Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache. Margot Käßmann

Sexy Hexi

Warum gibt es Serien wie „Beverly Hills, 90210“ heute nicht mehr? Serien, die authentisch vom Teenager-Dasein erzählen – und die eine Halloween-Party nutzen, um sexuelle Selbstbestimmung zu thematisieren.

Am Wochenende war ich krank – das muss erwähnt werden, denn sonst gäbe es keine Entschuldigung für die Tatsache, dass ich mir eine Folge von „Beverly Hills, 90210“ angeschaut habe (und das auch noch auf dem selbsttitulierten „Frauensender“ Sixx).

Als die Serie Anfang der 1990er-Jahre im Fernsehen lief, war ich viel zu jung, um ungeduldig der nächsten Folge entgegenzufiebern. „Beverly Hills“, das waren für mich immer Fönfrisuren, Klamotten zum Vergessen und nicht gerade überbordendes schauspielerisches Talent (die schlechte deutsche Synchronisation tat ihr Übriges). Daran hat sich im Kern nichts geändert. Trotzdem fragte ich mich beim Schauen von Episode 13 aus Staffel 2 (Titel „Verkleidungen“): Warum gibt es so etwas nicht mehr im deutschen Fernsehen?

Ich meine damit nicht Fönfrisuren und andere Relikte der Neunziger. Ich meine eine Serie für Jugendliche, die deren Sorgen und Nöte ernst nimmt und sie beim Erwachsenwerden begleitet. Denn obwohl seit Jahren eine ganze Reihe toller TV-Serien über den Bildschirm flackern, darunter „Mad Men“, „Game of Thrones“ (um mal die Üblichen zu nennen): Eine explizit für Teenager gemachte Serie ist nicht darunter. Nicht aus Amerika und schon gar nicht aus Deutschland.

Vom charmanten Cowboy zum Brutalo

Dabei gäbe es so viele Themen, die man in eine Serie für junge Leute von heute packen könnte. Denn wie ich feststellen musste, hat sich seit den Neunzigern offenbar nicht so viel geändert, was das Leben von Teenagern betrifft. Klar, es gibt Facebook, Smartphones, Selfies … Aber die großen Themen sind die gleichen geblieben.

In der bereits erwähnten Folge „Verkleidungen“ besuchen Brenda, Dylan & Co eine Halloween-Party. Neu-Single Kelly hat sich ein sexy-raffiniertes Hexenkostüm mit gewagtem Beinschlitz ausgesucht, sie geht als die gute Hexe Glinda aus „Der Zauberer von Oz“. Brenda (zusammen mit Dylan im Bonnie-und-Clyde Look) findet das gar nicht gut und warnt ihre Freundin, ein solches Outfit könne falsche Signale aussenden und das wäre doch gar nicht ihre Art. Und so kommt es, wie es kommen muss: Kelly flirtet mit einem charmanten Cowboy, der sogar schon aufs College geht. Als Kelly eine Auszeit von der Party braucht, führt er sie in ein Zimmer im oberen Stock des Hauses. Dort offenbart sich das Missverständnis: Kelly wollte tatsächlich nur kurz raus aus dem Getümmel – Mr. Cowboy hingegen hatte sich etwas ganz anderes erhofft. Kelly sagt klar und deutlich Nein, aber der nun nicht mehr so charmante Cowboy wirft sie brutal aufs Bett. Sie hätte ihm ja wohl eindeutige Signale gegeben, presst er hevor. Kelly schreit, kann sich nicht befreien – und wird von Brenda und Donna gerettet, die zufällig ins Zimmer kommen.

Dylan und Steve befördern den Brutalo-Cowboy unsanft aus dem Zimmer, während die Mädels sich der weinenden Kelly annehmen. Die gibt sich selbst die Schuld, hätte sie doch nur etwas anderes angezogen! Donna hingegen befindet: Die Schuld trifft allein den Cowboy, Kelly hätte ganz klar Nein gesagt. Dylan schließlich spricht die weisesten Worte: Es sei nicht Kellys Schuld – ein Mann habe immer die Wahl, wie er sich verhält.

Ich war baff. Erstens, weil es unvorstellbar ist, dass eine deutsche TV-Serie solche Dinge mit all ihrer Ambivalenz thematisiert. Zweitens, weil die Episode ja nicht gerade gut angefangen hatte: Was Brenda da machte, war nämlich reinstes Slut-shaming. Noch bevor irgendetwas passiert war, schob sie die Schuld an späteren Ereignissen auf Kelly und ihr (dieses Wort fiel zwar nicht, aber) nuttiges Aussehen. Credo: Wer sich als Frau so anzieht, darf sich nicht wundern. Von dieser Position weicht Brenda übrigens auch später nicht wirklich ab. „Ich habe dir doch gesagt, das Kleid sendet falsche Signale“, hält sie der heulenden Kelly vor. That’s what friends are for!

Trotzdem ist die Aussage der Episode sehr deutlich: Sexy Kleidung hin oder her, Nein bedeutet Nein. Nicht das Opfer trägt Verantwortung für eine (versuchte) Vergewaltigung, sondern der Täter. Punkt.

Es hat sich nichts geändert

25 Jahre später demonstrieren Frauen auf den „Slutwalks“ immer noch für sexuelle Selbstbestimmung und schwenken Plakate, auf denen „My little dress doesn’t mean yes“ steht. Sie demonstrieren gegen die Annahme, das Äußere einer Frau ließe irgendwie auf ihre sexuellen Absichten schließen. Traurig aber wahr: Seit „Beverly Hills, 92010“ hat sich hier nichts geändert.

Neben sexueller Selbstbestimmung gäbe es so viele Themen, die in einer Teenager-Serie thematisiert werden könnten. Essstörungen, Liebeskummer, Auseinandersetzungen mit Eltern, die jugendlicher sind als der eigene Nachwuchs, Mobbing, Ratlosigkeit angesichts der eigenen Zukunft. Und natürlich die Herausforderungen des Online-Zeitalters: Online-Harrassment, (Halb-) Nacktfotos auf Facebook und Beziehungen, die sich per WhatsApp anbahnen und nicht mehr bei einem Milkshake im American Diner um die Ecke.

„Beverly Hills, 90210“ hat spektakulär unspektakulär Geschichten von jungen Menschen erzählt. Welche – vor allem: deutsche – Serie macht das heute?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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