Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

„Königshäuser sind Vorreiter der Emanzipation“

Monarchie? Ist besser als ihr Ruf, findet Julia Melchior. Aber deshalb taugt sie nicht automatisch für Europa. Julia Korbik bespricht mit der Adelsexpertin die royale Lage des Kontinents.

The European: Frau Melchior, guckt man sich in Spielzeuggeschäften um, gibt es da jede Menge Prinzessinnen-Accessoires von pinken Kleidern über Krönchen bis hin zu Zeptern: Prinzessin sein als Mädchentraum. War das bei Ihnen auch so?
Melchior: Ich bin ein ganz normales Mädchen gewesen, das sich gerne als Prinzessin verkleidet und leidenschaftlich „Sissi“ geguckt hat – Letzteres tue ich heute noch.

The European: Tatsächlich sind Sie nicht Prinzessin geworden, sondern Adelsexpertin. Wie kam es dazu?
Melchior: Eigentlich durch einen Zufall. Ich habe BWL studiert und war drei Jahre lang bei einer Unternehmensberatung. Da war also keine außergewöhnliche Leidenschaft für das Thema Adel. Später wechselte ich in die Filmproduktion. Wir haben zeitgeschichtliche Dokumentationen gemacht: über den Zweiten Weltkrieg, große Familien wie die Krupps und die Thyssens. Und irgendwann kam der Auftrag: Macht doch mal einen Film über das schwedische Königshaus. Da haben die Männer in unserer Firma sich alle zurückgezogen und gesagt: „Kannst du ja mal machen.“ Und das habe ich – mit Freude! Aus einem Auftrag wurden viele und so habe ich mir im Laufe der Zeit Expertenwissen zum Thema angeeignet. Seit acht Jahren setze ich mich nun mit den Königshäusern auseinander.

The European: Für viele Menschen sind Adelsexperten diejenigen, die jedes noch so unwichtige Detail bei royalen Anlässen wie Hochzeiten, Geburten oder Jubiläen kommentieren. Ein Job, für den man viel reden und wenig leisten muss.
Melchior: Adelsexperte ist ja auch kein Job. Ich bin Autorin und Regisseurin von Dokumentarfilmen, u. a. über die Königshäuser. Denn irgendwo muss das Hintergrundwissen ja herkommen. Zu Hause sitzen und die bunten Blätter lesen reicht nicht aus, um sich eine substanzielle Meinung zu bilden.

The European: Sondern?
Melchior: Ich muss vor Ort sein, drehen, recherchieren, mich mit der jeweiligen Landesgeschichte und -politik auseinandersetzen, Drehbücher schreiben, an die Leute rankommen und mit ihnen eine Gesprächsebene finden – so werden Dokumentarfilme gemacht, auch über die Königshäuser.

„Royals werden zu Popstars gemacht“

The European: Warum genau faszinieren uns Prinzen und Prinzessinnen, Königspaare, Schlösser und Kronen eigentlich so sehr? Denn, ganz plump: Die Royals sind Menschen, die von Geburt an bestimmte Privilegien genießen, die normale Bürger auch durch harte Arbeit nie erreichen werden.
Melchior: Ich glaube, weil sie irgendwie unerreichbar sind. Man kann mit Talent, Fleiß oder Glück ein toller­ Sportler werden, ein erfolgreicher Unternehmer oder ein berühmter Schauspieler. Aber in ein Königshaus kann man eben nur reingeboren werden oder einheiraten. Gerade Letzteres, dieses „Unter dem Stern der Liebe“, macht einen Teil der Faszination aus.

The European: Und den Rest?
Melchior: Die Mitglieder von Königshäusern sind eben auch permanente Lebensbegleiter. Wir waren dabei, als Prinz William geboren wurde, als er in die Schule kam, als seine Mutter starb. Weltweit schauten über zwei Milliarden Menschen zu, als William und Kate heirateten. Dann wurde Baby George geboren. Man begleitet so eine Biografie ein Leben lang. Stars und prominente Persönlichkeiten hingegen kommen und gehen. Insofern finde ich auch nicht, dass dieses Leben unbedingt ein Privileg ist.

The European: Was meinen Sie damit?
Melchior: Sie haben keine Wahl. Sie sind fremdbestimmt.

The European: Aus der Traum vom märchenhaften Leben am Hofe. Was ist die größte Illusion, die das gemeine Volk sich über Königshäuser macht?
Melchior: Dass das ein leichter Job ist. Mitglieder von Königshäusern haben einen Fulltime-Job auf Lebenszeit. Natürlich haben diese Menschen auch eine eigene Meinung zu Politik, aber die können sie mit niemandem teilen. Weil das nicht zu ihrer Aufgabe gehören darf. Es gibt Privilegien, aber die haben einen hohen Preis.

The European: Haben Sie das Gefühl, dass es in Deutschland eine gewisse Sehnsucht nach königlichen Figuren gibt, die unpolitisch sind und repräsentativ?
Melchior: Ich erlebe es zumindest so. Manche Deutsche blicken auch mit ein bisschen Neid auf die europäischen Nachbarn. Wir alle wissen, wer das Staatsoberhaupt von England ist – die Queen. Umgekehrt kennen die Engländer unser Staatsoberhaupt nicht. Eine Queen, die seit über 60 Jahren im Amt ist, hat natürlich eine ganz andere Bekanntheit als unser Bundespräsident.

The European: Ist die Adelsbegeisterung Ausdruck einer gewissen Verdrossenheit gegenüber dem politischen System, des Wunsches nach eindeutigen Repräsentanten?
Melchior: Ein Stück weit wahrscheinlich schon. Europaweit entspringen aus den Bündnissen und Koalitionsregierungen zerstrittener Parteien nicht viele Lichtgestalten dauerhafter Präsenz. Und die EU hat noch eine weitere Dimension politischer Figuren und Beamte hinzugefügt, die die Menschen überhaupt nicht kennen und gar nicht greifen können.

The European: Im Gegensatz zu royalen Staatsoberhäuptern.
Melchior: In England habe ich mal ein Interview mit einem Monarchie-Gegner geführt, der Mitglied der Republikanischen Vereinigung ist, und selbst der sagt: „May the Queen live forever!“ Solange die Könige keine Macht haben, sondern nur ihr Amt als Staatsoberhaupt, erfüllen sie durchaus einen Zweck. Aber sie dürfen sich keine Fehltritte erlauben.

The European: Die Monarchie-Gegner in England beklagen aber auch, es gäbe dort eine Vermischung von verfassungsrechtlicher Rolle der Monarchie mit der Celebrity-Kultur. Ist die Queen nur noch ein Popstar?
Melchior: Auf keinen Fall. Natürlich müssen Königsfamilien eine gewisse Image-Pflege betreiben. Das gehört schließlich zu ihren Erfolgsfaktoren: Sichtbarkeit und Präsenz. Dass sie jetzt zu Popstars gemacht werden, liegt an der Presse und an der Bevölkerung. Die Geburt eines Thronfolgers, ein Thronwechsel oder eine Königshochzeit sind Nationalereignisse, die durchaus auch etwas Identitätsstiftendes für diese Länder haben und daher auch entsprechend gefeiert werden. Königsfamilien haben durchaus ihre Berechtigung, sei es nun in England oder anderswo in Europa.

The European: Inwiefern?
Melchior: Sie bekleiden laut Verfassung das Amt des Staatsoberhaupts. Sie haben zwar keinen direkten ­politischen Einfluss, aber indirekten. Weil sie eine große Erfahrung haben – im Zwiegespräch finden sie durchaus Gehör. Die Queen oder früher Königin Beatrix der Niederlande treffen sich einmal die Woche mit ihrem Premierminister und da werden auch politische Themen besprochen. Wie viel Einfluss sie genau nehmen, weiß man nicht. Aber von der Queen wird gesagt, sie sei eine gute Beraterin. Kein Wunder: Sie hat 13 Premierminister überdauert!

„Eine europäische Monarchie? Völlig undenkbar!“

The European: Gäbe es die Möglichkeit einer europäischen Monarchie? Stabilität könnte Europa in Zeiten der Krise ja nicht schaden – und was auf nationaler Ebene klappt …
Melchior: (lacht) Das Szenario ist natürlich völlig undenkbar – aber durchaus witzig. Lassen Sie uns das mal durchspielen: Man würde vielleicht kein neues, europäisches Königspaar wählen, sondern auf die bewährten zurückgreifen. In Malaysia gibt es zum Beispiel eine föderale Wahlmonarchie. Alle fünf Jahre wird einer der Herrscher der neun Sultanate zum König ernannt. Übertragen auf Europa würde das bedeuten: Fünf Jahre könnte der König von Spanien europäischer vorsitzender König sein, dann fünf Jahre Margrethe von Dänemark.

The European: Man müsste aus den bestehenden Königen und Königinnen wählen.
Melchior: Nicht unbedingt. Auf EU-Ebene müsste man auch die Staatschefs der Republiken einbeziehen. Das liefe dann auf einen Wechsel ähnlich der EU-Ratspräsidentschaft, mit Beteiligung aller EU-Länder, hinaus. Aber das käme für uns sicher nicht infrage. Wir sind ja eine funktionierende Republik!

The European: Sie haben am Anfang gesagt, gerade die Unerreichbarkeit von Königsfamilien fasziniere. Andererseits hat man doch immer mal wieder das ­Gefühl: Das sind welche von uns.
Melchior: Absolut. Sie sind im Prinzip ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut mit Fehlern, ganz normalen Bedürfnissen und Vorlieben – und Spaß am Leben!

The European: Ihr Lieblings-Royal?
Melchior: Victoria von Schweden. Eine Kronprinzessin, die sich einen nun wirklich sehr unkonventionellen Mann gesucht hat, nämlich ihren eigenen Fitnesstrainer. Sie hat lange für ihre Liebe gekämpft, genießt dadurch ein unglaubliches Maß an Glaubwürdigkeit und ist dem schwedischen Volk sehr nahe. Sie ist die beliebteste Person des öffentlichen Lebens, seitdem es statistische Aufzeichnungen in Schweden gibt. Wenn Victoria sich zur Wahl stellen würde, hätte sie gute Chancen, Staatschefin zu werden. Selbst eine schwedische Sozialdemokratin hat mir gesagt, sie würde Victoria wählen – dabei haben die Sozialdemokraten die Abschaffung der Monarchie im Wahlprogramm stehen.

The European: Victoria und Daniel, William und Kate: Ist die Hochzeit mit Bürgerlichen ein wichtiger Faktor, wenn es um Beliebtheitswerte geht?
Melchior: Entscheidend ist, dass die Menschen merken: Wenn zwei aus Liebe heiraten, dann sind sie ein gutes Team. Egal, ob der eine adelig ist oder nicht. Royale Paare müssen jeden Tag zusammenarbeiten und das ein ganzes Leben lang. Sie müssen sich gut verstehen. Aber so ein Fall wie Daniel Westling in Schweden oder Kate Middleton in England bringt letztlich das Volk näher an sein Königshaus ran.

The European: Es heißt ja immer, die Monarchien müssten sich modernisieren. Haben Sie das Gefühl, dass das tatsächlich geschieht?
Melchior: Durchaus. Königshäuser werden geführt wie Unternehmen, mit verschiedenen Abteilungen. Sie kosten Geld, müssen aber auch Nutzen bringen. Das ist schon sehr modern. Und: Sie sind Vorreiter der Emanzipation.

The European: Das ist nun eine sehr überraschende Antwort.
Melchior: Frauen können Königinnen werden – im Prinzip schon länger, als CEO eines großen Unternehmens. Seit Ende der 1970er-Jahre gab es in den meisten europäischen Monarchien ­Reformen, die es erlauben, dass Söhne und Töchter gleichermaßen den Thron besteigen können. England hingegen hat diese Reform erst vor zwei Jahren eingeführt. Die Queen ist nur Königin ­geworden, weil sie keinen Bruder hatte. Im Zeitalter der Emanzipation ist es wichtig gewesen, dass die Königshäuser nicht nur mitzogen, sondern auch Vorreiter waren.

The European: Die Königshäuser sind in Sachen Gleichstellung also weiter als so manches Unternehmen.
Melchior: (lacht) Das würde ich jetzt so nicht sagen, aber sie haben zumindest die Fähigkeit, sich zu modernisieren. Schweden gilt als Vorreiter der Emanzipation und so war es wenig überraschend, dass das Königshaus das erste war, welches Ende der 1970er-Jahre die gleichberechtigte Thronfolge eingeführt hat. Auf der anderen Seite ist das schwedische Königshaus auf Traditionen bedacht. Ich bin bei einigen Staatsbanketten dabei gewesen, bei der Nobelpreisverleihung – das folgt alles immer noch einem jahrhundertealten Protokoll. Dieser Spagat ist wichtig, Königsfamilien dürfen sich ja auch nicht zu gemein machen mit dem Volk. Sie müssen ihren exponierten Status und ihre Rolle wahrnehmen. Die Schweden kriegen diesen Spagat besonders elegant hin.

„Die spanische Monarchie ist am interessantesten“

The European: Dem schwedischen Königshaus sind Sie besonders zugetan.
Melchior: Ja, aber nur, weil damit alles angefangen hat und ich dazu die meisten Filme gemacht habe. Eigentlich finde ich Spanien am interessantesten.

The European: Warum?
Melchior: Schweden ist ja eine rein zeremonielle Monarchie. In Spanien hingegen kommt noch die politische Dimension hinzu. Sehr spannend, gerade, wenn man an das 20. Jahrhundert denkt: Die Monarchie wurde abgeschafft, die Republik ausgerufen, es gab Bürgerkrieg, der in der Franco-Diktatur endete. Und dann wurde Juan Carlos im Alter von zehn Jahren nach Spanien zurückgeholt, um ihn auf den Thron vorzubereiten. Er trat das Erbe Francos an und rief die Demokratie aus, indem er sich selbst entmachtete. Juan Carlos hat sicher eine der spannendsten Biografien des 20. Jahrhunderts. Und sein Sohn Felipe muss den Kraftakt leisten, dieses Land zusammenzuhalten, entgegen Katalonien und seinen Unabhängigkeitsbestrebungen.

The European: Letzte Frage: Gucken Sie „Verbotene Liebe“, die ARD-Adelssoap?
Melchior: Ich habe es im Studium hin und wieder geguckt, das ist schon lange her. Aber ich erinnere mich, dass viele der Serien-Adeligen ziemlich peinlich waren und wenig mit dem Adel zu tun hatten, wie ich ihn erlebe. Bei mir wird eher jedes Jahr Weihnachten noch mal „Sissi“ geschaut.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Roger Boyes: „Den Briten steht eine Kulturrevolution bevor“

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

Zudem: Drei Gedanken, die 2015 unseren Wohlstand retten. Ein Königshaus für Europa. Warum Armen und Reichen Deutschland scheißegal ist. Haltung in der Politik. Dazu Gespräche mit Jeffrey Sachs, Petra Pau, Jeremy Rifkin

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