Wenn es Betrug gab, war er harmlos. Hamid Karzai

Von wegen Humanismus

In Alexander Görlachs Text zur Abtreibung ist viel von Menschlichkeit die Rede. Warum klingt dieser dann so kalt und unempathisch?

Alexander Görlach ist gegen Abtreibung und sieht die humanistische Gesellschaft in Gefahr, weil ungeborenes Leben als untergeordnet betrachtet wird: „Keine Gemeinschaft wird sich darüber definieren können, wie sie am besten die Geburt des Nachwuchses verhindert.“

Aus Görlachs Text spricht eine gewisse Hilflosigkeit angesichts der Tatsache, dass Frauen schwanger werden und darauf basierend Entscheidungen treffen können, für die sie den an der Zeugung beteiligten Mann nicht um Rat bzw. Erlaubnis fragen müssen. Görlach findet es nicht richtig, dass Frauen über das ungeborene „Leben“ (wenn man es so nennen will) in ihrem Bauch entscheiden dürfen: „Wir befinden uns in einem erbärmlichen Abwärtsstrudel, in dem Menschen sich selbst und mit sich alle anderen als Ware betrachten, mit der man, von Fall zu Fall, nach Belieben verfahren kann.“

Um es ganz klar zu sagen: Wenn eine Frau abtreibt, tut sie das in den meisten Fällen, weil sie gute Gründe hat – und nicht mal eben so, zumal es sich um einen medizinischen Eingriff handelt. In Deutschland sinkt die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche seit 2004 kontinuierlich. 2013 waren es mit 102.800 Abtreibungen 3,8 Prozent weniger als 2012.

Das Übel mit einem Verbot aus der Welt schaffen

Großzügig gesteht Alexander Görlach Frauen im Fall einer Vergewaltigung das Recht auf Abtreibung zu. Bravo! Tatsächlich aber ist es praktisch nicht so leicht: Um abtreiben zu können, müsste eine vergewaltigte Frau sich zunächst gynäkologisch untersuchen lassen, um Spuren zu sichern. Dann müsste sie den Täter anzeigen und mit einer Kopie dieser Anzeige zur Gynäkologin gehen, um einen Termin für die Abtreibung machen zu können. Dies müsste alles möglichst schnell nach der Tat geschehen – viele Frauen sind nach einer Vergewaltigung jedoch traumatisiert, wissen nicht, was sie tun sollen, oder leben sogar mit dem Täter in einer Beziehung. Ein Polizeibesuch ist das letzte, woran sie denken.

Aber Görlach geht es ja grundsätzlich um die Regel, nicht die Ausnahme. „Abtreibung ist ein Übel“ schreibt er und ich gehe davon aus, dass er dieses Übel am liebsten durch ein Verbot aus der Welt schaffen würde.

Um zu sehen, was passiert, wenn Abtreibung illegal ist, muss man den Blick gar nicht so weit schweifen lassen – nur bis nach Irland. Hier gilt ein absolutes Abtreibungsverbot – mit einem kleinen Schlupfloch, sollte bei der Schwangeren eine Suizidgefährdung vorliegen. In solchen (seltenen) Fällen ist es erlaubt, dass die betroffene Frau nach England ausreist und den Eingriff dort vornehmen lässt. Mittlerweile hat selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte festgestellt, dass Irland die Menschenrechtskonvention verletzt, da es dort keine Regelung gibt, die eine Abtreibung erlaubt, wenn das Leben der Schwangeren gefährdet ist (so wie in Deutschland).

Keine Menschlichkeit

Die irische Regierung steht also in der Pflicht, hat es aber nicht besonders eilig, an dem bestehenden Recht etwas zu ändern. Mit tragischen Konsequenzen: Im November 2012 starb die schwangere Savita Halappanavar in einem Krankenhaus in Galway an einer Blutvergiftung. Die 31-Jährige war in der 17. Schwangerschaftswoche und litt unter Rückenschmerzen. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass sie dabei war, eine Fehlgeburt zu erleiden. Ihrem Ehemann zufolge bat sie mehrmals um eine medizinische Beendigung der Schwangerschaft. Drei Tage lang litt Halappanavar unter starken Schmerzen, getan wurde aber nichts. Die Ärzte verwiesen darauf, dass noch ein fötaler Herzschlag zu hören sei und man sich in einem „katholischen Land“ befände. Tage später, nachdem der Herzschlag ausgesetzt hatte, wurde der tote Fötus zwar entfernt, es war aber bereits zu spät – Halappanavar starb an einer Blutvergiftung. Wohlgemerkt: Hier geht es um ein europäisches Land, ein Land, das Mitglied der Europäischen Union ist und die Menschenrechts-Charta anerkennt. Offenbar sind damit nicht alle Menschen gemeint, zumindest nicht in Irland.

Sieht so eine „humanistische Gesellschaft“ aus, in der das Leben des ungeborenen Kindes dem der Mutter nicht mehr „untergeordnet“ ist? In Alexander Görlachs Text ist viel von Menschlichkeit die Rede. Warum lässt dieser dann jede menschliche Wärme und Empathie vermissen?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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