Buona sera. Jorge Mario Bergoglio

Verloren in der Arktis

Der Berlinale-Eröffnungsfilm „Nobody Wants The Night“ bleibt trotz hervorragender Besetzung und wunderschöner Bilder blass.

Als Erstes erschießt Josephine Peary einen Eisbären. Sie freut sich sehr darüber, so ein großes Tier erschossen zu haben. Der Inuit-Mann, der das Tier zerlegt, versucht ihr zu erklären, dass es sich dabei eher um einen kleinen Bären handelt. Die Perspektiven sind eben unterschiedlich – ein Problem, welches sich durchaus auf „Nobody Wants The Night“ übertragen lässt, der am Donnerstag die diesjährige Berlinale eröffnete.

Der Film will ein ganz großer sein, ist es aber letztendlich nicht. Die Geschichte von Josephine Peary (Juliette Binoche) und ihrer Reise in die Arktis bleibt blass. Dabei ist die Ausgangssituation vielversprechend: 1908 macht sich Josephine Peary, amerikanische High-Society-Dame, auf, ihrem Mann bei dessen Expedition zum Nordpol entgegenzureisen. Sie will den Moment, in dem er als erster Mensch diesen mystischen Ort erreicht, mit ihm teilen. Die Warnungen des erfahrenen Arktis-Forschers Bram (Gabriel Byrne), der Winter stehe an, ignoriert sie. Schließlich wurde auch ihre Tochter in eisiger Kälte geboren und von den Inuit „weißes Baby“ getauft, weil ihre Haut so weiß war. Josephine reist in Begleitung Brams und zweier Inuits mit Schlitten in Richtung ihres Mannes Robert – ist aber, kurz nachdem sie das Basislager erreicht, auf sich alleine gestellt. Nur die Inuit-Frau Allaka (Rinko Kikuchi) steht ihr in der Einöde zur Seite. Die beiden Frauen sind aufeinander angewiesen und bald wird klar, dass die reiche Amerikanerin und die ursprünglich lebende Inuit mehr verbindet, als zumindest Josephine dachte: Allaka erwartet ein Kind von Robert.

Liebe als Antrieb

Die spanische Regisseurin Isabel Coixet (übrigens erst die zweite Regisseurin, die mit ihrem Film die Berlinale eröffnen darf) hat für die Geschichte von Josephine und Allaka wunderschöne, stechend scharfe Bilder gefunden: Schneemassen, die sich von einem Hang ergießen, Wolken, die sich zum Sturm auftürmen und immer wieder weiße Weiten. Die Personen und ihre Handlungen macht das leider nicht nachvollziehbarer, daran kann auch die herausragende Leistung der Schauspielerinnen nichts ändern: Binoche und Kikuchi. Josephine Peary war eine außergewöhnliche Frau, die schon früh traditionelle Geschlechterrollen ablehnte. Sie fand es völlig normal, ihren Mann auf seinen Forschungsreisen zu begleiten. Im Film ist jedoch nicht Forscherdrang Josephines Antrieb, sondern die Liebe zu ihrem Mann. Sie möchte seinen großen Moment erleben – nur deshalb macht sie sich auf die Reise.

Natürlich bietet der „clash of cultures“ zwischen Josephine und Allaka ein paar unterhaltsame Momente. So besteht Josephine darauf, Allaka zu einem „Dankeschön“-Essen in ihre Hütte einzuladen (Allaka selbst lebt in einem Iglu) und sie dort zum Essen mit Messer und Gabel zu zwingen. Und diese Momente schaffen es sehr gut, die rassistische Haltung darzustellen, mit der die weißen Arktisforscher (Ausnahme: Bram) den „Eskimos“ begegnen. Josephine hält sich für weltgewandt und offen – ist es aber nicht. Manchmal legt Coixet es jedoch zu sehr auf den Kontrast an: Josephine isst im Zelt ein säuberlich hergerichtetes Abendessen, draußen kaut Bram an getrocknetem Fleisch. Josephine ist entsetzt angesichts barbusiger Inuit-Frauen, schon folgt ein Kameraschwenk auf Josephine, wie sie bis zum Hals zugeknöpft auf einer Bank sitzt.

Erklärungen aus dem Off

„Nobody Wants The Night“ ist sehr oft anzumerken, dass er Angst hat, seine Botschaft nicht eindeutig genug zu vermitteln. Deswegen gibt es noch einen Erzähler, der das Geschehen kommentiert – man könnte auch sagen: erklärt. Wenn Josephine am Ende von einem Mitarbeiter ihres Mannes gerettet wird und sie unter Fellen begraben auf einem Schlitten ruht, braucht es nun wirklich nicht noch den Erzähler, der genau diese Szene beschreibt.

Das Gute ist: Die Berlinale hat gerade erst begonnen. Ein eher schwacher Start muss noch kein Zeichen sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Triumph der Meinungsfreiheit

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