Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Cindy Gallop

Weiter schreien

Sexismus definiert jeder und jede für sich selbst – biologistische Erklärungen sind ebenso fehl am Platz wie Gerede von Opfermentalität und die Angst, dass jeder harmlose Flirt nun zum #aufschrei führt.

Eigentlich wollte ich nichts schreiben. Nichts zu Brüderle, nichts zu Sexismus. Ich verfolge die Debatte seit Tagen und habe in dieser Zeit viele aussagekräftige Meinungen zu diesem Thema gelesen, zum Beispiel hier, hier und hier. Wie bei jeder Debatte, die seit Tagen vor sich hin kocht, stellt sich irgendwann die Frage: Muss man dazu wirklich noch was sagen? Oh ja.

Verschwommene Grenzen

Der Hashtag #aufschrei hat viel Aufmerksamkeit bekommen – und das völlig zu Recht! Er bündelt die Empörung vieler Frauen und Männer, die sexistischen Situationen ausgesetzt waren. Ihre Schilderungen, konzentriert auf 140 Zeichen, machen Sexismus sichtbar und zeigen anderen Betroffenen: Du bist nicht allein mit deinen Erfahrungen. Die Idee ist nicht neu, im englischsprachigen Raum gibt es z.B. bereits das „Everyday Sexism Project“. Der große Anklang, den #aufschrei bei Twitter findet, zeigt: Deutschland war offensichtlich reif für eine solche Diskussion. Mein Problem mit der Aktion und mit vielen Meinungsäußerungen generell zur aktuellen Debatte ist allerdings, dass kaum noch zwischen Sexismus und sexuellen Übergriffen differenziert wird.

Sexismus bedeutet für mich, Männern und Frauen aufgrund ihrer biologischen Unterschiede bestimmte Verhaltensweisen und Fähigkeiten zuzuweisen. Ganz allgemein: die Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Geschlechts. Das umfasst sowohl sprachliche abwertende Äußerungen als auch institutionalisierte Diskriminierung. Sexismus ist sehr individuell in dem Sinne, dass jeder und jede eigene sexistische Erfahrungen gemacht hat. Sexismus ist aber zugleich sehr allgemein in dem Sinne, dass diese individuellen Erfahrungen Relevanz haben, sie sind eben nicht nur eine Anhäufung von Einzelfällen, sondern machen ein gesellschaftliches Muster offensichtlich. Sexismus reduziert ein Individuum auf biologische Faktoren – und will das dann noch als Kompliment verstanden wissen.

Sexismus bedeutet für mich …

… dass der Lehrer im Sportunterricht der versammelten Klasse erklärt: „Die Julia macht Liegestütze fast so gut wie ein Junge!“

… dass ein befreundetes lesbisches Paar sich in einer Bar küsst und daraufhin von einem jungen Mann aufgeregt gefragt wird, ob sie das noch mal machen könnten, sein Kumpel hätte das gerade nicht mitbekommen.

… dass die junge, hübsche Journalistin zum Gespräch mit dem älteren Politiker geschickt wird, weil man in der Redaktion so auf mehr Informationen hofft.

Auf Twitter finden sich viele weitere Beispiele – aber eben auch viele, die über sexistische Äußerungen hinausgehen und stattdessen sexuelle Übergriffe beschreiben. Solche Vorfälle müssen auf jeden Fall öffentlich gemacht, es muss sich darüber ausgetauscht werden. Aber das Gleichsetzen von Sexismus und sexuellen Übergriffen halte ich für gefährlich: Es lenkt den Blick fort von Alltagssituationen (und um den alltäglichen Sexismus soll es ja gehen) und impliziert, wer sich sexistisch verhält, der kennt generell gar keine Grenzen mehr. Denjenigen, die die ganze Aufregung um in paar unangemessene Worte von Rainer Brüderle nicht verstehen können oder wollen, liefert eine solche Verwischung Argumente, bestätigt sie doch das krude Weltbild dieser „Feministinnen“, in dem Männer immer Täter und Frauen immer Opfer sind.

Stargast mal wieder: das Opfer-Abo

Überhaupt: „Opfer“. Wer hätte gedacht, dass dieser Begriff 2013 ein solches Comeback feiern würde? Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in der aktuellen Sexismus-Debatte auftauchen würde, um Menschen, die sexistischen Situationen ausgesetzt waren oder sind, zu diffamieren. Ganz vorne mit dabei: Wibke Bruhns. Als Repräsentantin der postfeministischen Karrierefrau und #aufschrei-Gegnerin war sie in die sonntägliche „Jauch“-Runde geladen worden. Frauen, so Bruhns, sollten sich gegen Sexismus doch einfach wehren, so schwierig wäre das ja nicht. Damit schließt sie sich der Reihe derjenigen an, die glauben, Sexismus beschränke sich ausschließlich auf erotisch angehauchte Mann-Frau-Situationen, in denen er sich ganz harmlos verhält, sie ihm jedoch hysterisch das Bierglas um die Ohren haut oder vor lauter Scham einfach nichts sagt.

„Wehr dich doch“ ist allerdings leichter gesagt als getan. Viele – Frauen wie Männer – können sich in Situationen, in denen sie Sexismus ausgesetzt sind, aus verschiedensten Gründen nicht wehren. Vielleicht, weil sie einfach perplex sind. Vielleicht, weil sie in der Vergangenheit Opfer von sexueller Gewalt geworden sind und solche Situationen sie lähmen. Vielleicht, weil sie sich in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden und der andere Macht über sie hat. Die Gründe für ein Sich-nicht-Wehren sind ebenso vielfältig wie es Situationen sind, in denen man (oder frau) Sexismus erlebt. Aber nein, warum sich tatsächlich mit den vielfältigen Formen von Sexismus und sexistischen Situationen auseinandersetzen, wenn doch sowieso eines klar ist: Frauen haben eben das „Opfer-Abo“. Dabei ist #aufschrei doch genau das Gegenteil davon: Der Austausch von Erfahrungen, das Sichtbarmachen von Sexismen und die Erkenntnis „Ich bin nicht alleine“ ist ein selbstbewusstes Statement und zeugt von einem Bedarf nach konkretem Handeln und nicht von Opfermentalität.

Es ist schon ein Sexismus an sich, davon auszugehen, Männer könnten keine Opfer sein. Denn, Überraschung, sie können! Eines von vielen Beispielen auf Twitter stammt von @mauerunkraut: „Mütter, die einen männlichen Kindergärtner ablehnen, weil sie sexuellen Missbrauch befürchten #aufschrei“. Männern wird ungeniert in den Schritt gestarrt. Männer werden, sobald sie sich „unmännlich“ verhalten, als „Mädchen“ oder „schwul“ bezeichnet. Die Sexismus-Debatte betrifft Männer nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer. Gleiches gilt für Frauen. Deshalb muss Alice Schwarzer sich berechtigterweise von Günther Jauch die Frage gefallen lassen, was denn passiert wäre, wenn die junge Journalistin Laura Himmelreich ein junger Journalist und Rainer Brüderle eine ältere Politikerin gewesen wäre – wären Bemerkungen à la Brüderle dann okay gewesen? Natürlich nicht.

Männer sind eben so, Frauen auch

Dass eine Erweiterung der Perspektive bei dieser Debatte nötig ist, um diskutieren zu können, haben viele offensichtlich nicht mitbekommen. Mit Stereotypen lebt es sich eben leichter. Da kann man, wie Wibke Bruhns, Männer auch schon mal mit Stieren vergleichen und daraus die völlig logische Konsequenz ziehen: Männer sind von Natur aus triebgesteuert und sexistisch – da kann man nichts machen, die Biologie, Sie wissen schon. Und erst die Frauen! Von wegen Opfer, das weibliche Geschlecht ist ganz schön perfide! Sich erst aufbrezeln und dann laut „sexistisch“ kreischen, wenn ihnen deswegen Aufmerksamkeit zukommt. So sieht es zumindest Birgit Kelle:

Wir besitzen Macht. Macht über Männer, nichts zeigt dies deutlicher als die unsägliche Brüderle-Geschichte. Wir können mit einer Beschuldigung einen Mann und eine Karriere ruinieren. Wir besitzen Macht, weil Männer auf weibliche Reize reagieren. Weil wir sie damit viel häufiger in der Hand haben, als ihnen lieb ist, und vor allem, weil wir das wissen. Wieso ist es in Ordnung, dass Frau ihr Aussehen strategisch einsetzt, aber nicht in Ordnung, dass Mann darauf reagiert? Wir dürfen also alles tun, um uns gut in Szene zu setzen, es soll uns aber bloß keiner drauf ansprechen? Wie viele Frauen warten nur darauf, dass ein Mann reagiert? Wenn aber der Falsche auf die Signale anspringt, dann ist er Sexist. Nein Ladies, so geht es auch nicht.

Womit wir wieder bei der Diskussion darüber wären, ob ein sexy Rock „ja“ bedeutet. Wobei, nein, eigentlich braucht es dafür keine Diskussion, denn die Antwort sollte klar sein: Natürlich nicht! Das hat Frau Kelle offensichtlich noch nicht begriffen, wenn sie kritisiert:

Wir laufen in Slutwalks durch die Straßen und proklamieren das Recht, wie Schlampen herumlaufen zu dürfen. Gleichzeitig wollen wir aber nicht als Schlampe bezeichnet oder gar behandelt werden.

Dass es bei den Slutwalks um sexuelle Selbstbestimmung geht und nicht um das Recht auf schlampiges Aussehen – geschenkt. Ich dachte wirklich, wir wären da schon weiter. Mit einem hat Frau Kelle aber natürlich recht: Der Grad zwischen Kompliment und sexistischer Bemerkung und was als was empfunden wird, ist schmal. Sexismus ist etwas, was jeder und jede für sich selbst definiert und natürlich kann das jeweilige Gegenüber diese persönliche Definition nicht automatisch kennen. Aber: Ein Großteil der Menschen scheint es doch ganz gut zu schaffen, sich angemessen zu verhalten, sowohl im Beruf als auch privat. Das Gerede, man(n) müsse jetzt bei jedem Flirt aufpassen, damit nicht sofort die Sexismus-Keule geschwungen wird – Blödsinn. Nicht jede als unangenehm empfundene Anmache ist unbedingt sexistisch. Sexismus hingegen ist immer unangenehm.

Bereitschaft, Verhaltensweisen zu hinterfragen

Es gibt kein Handbuch für den ungefährlichen und sicheren Umgang miteinander. Ist vielleicht auch ganz gut so, wenn man liest, was für Tipps dann dabei rauskommen:

War da doch bei ZDF Login gestern dieser Pick-Up-Coach (der möglicherweise nicht ganz zufällig wie ein Keks klingt) … Was ich gelernt habe: […] „Wenn eine Frau sagt, dass sie nicht geküsst werden möchte, kann sich das in 20 Minuten ändern. Also einfach noch mal versuchen.“ (Ich hab immer noch Schwierigkeiten, mir das bildlich vorzustellen. Gespräch, irgendwann macht er den „move“, sie weicht zurück und meint sinngemäß: „nee lass mal, ich will nicht mit dir knutschen“ und nach 20 Minuten macht er denselben „move“ und sie findet’s plötzlich voll super? Oder hat sie einfach resigniert/aufgegeben/Angst, noch mal nein zu sagen, weil der Kerl irgendwie aggro wirkt, oder besitzergreifend und sie denkt sich lieber jetzt den ekligen Kuss, als in 5 Minuten ne Faust im Gesicht?)

Nein, ein Handbuch gibt es glücklicherweise nicht. Was bleibt stattdessen? Aufmerksamkeit: Beide Geschlechter müssen bereit sein, einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen. Das klingt simpler, als es tatsächlich ist. Denn Aufmerksamkeit setzt die Bereitschaft voraus, eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich mit denen anderer auseinanderzusetzen. „Stopp“ zu sagen, wenn man Zeuge einer sexistischen Situation, eines sexistischen Spruches wird. Das kann mal leichter, mal schwieriger sein. Wichtig ist, die aktuelle Debatte nicht einfach versanden zu lassen, sondern Konsequenzen daraus zu ziehen. Auch wenn viele, Männer und Frauen, #aufschrei lächerlich und unnötig finden: jeder Einzelne, der aufgrund dieser Debatte sein Verhalten prüft und, wenn nötig, ändert, ist das Diskutieren wert. „Sie glauben doch nicht, dass 60.000 empörte Menschen irgendwas ändern“, teilte Wibke Bruhns #aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek mit. Ein empörter Mensch oder 60.000 – Hauptsache, der Anfang ist gemacht.

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