Da muss man kein Mathematiker sein, da reicht Volksschule Sauerland, um zu wissen: Wir müssen irgendetwas machen. Franz Müntefering

Alle sagen: I love you

Die Golden Globes haben es mal wieder gezeigt: Künstler mit fragwürdiger Vergangenheit wie Woody Allen werden von Hollywood umschwärmt. Kritische Worte? Fehlanzeige.

Ein paar Tage nach der Verleihung der Golden Globes sind deutsche Medien voll mit Berichten darüber. Voller Bedauern darüber, dass „unser“ Daniel Brühl keinen Darsteller-Preis gewonnen hat. Voller Befremden angesichts des bizarren Auftritts von Schauspielerin Jacqueline Bisset. Voller Freude angesichts der Tatsache, dass Everybody’s Lieblingsserie „Breaking Bad“ abräumte.

Worüber man in den großen Medien wenig – beziehungsweise nichts – las, war die Kontroverse, die sich um die Verleihung des Cecil-B.-DeMille-Lebenswerk-Awards an Regisseur Woody Allen entspann. An Stelle von Allen nahm „Annie Hall“ Diane Keaton den Preis entgegen und sang dem abwesenden Regisseur eine kleine Lobeshymne. In die mochte Allens Ex-Frau Mia Farrow allerdings nicht einstimmen. Sie schrieb auf Twitter: „Zeit, sich ein wenig Eiscreme zu schnappen & zu #GIRLS (Fernsehserie, Anm.) umzuschalten.“ Und Farrows und Allens gemeinsamer Sohn Ronan twitterte: „Haben sie den Teil, wo eine Frau öffentlich bestätigt, dass er sie sexuell belästigt hat, als sie sieben war, vor oder nach Annie Hall gebracht?“

Verheiratet mit der eigenen Stieftochter

Um die Aufregung zu verstehen, muss man Mia Farrows und Woody Allens gemeinsame Geschichte kennen. Als die beiden in den 1980er-Jahren zueinander fanden, hatte Farrow bereits drei leibliche Kinder sowie drei adoptierte, darunter die Koreanerin Soon-Yi. Gemeinsam adoptierten Farrow und Allen zwei weitere Kinder (Moses und Dylan) und bekamen ihren leiblichen Sohn Ronan. In den 1990er-Jahren dann der Skandal: Die damals 19-jährige Soon-Yi und Allen (damals 56) wurden ein Paar und heirateten 1997. Zuvor hatte Farrow Nacktfotos ihrer Tochter in Allens Wohnung gefunden. Doch damit nicht genug.

1992 vertraute die siebenjährige Dylan sich ihrer Mutter an: Allen, so ihr Vorwurf, habe sie sexuell belästigt, während sie beide alleine auf dem Dachboden waren. Ein Vorwurf, den Allen bestreitet. Eine umfangreiche Untersuchung führte zu keinem wirklichen Ergebnis. Während des folgenden Sorgerechtsstreits befand der Richter die Aussage mehrerer Therapeuten, der Missbrauch hätte nicht stattgefunden, für nicht beweiskräftig genug – der Bericht der Therapeuten sei vermutlich durch Loyalität zu Woody Allen verfälscht worden. Dylan, die heute einen anderen Namen trägt, bekräftigte erst voriges Jahr die Vorwürfe gegen ihren Adoptivvater. Allen selbst sagt dazu: „Die einzige Sache, derer ich mich schuldig gemacht habe, war es, mich am Ende unserer gemeinsamen Jahre in Miss Farrows erwachsene Tochter zu verlieben und, so schmerzhaft das sein mag, ich und ganz sicher das Kind verdienen diese Art der Vergeltung nicht.“

So weit die Geschichte. Daniel D’Addario weist in einem „Salon“-Artikel darauf hin, dass Hollywood sich bei den Golden Globes alle Mühe gab, Woody Allen als frauenfreundlich darzustellen. Frauenproblem? Woody Allen? Nicht doch! So wurde die Trophäe von Schauspielerin Emma Stone – die in Allens nächstem Film mitspielt – an Diane Keaton – die in vielen Allen-Filmen mitspielte – überreicht. Und auch Cate Blanchett, Star von Allens letztem Film „Blue Jasmine“ und für eine Oscar-Nominierung fest gesetzt, schwebte glücklich lächelnd über den roten Teppich.

Menschlich minderwertige Exemplare

Und nun? Dass Woody Allen die Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin geheiratet hat, ist nicht verboten. Moralisch fragwürdig aber schon. Einen sexuellen Missbrauch an Dylan konnte man ihm letztendlich nicht nachweisen – es darf aber stark bezweifelt werden, dass eine Verurteilung seiner Karriere in irgendeiner Weise geschadet hätte. In Hollywood hofiert man schließlich auch Regisseur Roman Polanski, der in den 1970er-Jahren ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigte. Weil er eine Auslieferung befürchtet, reist Polanski nicht mehr in die USA ein, wo die Vergewaltigung stattfand. Ach ja, Woody Allen hat natürlich eine Petition für Polanskis Freilassung unterzeichnet. Menschen wie Woody Allen und Roman Polanski (oder der verstorbene Klaus Kinski) werden für ihr künstlerisches Schaffen weltweit mit Preisen überhäuft und für das, was sie getan haben, interessiert sich kaum jemand.

Im Musikbusiness sieht es nicht besser aus. Auf ihrer neuen Single „Do What You Want“ singt Lady Gaga zusammen mit R. Kelly. Der verdient mit seiner Musik Millionen – und hat nachweislich (es existieren Videoaufnahmen) Dutzende junge, schwarze Frauen vergewaltigt. Vor 15 Jahren schrieb der amerikanische Journalist Jim DeRogatis über die Geschichte. Er recherchierte, sprach mit Kellys Opfern und trug Beweismaterial zusammen. Heute interessiert das – richtig – niemanden. Dass es ein Video gibt, in dem R. Kelly sein Opfer dazu auffordert, ihn „Daddy“ zu nennen, um dann in ihren Mund zu urinieren? Geschenkt. Dass R. Kelly mit 27 die damals 15-jährige Sängerin Aaliyah heiratete? Geschenkt. DeRogatis’ ernüchterndes Fazit: Nichts ist der Gesellschaft egaler als junge, schwarze Frauen.

Wie geht man als Fan damit um? Mit der Tatsache, dass Regisseure, deren Filme man liebt, menschlich ganz minderwertige Exemplare, ja, Verbrecher sind? Dass der Musiker, das „Do What You Want“, welches er besingt, durchaus wörtlich meint? Diese Dinge machen fantastische Filme ja nicht automatisch schlecht, gute Musik nicht automatisch unhörbar.

Stichwort Distanz

Ein erster Schritt wäre, die Scheuklappen abzunehmen. Das fällt schwer, wenn Allen ein Lieblingsregisseur ist, Filme wie „Match Point“ oder „Der Stadtneurotiker“ zum Niederknien gut gemacht sind. Es bedeutet nicht, Filme von Allen oder Polanski zu boykottieren. Sondern, den genialen Regisseur nicht mit der Privatperson gleichzusetzen. Das Stichwort lautet also Distanz. Ein zweiter Schritt muss von der Film- und Musikindustrie getan werden. Solange Künstlerinnen wie Lady Gaga Profit über Moral stellen und mit einem Vergewaltiger wie R. Kelly kooperieren, wird dem Publikum automatisch vermittelt: Ist doch alles okay! Wir sind eine große, glückliche Familie! Solange weibliche Stars und Sternchen sich von Terry Richardson ablichten lassen, dem vorgeworfen wird, seine Models sexuell auszunutzen, wird sich nichts ändern. Solange Rhianna sich erst von Chris Brown krankenhausreif prügeln lässt, nur um ihm dann eine zweite Chance zu geben, kann kein Problembewusstsein entstehen. Promis sind nicht schützenswert, nur weil sie Promis sind.

Über Menschen wie Woody Allen, Roman Polanski oder R. Kelly muss gesprochen werden. In den Medien, unter Freunden. Das ist nicht viel – aber mehr, als bisher getan wurde.

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