Ich bin ein Jedi. Jón Gnarr

Dicke Hose

Was soll die Aufregung um Miley Cyrus? Die Musikerin hat schließlich nur zwei Erfolgsrezepte in die Tat umgesetzt. Erstens: Sex sells. Zweitens: Verhalte dich wie ein Mann.

Knapp zwei Wochen sind seit den MTV Video Music Awards (VMAs) vergangen und irgendwie hatte ich gedacht, dass das ständige Gerede über Miley Cyrus’ „Skandal-Auftritt“ so langsam mal aufhören würde. Tja, wie man sich täuschen kann! Anfang der Woche sorgte ProSieben sich um Cyrus’ Verlobten: „Schadet sie Liam Hemsworths Karriere?“. Und „Die Welt“ wusste, „Was Miley über ihren Porno-Auftritt denkt“.

Zwei Wochen ließ Cyrus sich Zeit, einen Kommentar zu ihrem viel kritisierten Auftritt zu geben – und nun das: keine Entschuldigung, noch nicht mal Reue! Stattdessen nur die etwas genervte Aussage: „Die Menschen interpretieren da viel zu viel rein.“ Vielleicht ist es an der Zeit, mal einen Schritt zurückzutreten und (halbwegs) nüchtern zu überlegen, worum es bei der ganzen Aufregung eigentlich geht.

Sex sells

Miley Cyrus’ Bühnenshow fand ich auch alles andere als ansprechend. Was die tanzenden Teddybären sollten, ist klar: Miley will sich von ihrem Image als ehemaliger Disney-Kinderstar befreien, weshalb die harmlosen Bärchen in krassem Kontrast zu einer hochsexualisierten Show standen. Sieh her, Amerika, ich bin erwachsen! Die Teddys waren allerdings das geringste Problem. Während die ausnahmslos schwarzen Tänzerinnen von Miley wie Objekte behandelt wurden, tanzte diese selbst im knappen Outfit und mit ständig schlängelnder Zunge über die Bühne, reckte ihren Hintern hier- und dorthin – oder rieb ihn an „Blurred Lines“ Robin Thickes Schritt, als der Sänger sich für ein Duett dazugesellte. Ach ja, zwischendurch berührte Miley sich auch noch ziemlich anzüglich mit einem überdimensionalen Schaumstoff-Handschuh – was ihr augenscheinlich unglaubliches sexuelles Vergnügen bereitete (hey, vielleicht sollten wir uns alle so was besorgen!).

Das Medienecho nach diesem Auftritt war einhellig: Wie kann eine 20-Jährige sich nur so aufführen? Was ist mit der niedlichen Disney-Miley passiert?

Die niedliche Disney-Miley hat schlicht und einfach kapiert, wie das so läuft im Showbusiness. Die heiße Lesbennummer zieht nicht mehr, da waren Britney Spears und Madonna schneller. Und auf Exzentrik setzt schon Lady Gaga. Aber was immer geht, ist Sex. Man kann Miley Cyrus keinen Vorwurf machen, dass sie sich nach der Erfolgsformel „Sex sells“ richtet. Weshalb die Reaktionen à la „Oh mein Gott, wie kann man nur so nuttig sein!“ im Prinzip ziemlich scheinheilig sind. Letztendlich kriegen wir das, was wir wollen. Spärlich bekleidete, lasziv tanzende Frauen in der Musikbranche sind normalerweise nicht mal mehr ein müdes Gähnen wert – dabei ist diese nackte Dauerpräsenz allemal aufregenswert!

Wie ein Mann

Miley Cyrus hat nichts anderes getan, als das, was erfolgreiche Musiker tun: Sie hat Frauen wie Requisiten behandelt und selbst einen auf dicke Hose gemacht, indem sie ihre sexuelle Überlegenheit zeigte. Sie hat sich wie ein Mann verhalten und das ist für viele vermutlich der wahre Skandal an der ganzen Geschichte. Weder bin ich Miley-Cyrus-Fan noch mag ich ihre Lieder oder fand den Auftritt in irgendeiner Weise toll – aber das Selbstbewusstsein dieses ehemaligen Kinderstars hat mir imponiert. Für ihren Auftritt holte sie Robin Thicke auf die Bühne, immerhin der Hitlieferant dieses Sommers – und nicht umgekehrt. Außerdem war es eine schöne, ironische Brechung, dass ausnahmsweise mal eine Frau die tausendmal gehörten Zeilen sang: „Ok, now he was close, tried to domesticate you. But you’re an animal, Baby it’s in your nature.“ Zumal Thicke in diesem Augenblick aussah wie ein netter Onkel im Eisverkäufer-Kostüm und man sich nicht so richtig vorstellen konnte, dass in ihm ein Tier steckt. Und auch, wenn er vollkommen bekleidet sang, während Miley nur in einer Art goldenem Zweiteiler herumhüpfte, war klar, wer hier wen als Requisite benutzt (vermutlich eine völlig neue Erfahrung für Thicke, der im „Blurred Lines“-Video von zahlreichen halbnackten, passiven Frauen umgeben ist).

Miley ist nicht nur jung, sondern auch noch ehemaliger Disney-Star. Und trotzdem entschuldigt sie sich nicht dafür, wie sie ist oder was sie mag. Weigert sich einfach, so unschuldig sexy zu sein wie ihre Kolleginnen Taylor Swift oder Selena Gomez. Miley ist nicht kuschelig, sondern sexuell aggressiv. Sie greift an, hat die Kontrolle.

Fehltritte müssen gebüßt werden

Damit sprengt sie die Grenzen, innerhalb derer sogenannte „Bad Girls“ operieren dürfen. Wenn Pink singt „I’m trouble“, ist das immer noch tanzbar und nett genug, wenn Rihanna ihre Vorliebe für SM verrät, finden viele das ziemlich scharf. Als Britney Spears sich hingegen eine Glatze rasierte, lautete das Urteil gleich: verrückt. Crazy Bitch eben. Bad Girl sein ist also okay, aber nur, wenn man sich als solches verhält, wie es von einem erwartet wird. Fehltritte müssen gebüßt werden, tränenreiche Entschuldigungen und Vergebungsgesuche sind dafür die akzeptierten Mittel. Miley Cyrus hingegen lässt die Öffentlichkeit ratlos zurück. Ja, der Auftritt war geschmacklos – aber das sind viele andere Dinge auch. Wenn man als junger Mensch nicht geschmacklos, völlig over-the-top und von sich selbst überzeugt sein darf – wann dann?

Trotzdem fände ich es schön, wenn nicht jede junge Frau im Musikbusiness das Gefühl hätte, sie müsste mit möglichst wenig Kleidung durchs Leben gehen, um Erfolg zu haben.

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