Die Macht der Menge muss auch in einem mächtigen Programm umgesetzt werden. Alison Smale

Ärmel hochkrempeln, weitermachen

Der Friedensnobelpreis für die Europäische Union ist berechtigt: In Zeiten der Krise wird zu schnell verdrängt, was bereits erreicht wurde. Der Preis ist aber auch mit einem Arbeitsauftrag und einer Warnung verbunden.

Nominiert waren viele. Aber weder die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni hat ihn bekommen, noch Friedensforscher Gene Sharp. Auch das Internet ging leer aus, genauso wie die „Nowaja Gaseta“, eine der letzten unabhängigen Zeitungen in Russland. Stattdessen darf ihn nun eine Organisation entgegennehmen, die wahrscheinlich eher nicht mit so vielen Sympathien behaftet ist wie verfolgte Aktivisten oder Erfinder von Mikrokrediten: Die Europäische Union staubt in diesem Jahr den Friedensnobelpreis ab – und das völlig zu Recht.

Ein gutes und notwendiges Signal

Ja, die EU steckt heute in einer massiven Krise. Bei der riesigen Anzahl von Brandherden weiß man nicht mehr, wo man mit dem Löschen anfangen soll. Und kaum ist ein Feuer halbwegs unter Kontrolle gebracht, zündeln unberechenbare Gegenspieler – z.B. in Form der Märkte – schon wieder herum. Gerade in solchen Zeiten, in denen sich ein Krisengipfel an den nächsten reiht, Hunderte von temporären Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht werden, Länder sich an den Rande des Ruins sparen, ist der Friedensnobelpreis ein gutes, ein notwendiges Signal: Auch wenn es momentan nicht rund läuft, die EU als Institution, als Vision, hat immer noch ihre Daseinsberechtigung, so die Botschaft. Mehr noch: Zur EU als Staatenverbund gibt es für die europäischen Länder keine Alternative.

Zu gerne vergisst man angesichts der aktuellen Probleme das, was die EU schon geleistet hat. Denn das ist eine ganze Menge. Nichts gegen Barack Obama, aber als er den Friedensnobelpreis erhielt, hatte er genau was für den Weltfrieden getan? Bei der EU hingegen drängen sich gleich viele Verdienste auf, vor allem Aussöhnung und Frieden. Die Überwindung alter Feindschaften – zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Ost und West, zwischen Diktaturen und Demokratien. Insbesondere die deutsch-französische Freundschaft wird vom Nobelpreis-Komitee in seiner Erklärung hervorgehoben. Zwei Länder, die sich in drei Kriegen gegenüberstanden, die völlig unterschiedliche Auffassungen vom Nutzen und von der Rolle Europas hatten, deren Machtverhältnis mehr als asymmetrisch war, haben sich aufgerafft und durch viele Gespräche, Auseinandersetzungen und Den-anderen-verstehen-Wollen eine Feindschaft in eine Partnerschaft umgewandelt. Das ist tatsächlich bemerkenswert und in dieser Form weltweit einzigartig.

Blick auf das Wesentliche

Frieden ist uns verwöhnten Westeuropäern zu selbstverständlich geworden. Was bringt einem außerdem Frieden, wenn die EU den Bach runtergeht, Millionen von jungen Menschen europaweit keine Jobs finden und auch das zehnte Sparpaket keine Entlastung des Staatshaushalts bringt? Das Nobel-Komitee lenkt hier sehr richtig den Blick auf das Wesentliche:

Die EU erlebt derzeit ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten und beachtliche soziale Unruhen. Das Norwegische Nobelkomitee wünscht den Blick auf das zu lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU sieht: den erfolgreichen Kampf für Frieden und Versöhnung und für Demokratie sowie die Menschenrechte; die stabilisierende Rolle der EU bei der Verwandlung Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens.

Jungen Europäern, da kann ich aus Erfahrung sprechen, wird von älteren oft vorgeworfen, wir selbst hätten nichts zur europäischen Integration beigetragen. Als wir geboren wurden, war der Großteil des europäischen Einigungsprozesses schließlich schon in trockenen Tüchern. „Ihr profitiert nur von dem, was wir aufgebaut haben“, lautet die Anklage. Der Friedensnobelpreis ist eine gute Antwort auf diese Vorwürfe, denn er ist ein Preis aller Europäer und Europäerinnen, ob jung oder alt. Dass heute in Europa Frieden herrscht, ist meiner Großeltern- und Elterngeneration zu verdanken. Dass Europa auch in 30, 40 oder 50 Jahren kein Kriegsschauplatz ist, daran muss meine Generation nun arbeiten. Der Arbeitsauftrag des Nobel-Komitees ist klar, wenn es schreibt:

Die Aufnahme von Kroatien als Mitglied im nächsten Jahr, die Einleitung von Aufnahmeverhandlungen mit Montenegro und die Erteilung des Kandidatenstatus an Serbien wird den Prozess der Aussöhnung auf dem Balkan voranbringen. Im letzten Jahrzehnt hat auch in der Türkei die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft Demokratie und Menschenrechte in diesem Land gefördert.

Dauerhafter „Friedenskongress“

Frieden ist ein Prozess und zwar einer, der immer weitergehen muss. Während der Balkankriege hat die EU versagt, zu spät, zu zögerlich eingegriffen. Jetzt ist es an ihr, den Balkanstaaten eine Chance auf Entwicklung zu geben, sowohl wirtschaftlich als auch demokratisch. Mit anderen Worten: Die EU muss in der Zukunft beweisen, dass sie den Friedensnobelpreis tatsächlich verdient hat, sie muss zu einem dauerhaften „Friedenskongress“ werden, wie Alfred Nobel es in seinem Testament beschreibt. Dafür braucht es Engagement, Visionen und den Willen zur vertieften Integration.

So gesehen ist der Friedensnobelpreis auch eine Warnung vor der panischen Rückkehr zur isolierenden Nationalstaatlichkeit, vor Forderungen nach mehr nationalstaatlicher Souveränität. Denn den Nobelpreis hat die EU als Ganzes gewonnen. Wohlweislich hat man sich dagegen entschieden, den Preis an eine Person zu vergeben, obwohl sich da jede Menge geeigneter Anwärter gefunden hätten (von Simone Veil über Jacques Delors bis zu Helmut Kohl). Das hat den Vorteil, dass sich wenigstens jetzt einmal alle als Europäer fühlen können. Selbst die größten EU-Kritiker – denn wer möchte nicht von sich behaupten, Friedensnobelpreisträger zu sein?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ingo Friedrich, Martin Schulz, Wolfgang Grenz.

Leserbriefe

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