren nach sexuellen Gewalttaten gerechnet werden muss? Welche Sensibilität braucht es, um zu verhindern, dass eine Anzeigenerstattung oder ein Prozess selbst zur traumatischen Situation mit negativen Folgen für die psychische Gesundheit wird? Was kann die Presse tun, um Betroffene nicht in einer Opferrolle festzuschreiben? Vergewaltigung ist eine Grenzüberschreitung. Es scheint, als provoziere diese Tat die im Nachgang damit befassten Stellen dazu, die Grenzen ihrer Kompetenzen, Fähigkeiten und Zuständigkeiten zu überschreiten.

Wer Leid erlitten hat, kämpft damit, dem Täter keine Macht über sich zu geben. Und dies ist nicht das Einzige, womit er oder sie zu kämpfen hat, denn Vergewaltigungsmythen sind weit verbreitet: Überzeugungen, die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen verharmlosen, Täter entlasten und Opfern von sexueller Gewalt eine Mitschuld geben. Häufig entwickeln Betroffene eine Posttraumatische Belastungsstörung. Wirkungsvolle Therapien sind vorhanden, traumaspezifische Psychotherapie ist die Methode der Wahl. Doch oft ist die Schwelle, diese in Anspruch zu nehmen, hoch. Psychotherapieplätze sind rar.

Vergewaltigung kann überlebt werden. Wir alle sind gefragt, auf die Herstellung eines Klimas zu achten, in dem hinterlassene Wunden verheilen können, Hilfen für Folgeschäden rasch und niedrigschwellig erreichbar sind. Wir alle sind gefragt, unsere eigene Mythenbildung zu überprüfen. Lassen Sie uns eindeutig Partei ergreifen und uns um menschliche Würde im Wissen um unsere eigene Verletzbarkeit sorgen. Den gesetzlichen Hintergrund dazu haben wir. Seien wir stolz darauf, dass wir über diese Themen reden dürfen. Reden ist Prävention. Benutzen wir dieses wirkungsvolle Instrument der Prävention auf achtungsvolle Weise.

Literatur:

Schröttle M., Müller U. (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.
Herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
www.bmfsfj.de/publikationen)

Dugan M., Hock R.: Neu Anfangen nach einer Misshandlungsbeziehung., Bern, 2009

Flatten G., Gast U., Hofmann A., Knaevelsrud Ch., Lampe A., Liebermann P., Maercker A., Reddemann L., Wöller W. (2011). S3 – Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (AWMF). Trauma & Gewalt 3: 202-210. Verfügbar unter URL: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-010.html

Gesetz über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten (Kurztitel: Opferentschädigungsgesetz, OEG). Inkrafttreten der letzten Änderung: 01.07.2011

Kessler R.C., Sonnega A., Bromet E., Hughes M., Nelson C.B.: Posttraumatic Stress disorder in the national comorbidity sample. Arch Gen Psychiatry 52, 1995: 1048-1060

Maercker A.: Posttraumatische Belastungsstörungen, Springer, Berlin, 2009

Robert-Koch-Institut (Hrsg.): Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 42. Gesundheitliche Folgen von Gewalt unter besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt gegen Frauen. Berlin: Eigenverlag, 2008

Stang K., Sachsse U.: Trauma und Justiz: Juristische Grundlagen für Psychotherapeuten – psychotherapeutische Grundlagen für Juristen. Schattauer, Stuttgart, 2007

Dieser Text wurde am 14.04.2013 geändert. Im vierten Absatz hieß es vorher: Etwa 60 Prozent der Frauen in Deutschland im Alter zwischen 16 und 85 Jahren haben mindestens einmal im Leben sexuelle Belästigung erleben müssen, wie eine große Umfrage aus dem Jahr 2004 zeigte (Schröttle & Müller). Drei Viertel der Täter gehören dem sozialen Umfeld der Frauen an.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sabine Beppler-Spahl, Nils Pickert, Peter Vignold.

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Kolumne

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von Alexander Wallasch
14.01.2013

Gespräch

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