Erst haben die Menschen das Atom gespalten, jetzt spaltet das Atom die Menschen. Gerhard Uhlenbruck

In der Grauzone

Sich eine Meinung zur Prostitution zu bilden, ist schwierig – insbesondere, wenn diese nicht nur auf Instinkten beruhen soll.

Mit dem Thema Prostitution geht es mir ungefähr so wie der fiktiven dänischen Ex-Premierministerin Birgitte Nyborg in der Arte-Serie „Borgen“: Die Opposition will, dass Nyborgs neu gegründete Partei sich mit ihr für ein Verbot der Prostitution in Dänemark ausspricht. Erst ist Nyborg Feuer und Flamme, bereit, gegen die Prostitution in den Kampf zu ziehen. Schließlich ist Prostitution gleich Menschenhandel und da kann man nur dagegen sein! Doch dann kommen die ersten Zweifel. Die Vorsitzende einer Sexarbeiterinnen-Gewerkschaft (selber Prostituierte) macht der engagierten Politikerin klar, dass es so einfach nun mal nicht ist: Vor allem gehe es Sexarbeiterinnen darum, ihren Beruf selbstbestimmt ausüben zu dürfen. Prostitution zu verbieten, würde die Arbeitsbedingungen nur weiter verschlechtern. Könnte also eine Bestrafung der Freier – wie in Schweden – die Lösung sein? Diese Idee gefällt Birgitte Nyborg, bis ihr Liebster Jeremy, ein erfolgreicher britischer Architekt, ihr berichtet, dass auch er ab und zu für Sex bezahlt hat, wenn er sich während seiner zahlreichen Reisen einsam fühlte. Nyborg ist hin und her gerissen. Letztendlich ringt sie sich dazu durch, das Vorhaben der Opposition nicht zu unterstützen – und stattdessen die Rechte von Sexarbeiterinnen zu stärken. Darauf hat der regierende Premierminister allerdings keine Lust.

Ohne mir eine wirklich fundierte Meinung zum Thema gebildet zu haben, war ich irgendwie immer gegen Prostitution. Wie Birgitte Nyborg: instinktiv. Einfach, weil ich ein Geschäftsmodell verachte, in dem Frauen ihren Körper an Männer verkaufen. Mir fällt es verdammt schwer, das Ganze schlicht als eine Dienstleistung zu betrachten. Und trotzdem: Je mehr ich über Prostitution lese und höre, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass ein generelles Verbot nicht die Lösung sein kann. Denn eine Lösung für welches Problem?

Prostitution = Menschenhandel?

Alice Schwarzer und die prominenten Unterstützerinnen und Unterstützer ihrer Kampagne „Gegen Prostitution“ beantworten die Frage ganz eindeutig mit: Menschenhandel. Natürlich gibt es in der Sexindustrie Fälle von Menschenhandel, aber Prostitution grundsätzlich mit Menschenhandel gleichzusetzen, ist falsch. Die Gründe, als Prostituierte zu arbeiten, sind vielfältig und ja, natürlich zählen dazu auch (materielle) Zwänge. Außerdem ist nach Angaben des Bundeskriminalamtes die Zahl der Fälle von Menschenhandel zwischen 2001 und 2011 zurückgegangen. Das ist immerhin insofern bemerkenswert, als 2002 das Prostitutionsgesetz (ProstG) in Kraft trat, welches Prostitution legalisierte – sie gilt seitdem als Dienstleistung. Ziel war es damals, die berufliche Situation von Prostituierten zu verbessern: Sie sollten einen Arbeitsvertrag bekommen, sich kranken- und rentenversichern sowie gegebenenfalls ihren Lohn einklagen können. Die Tätigkeit als selbstständige Prostituierte wurde ebenso erlaubt wie das Betreiben eines Bordells: Die Förderung von Prostitution ist somit straffrei, Zuhälterei (d.h. Zwang sowie finanzielle Ausbeutung) nicht. Das Gesetz mache es Menschenhändlern leichter, beklagen die Befürworter eines Prostitutionsverbots und übersehen dabei, dass Menschenhandel generell strafbar ist – nicht nur im Bereich der Sexarbeit.

Ich persönlich würde die Frage nach dem eigentlichen Problem eher mit „Arbeitsbedingungen“ beantworten. Denn so sehr ich mir wünschen würde, dass keine Frau sich prostituieren muss, dass Männer nicht denken, es sei okay, für Sex zu bezahlen – die Realität sieht anders aus und ein Verbot wird daran nicht viel ändern. Würde ein Verbot tatsächlich eine Veränderung in den Köpfen bewirken? Sehr zweifelhaft, solange überall vermittelt wird, das Huren-Dasein sei eine glamouröse, gut entlohnte Tätigkeit. Ernsthaft, schon mal daran gedacht, als Prostituierte zu arbeiten? Nein? Nun, das Ganze ist eine Überlegung wert: Der Job bietet Glanz, Glamour und viel, viel Geld. Und man wird für das bezahlt, was sowieso wahnsinnig viel Spaß macht: Sex!

Die Waffen einer Frau

In der „Wanderhuren“-Trilogie sieht man Alexandra Neldel als Marie im dreckigen deutschen Mittelalter. Marie soll gegen ihren Willen verheiratet werden, wird Opfer einer Intrige, vergewaltigt und eingesperrt. Glücklicherweise gibt es aber die Wanderhuren (wie der Name schon sagt: herumwandernde Huren), die die Gepeinigte bei sich aufnehmen und zu einer der ihren machen. Maries Antrieb: Rache. Durch ihre Schönheit und ihre phänomenalen Liebeskünste schafft sie es schließlich sogar ins Bett des Königs. Die Zuschauenden lernen: Sex ist das einzige Mittel, über das Frauen verfügen, um ans Ziel zu kommen, Sex ist eine reine Performance und als Prostituierte stößt man früher oder später auf den Traumprinzen (wie schon in „Pretty Woman“ gesehen).

Prostitution gilt als „ältestes Gewerbe der Welt“. Wenn es schon immer so war, dass Männer Frauen für Sex bezahlen (umgekehrt ist es sehr viel seltener der Fall), kann es jetzt auch nicht verkehrt sein. Bücher wie „Fucking Berlin“, in dem die Mathematik-Studentin Sonia Rossi beschreibt, wie sie sich ihr Studium durch Prostitution finanzierte, verstärken diese Argumentation: Wenn so viele es machen, kann die Sexindustrie so schlecht nicht sein. Dass wohl kaum jede Prostituierte eine hochbezahlte Hostess ist – geschenkt! Gerade deshalb sollte das Hauptaugenmerk aber auf den Arbeitsbedingungen liegen. Hier muss das Gesetz von 2002 nachgebessert werden: Die Tatsache, dass nur ein Prozent aller Prostituierten in Deutschland einen Arbeitsvertrag haben, nur sehr wenige über eine Krankenversicherung verfügen, zeigt, dass das Gesetz zwar gut gemeint war, an der Lebens- und Berufswirklichkeit der meisten Prostituierten aber vorbeigeht. In der aktuellen „Zeit“ bemängelt Johanna Weber, Gründerin eines Huren-Berufsverbandes, das Gesetz sei nur für Angestellte geschrieben und binde die Frauen an einen Arbeitgeber: „Die meisten von uns wollen aber Freiberufler sein.“ Einen wirklichen Dialog mit Sexarbeiterinnen zu führen, könnte bei der Nachbesserung des Gesetzes helfen. Denn wer wüsste besser als die Prostituierten selbst, wie ihr Berufsalltag aussieht?

Reproduktion von Sexismen

Eine Nachbesserung des ProstG wird an den Machtstrukturen der Sexindustrie allerdings nichts ändern und so bleibt auch mein persönliches Hauptproblem mit dieser Industrie bestehen: Sie produziert Sexismen, indem sie nahezu ausschließlich auf die vermeintlichen Bedürfnisse von Männern ausgerichtet ist. Frauen sind nicht mehr als eine Ansammlung von Körperteilen und -öffnungen, die der Freier zu seinem sexuellen Vergnügen benutzen kann. Prostitution ist eben kein Beruf wie jeder andere, denn in keinem anderen legalen Beruf benutzen Menschen andere Menschen so sehr, reduzieren sie so sehr auf eine einzige Funktion: sexuelle Befriedigung. Dass die Frauen dafür bezahlt werden, macht es nicht wirklich besser.

Ich fürchte nur, dass man in diesem Fall mit moralischen Bedenken nicht weiterkommt. Was bleibt? Pragmatismus. Die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern, die Frauen vor Missbrauch und Ausbeutung schützen. Und: In die Forschung investieren. Fakt ist, wir wissen über Prostitution in Deutschland kaum etwas. Wie Mariam Lau in der „Zeit“ schreibt: „Aids ist gut erforscht, Drogensucht auch, aber um die Prostitution breitet sich ein riesiges, mythenumflortes Dunkelfeld.“ Und das macht jede Diskussion über Prostitution und ein eventuelles Verbot so verdammt schwierig – es gibt kein Schwarz und Weiß. Das muss nicht nur Birgitte Nyborg feststellen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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