Wenn ich träumen will, gehe ich schlafen. Sahra Wagenknecht

Feminismus? Nein danke

Nicht nur Susan Sarandon hat ein Problem mit dem Begriff Feminismus, sondern auch jede Menge anderer Leute. Warum eigentlich?

Susan Sarandon ist keine Feministin. Mit diesem Statement befindet sie sich in guter Gesellschaft. US-Sängerin Katy Perry zum Beispiel kann mit Feminismus auch nichts anfangen: „Ich bin keine Feministin, aber ich glaube an die Stärke der Frauen.“ Ihre Kollegin Taylor Swift sieht das ähnlich: Sie bezeichne sich nicht als Feministin, weil sie nicht „in der Kategorie Typen gegen Mädchen“ denke.

Sarandon hat eine etwas elaboriertere Erklärung parat. Dem „Guardian“ antwortete sie auf die Frage, ob sie sich als Feministin bezeichne, Folgendes:

„Ich sehe mich selbst als Humanistin, weil ich denke, dass es weniger abschreckend auf Menschen wirkt, für die Feminismus ein Haufen kreischender Zicken ist, und weil man doch will, dass jeder gleiche Entlohnung, gleiche Rechte und Gesundheitsheitspflege hat. Es [Feminismus, Anm.] ist ein etwas altmodisches Wort. Es wird eher benutzt, um dich herabzusetzen. Meine Tochter [Eva Amurri, aus Sarandons Beziehung mit dem italienischen Regisseur Franco Amurri, Anm.], die 28 ist, identifiziert sich nicht einmal mit dem Wort ,Feminismus‘ und sie hat definitiv die Kontrolle über ihre Entscheidungen und ihren Körper.“

Zu behaupten, dass dieses „Geständnis“ viele Feministinnen erschüttert hat, wäre eine Untertreibung. Susan Sarandon gilt vielen Frauen – auch mir – als (in Ermangelung eines besseren Wortes) „starke“, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau. Eine, die sich interessante Rollen aussucht, ihre Meinung sagt und für ihre Überzeugungen einsteht. Wenn komplett künstliche Figuren wie Katy Perry und Taylor Swift sich vom Feminismus distanzieren, ist mir das egal. Wenn eine Frau wie Susan Sarandon das tut, nicht.

Hysterisch, aggressiv, unrasiert

Das Interview zeigt vor allem eins ganz deutlich: Feminismus hat ein Image-Problem. Sarandon ist sicher nicht die Einzige, die bei „Feminismus“ an hysterische, aggressive Emanzen denkt – am besten noch mit lila Latzhosen und unrasiert. Die Klischee-Vorurteile eben. Dabei ist doch vor allem ein Aspekt interessant: Im Prinzip sagt Sarandon nämlich, dass sie sich selbst nicht als Feministin bezeichnet, weil das andere (vermutlich vor allem Männer) abschrecken könnte. Eine nicht ganz ungerechtfertigte Befürchtung. Denn seien wir mal ehrlich: Feminismus ist ungefähr so attraktiv wie Thomas Gottschalk. Bevor der einen betatscht, rennt man auch lieber weg.

Kein Wunder also, dass Menschen, die sich als Feministin (oder Feminist) bezeichnen, in Deutschland rar gesät sind (Berufs-Feministinnen wie Alice Schwarzer mal ausgenommen). Fußpilz lässt sich vermutlich besser vermarkten als eine politisch-gesellschaftliche Bewegung, die sich für Frauenrechte einsetzt. Paradoxerweise sind jedoch viele, die sich vehement gegen das Label „Feminismus“ wehren, keineswegs gegen Gleichberechtigung oder finden, dass Frauen doch alles erreicht haben, was sie jemals wollten. Nein, sie halten es lieber mit Katy Perry: „Ich bin keine Feministin, aber dass es für Mädchen nahezu nur rosa Spielzeug gibt, finde ich schon irgendwie blöd.“ Was schon wieder eine ziemlich feministische Aussage ist. Fragt man Menschen – egal ob männlich oder weiblich – danach, ob sie finden, dass Frauen bei gleicher Qualifikation und Stelle genauso viel verdienen sollten wie Männer, ist die Antwort meistens ein klares Ja. Ebenso stimmen sie zu, dass es vor allem Frauen sind, die in den Medien sexualisiert (sprich: halbnackt und unterwürfig) dargestellt werden. Dass diese Dinge irgendwie etwas mit Feminismus zu tun haben könnten, darauf kommen sie aber nicht. Oder wollen es vielleicht auch nicht.

Offenbar sind also nicht feministische Forderungen und Ziele das Problem, sondern das Label „Feminismus“. Was damit zu tun haben könnte, dass viele Leute einfach gar nicht so genau wissen, was Feminismus überhaupt bedeutet. Die Wikipedia-Definition fasst es ganz gut zusammen:

„Feminismus (abgeleitet aus dem französisch féminisme, vom lat. Wortstamm femina ‚Frau‘) ist sowohl ein intellektuelles Bekenntnis als auch eine politische Bewegung und tritt für Gleichberechtigung, Menschenwürde und Selbstbestimmung von Frauen ein sowie für das Ende aller Formen von Sexismus. Der Begriff bezeichnet heterogene Denkansätze und Theorien, deren gemeinsamer Ausgangspunkt das Aufbegehren gegen die Identifizierung von Frauen als einer Männern nachgeordneten Gruppe ist. Ziel ist die Veränderung der Lebenssituation von Frauen als auch der Strukturen, die eine Nachrangigkeit von Frauen hervorbringen.“

Mit Vorurteilen lebt es sich leichter

Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Weder enthält diese Definition Hinweise auf Männerhass noch auf lila Latzhosen oder Frauenbevorzugung. Was mich zum nächsten Punkt führt: Das ist vielen Leuten ziemlich egal. Denn letztendlich lebt es sich mit Vorurteilen leichter. Männer wie Frauen fühlen sich eigentlich ganz wohl mit all den schönen Stereotypen über Feminismus und hysterische Feministinnen. Sonst müssten sie ja ihr Weltbild infrage stellen und zugeben, dass unsere Gesellschaft vielleicht doch nicht so gleichberechtigt ist, wie gerne behauptet wird – dass feministische Empörung also durchaus gerechtfertigt ist. Stereotype sind bequem, sie machen das Leben leichter.

Allerdings: Stereotype sollten einen nicht davon abhalten, es nicht doch mal mit Feminismus zu versuchen. Und schon gar nicht sollte man lieber den Begriff „Humanist“ verwenden, um andere Leute nicht vor den Kopf zu stoßen bzw. zu belästigen. Der Status quo lässt sich eben nicht verändern, wenn man nett fragt und mit leiser Stimme spricht. Ich werde mich weiterhin „Feministin“ nennen, auch auf die Gefahr hin, dass andere aufgrund dieser Tatsache nicht sofort in Begeisterungsstürme ausbrechen. Feminismus ist für mich das genaueste, beste Label, um zu beschreiben, woran ich glaube und wofür ich mich einsetze. Oder, wie Samantha Eyler schreibt:

„Ich werde mich weiterhin Feministin nennen, […] weil Feminismus eine umfassende Diagnose für eine systematische Krankheit bietet, welche tatsächlich in der gesellschaftlichen diskriminierenden Behandlung derer verwurzelt ist, die mit einem extra X-Chromosomen geboren wurden.“

Das heißt nicht, dass das Label „Feminismus” über alle Zweifel erhaben ist. Die Feministin Lynn Beisner zum Beispiel überlegt, ob es überhaupt noch das repräsentiert, woran sie glaubt. Wenn eine Frau mit Susan Sarandons Integrität und ihrem Einsatz für Menschenrechte und Gleichberechtigung das Label ablehne, so Beisner, müsse sie selbst sich fragen, warum sie so daran hängt. Feminismus war schon immer ein umstrittener Begriff und vielleicht hat die Diskussion über Susan Sarandon ja ein Gutes: die Rückbesinnung darauf, was Feminismus eigentlich ist. Denn dieser mag zwar ein Image-Problem haben – überflüssig macht ihn das jedoch nicht. Der Inhalt des Produkts stimmt schließlich nach wie vor.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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