Kapitalismus ist so ähnlich wie Sex. Selbst wenn er schlecht ist, ist er immer noch besser, als überhaupt keinen zu haben. Vince Ebert

Atemlos durch die Nacht

Sebastian Schippers „Victoria“ ist eine Wucht: eine atemlose Tour de Force durch Berlin, gedreht in Echtzeit und in einer einzigen, langen Kamera-Einstellung.

Als deutscher Journalist bei der Berlinale fühlt man sich für die deutschen Beiträge im Programm seltsam verantwortlich. Es ist vermutlich wie mit den eigenen Kinder: Man wünscht sich, dass diese sich gut machen, einen nicht in Verlegenheit bringen und andere Menschen sie toll finden. Im Wettbewerb ist Deutschland 2015 mit Filmen von Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“) und Sebastian Schipper („Absolute Giganten“, „Ein Freund von mir“) vertreten. Nach der Premiere von Schippers Film am Samstag lässt sich eindeutig sagen: Schämen muss man sich dafür ganz und gar nicht.

Alles oder nichts

„Victoria“ ist eine atemlose Tour de Force, gedreht in Echtzeit und in einer einzigen, langen Kamera-Einstellung – 2 Stunden, 20 Minuten. Los geht es in den frühen Morgenstunden in einem Berliner Club. Die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) lernt vor dem Club vier Berliner Jungs kennen: Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff). Zwischen Victoria und Sonne knistert es, aber Zeit füreinander haben sie nicht. Die Jungs müssen noch eine Schuld begleichen und müssen dafür ein krummes Ding drehen. Als Fuß unerwartet ausfällt, springt Victoria als Fahrerin ein. Am Ende geht es um alles oder nichts und aus dem verrückten Abenteuer ist ein Kampf um Leben und Tod geworden.

Von den bisherigen Wettbewerbsbeiträgen setzt „Victoria“ sich schon allein durch sein schieres Tempo und seine Authentizität ab. Ähnlich unmittelbar war bisher nur „Taxi“ des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, in dem dieser sich als Taxifahrer durch Teheran bewegt und unterwegs verschiedene Menschen einsammelt. Die jungen Leute in „Victoria“ reden so, wie junge Leute in Berlin eben reden: mal in schlechtem Englisch, mal auf Deutsch. Sie flirten, lachen, versuchen zu begreifen, wie die anderen so ticken. Nichts wirkt künstlich, alles unmittelbar. Und die Schauspieler sind eine Wucht: Laia Costa und Frederick Lau verkörpern eine Art moderne Bonnie und Clyde und in jeder Minute hat man das Gefühl, ihr Kennenlernen hätte sich genau so zutragen können. Die Jungs sind eigentlich liebe Kerle, die aber aus Freundschaft zu Boxer – der schon mal im Knast saß – auf die schiefe Bahn geraten.

Gnadenlos, bis es längst hell ist

Letztendlich setzt Sebastian Schipper mit „Victoria“ alles auf eine Karte – und gewinnt. Es gibt verschiedene Stellen im Film, an denen dieser hätte zu Ende sein können. Stellen, die ein Happy End bedeutet oder die Zuschauer zumindest mit einem guten Gefühl nach Hause entlassen hätten. Aber nein. Schipper zieht sein Ding durch, gnadenlos, bis ans Ende, wenn es längst hell ist.

Nein, für diesen deutschen Film muss man sich nicht schämen. Man kann verdammt stolz auf ihn sein und sich freuen, dass ein junger deutscher Regisseur sich an solch ein Unternehmen heranwagt. Und daraus einen der ungewöhnlichsten, kompromisslosesten deutschen Filme, vielleicht sogar seit Fatih Akins „Gegen die Wand“, macht.

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