In der Welt des Unsinns gibt es wenige Herrscher. Alexander Kissler

Am Feminismus-Pranger

Zu oft beißt der Mainstream-Feminismus die Hand, die ihn füttert – durch den Umgang mit Frauen, die seine Botschafter sind. Das zeigt sich gerade an der Diskussion über Caitlin Moran und Lena Dunham.

Im Englischen gibt es den schönen Begriff „girl crush“, um auszudrücken, dass man als Frau eine andere Frau richtig toll findet – auf ganz unsexuelle Art und Weise. Gefühlt ist der „girl crush“ sämtlicher Frauen Englands gerade Caitlin Moran, sämtliche (junge) Frauen Amerikas stehen total auf Lena Dunham. Moran (geb. 1975) ist vor allem als Kolumnistin der „Times“ und für ihr Buch „Wie ich lernte, eine Frau zu sein“ (2011) bekannt. Dunham (geb. 1986) schreibt, dreht und produziert die HBO-Serie „Girls“, in der sie selbst auch noch die Hauptrolle spielt (und die in Deutschland, wie sollte es anders sein, nur auf einem merkwürdigen Pay-TV-Kanal namens „Glitz“ läuft).

Moran und Dunham sind deshalb in relativ kurzer Zeit zu – man muss es so nennen – Feminismus-Ikonen geworden, weil sie einfach sie selbst sind: unperfekt, menschlich. Noch dazu sind sie klug, selbstbewusst und vor allem selbstironisch. Moran beschreibt in ihrem Buch ausgiebig ihre Jahre als pummelige junge und unsichere Frau. Dunham zeigt sich in „Girls“ gerne und oft nackt und noch dazu in eher unangenehmen Sex-Szenen. Das bietet tatsächlich viel mehr Identifikationspotenzial als Serien wie „Sex and the city“ wo Feminismus darin bestand, sich das Paar Schuhe kaufen zu können, das man haben möchte und den Mann der Träume dazu zu zwingen, einem jetzt-aber-endlich-vedammt-noch-mal einen Ring an den Finger zu stecken.

Sturm der Entrüstung

Ein „Times“-Interview von Caitlin Moran mit Lena Dunham hat jetzt eine Kontroverse ausgelöst. Das heißt, nicht das Interview selbst, sondern ein Tweet, den Moran in diesem Zusammenhang abgab. Lena Dunham musste anlässlich des Starts der zweiten „Girls“-Staffel eine Menge Kritik einstecken, die sich darauf bezog, dass die vier Hauptdarstellerinnen der Serie alle weiße Mittelschichtsmädchen sind. Twitter-Userin „lizzie c“ fragte Moran, ob sie in dem Interview die totale Abwesenheit von People of colour in „Girls“ thematisiert hätte. Morans Antwort:


Woraufhin „lizzie c“ schrieb:


Moran antwortete abermals:


Ein Sturm der Entrüstung brach los und das feministische Magazin „Bitch“ weigerte sich, ein mit Moran geführtes Interview zu veröffentlichen – gegen den Willen der Journalistin, die für das entsprechende Interview verantwortlich war, Lorraine Berry. Die gab sich mit der Entscheidung nicht zufrieden und forderte sowohl von Caitlin Moran als auch von „Bitch“ ein Statement.

Auf Nachfrage entschuldigte sich Moran sofort. Per E-Mail schrieb sie:

Ich hätte nicht so schroff sein sollen. Ich habe meine eigene erste Regel gebrochen: Sei höflich. Aber ich war offen gesagt verletzt, dass diese Frau dachte, ich und Lena Dunham würden uns in einer Art undefiniertem, rassistischem Komplott zusammentun. […] Ich bin amüsiert von der Auffassung, dass es beim Geschichtenerzählen Regeln geben sollte, laut denen du jedermanns Geschichte erzählen solltest, immer. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Niemand hat das je getan und niemand wird es je tun. Ich habe „Wie ich lernte, EINE Frau zu sein“ geschrieben, nicht „Wie ich lernte, ALLE Frauen zu sein“.

Im Übrigen hatte Morans Antwort „Es könnte mich nicht weniger interessieren“ sich auf die Serie „Girls“ bezogen und stellte keinen Kommentar zu Rasse und Feminismus im Allgemeinen dar. Lena Dunham hatte sich ebenfalls verteidigt, indem sie darauf hinwies, dass sie selbst eben ein weißes Mittelschicht-Mädchen sei und sich nicht anmaßen wollen würde, für Menschen anderer Ethnien zu sprechen, deren Erfahrung sie nun einmal nicht teilt. Trotzdem wolle sie die Anregung aufnehmen und in der nächsten Staffel auf mehr ethnische Pluralität achten.

„Bitch”-Chefredakteurin Kjerstin Johnson erklärte Lorraine Berry, sie hätte bereits mit Morans Buch einige Probleme gehabt (z.B. dass Burlesque cool sei, Burkas böse). Moran würde eine Art Feminismus vertreten, den sie nicht unterstützen könne. Berry veröffentlichte das Interview mit Moran letztendlich im Magazin Salon.com.

„Unperfekte“ Feministinnen kriegen es drauf

Die Frage ist: Wen interessiert’s? Was geht uns ein feministischer Streit in den USA an, der so spezifisch ist, dass man sich fragt, ob er die Diskussion überhaupt wert ist? Die Antwort: eine Menge. Natürlich unterscheidet sich die Feminismus-Kultur in den USA grundlegend von der in Deutschland. In Amerika hat es der Feminismus von den Universitäten in die Talkshows und Magazine geschafft, es wird viel mehr diskutiert und gestritten. Noch dazu gibt es eine Menge Feministinnen, die in der Öffentlichkeit präsent sind – im Gegensatz zu Deutschland, wo immer und immer wieder nur das Gesicht von Alice Schwarzer auftaucht.

Tatsächlich leiden sowohl der amerikanische als auch der deutsche Feminismus (und sie sind höchstwahrscheinlich nicht die Einzigen) am gleichen Problem. Jessica Wakeman vom Online-Magazin thefrisky.com hat es wunderbar zusammengefasst:

Oft genug beißt der Mainstream-Feminismus die Hand, die ihn füttert, durch den Umgang mit Frauen, die seine Botschafter sind. Wenn Frauen keine „perfekten“ Feministinnen sind, kriegen sie es richtig drauf. Intersektionalität innerhalb des Feminismus ist wahrscheinlich das Wichtigste im heutigen Feminismus und natürlich sollten Feministinnen angeklagt werden, die unsinnige Kommentare schreiben. Aber Teil dieses „Anklagens“ sollte es sein, prägnante Kommentare anzubieten, warum der Kommentar unsinnig ist, statt einfach nur zu sagen „SCHLECHTE FEMINISTIN!“ […]

Es geht viel weniger um Morans unangebrachten Kommentar (der offensichtlich einfach nur falsch verstanden wurde), sondern vielmehr um den Umgang von Feministinnen miteinander. Caitlin Moran ist eben deshalb zur Ikone geworden, weil sie einen leicht zugänglichen Feminismus vertritt. Man muss sich nicht mit Gender-Theorien oder feministischer Linguistik auseinandergesetzt haben, um das feministische Denken, das einen von jeder Seite aus „Wie ich lernte, eine Frau zu sein“ anspringt. Das Buch liefert unterhaltsam Denkanstöße, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Gleiches gilt für Lena Dunham, die in „Girls“ junge Frauen von heute sehr viel realistischer zeigt als bisher nahezu jede andere TV-Serie. Statt sich zu freuen, dass sich gleich zwei lustige und intelligente Frauen in relativ kurzer Zeit auf ihre Weise mit Feminismus auseinandersetzen und sich selbst eindeutig als Feministinnen bezeichnen – Kritik.

Kritik um der Kritik willen

Wie das konkret aussieht, zeigt z.B. wunderbar die Diskussion über Jennifer Livingston: Die Nachrichtensprecherin eines lokalen Senders in den USA bekam Post von einem vorgeblich besorgten Zuschauer, der ihr Gewicht bedenklich findet. Livingston reagierte selbstbewusst auf die Kritik an ihrem Übergewicht und stellte in ihrer Sendung klar: „Ich bin mehr als die Zahl auf meiner Waage.“ Die Mädchenmannschaft fand das zwar an sich gut. In einem Kommentar unter dem Video heißt es jedoch:

Leider wird in dem Video das Wort ,übergewichtig‘ gar nicht in Frage gestellt – als gäbe es eine objektive Größe, die bestimmt, was ,über-‘, ,unter-‘ und ,normalgewichtig‘ sei.

Der mutige Schritt Livingstons, von sich aus ihr Übergewicht und verletzende „Fanpost“ dazu zu thematisieren, reicht offenbar nicht aus, um bestimmten feministischen Kriterien zu genügen.

Es ist seltsam, dass so viele Feministinnen, die sich in so vielen Punkten so uneinig sind (z.B. Frauenquote und Pornografie), sich plötzlich doch sehr einig sind, wenn es um die Rolle des Feminismus geht: Der soll bitte allgemeingültig sein, alle Frauen auf der ganzen Welt einbeziehen und gleichzeitig ansprechen. Warum genau schreiten Feministinnen ein, um andere Feministinnen zum Schweigen zu bringen, sie an den Pranger zu stellen? Statt sich über Dinge zu freuen, die gut sind – an Morans Buch, an Dunhams Serie – konzentrieren sich zu viele Feministinnen grundsätzlich auf die negativen Aspekte.

Kritik ist gut, wenn sie konstruktiv ist. Im Fall Moran war die Kritik an ihrem Tweet berechtigt. Moran hat sich aber entschuldigt und klargestellt, dass ihre Antwort unglücklich war und sie falsch verstanden wurde. Damit sollte der Fall erledigt sein. Ist er aber nicht. Dunham hat ebenfalls eine völlig eindeutige Antwort auf die an sie gerichteten Vorwürfe gegeben. Auch hier sollte der Fall erledigt sein. Ist er aber nicht. Kritik um der Kritik willen zerstört die Dinge, die gut sind und bietet noch nicht einmal Vorschläge, wie man es besser machen könnte. Feminismus lebt von den vielen verschiedenen Stimmen, die sich zu Wort melden, sich streiten, manchmal einer Meinung sind – und manchmal nicht. Einen Feminismus, der „richtiger“ oder „besser“ ist, gibt es nicht. Jede® sollte eine Chance haben, das zu sagen, was er sagen möchte. Ohne feministische Selbstzensur.

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