Alice Schwarzer wird in diesem Jahr 70, passenderweise feierte auch ihre Zeitschrift „Emma“ im Januar ihren 35. Geburtstag. Schwarzers 70. wird noch Anlass für viele Veröffentlichungen zur Symbolfigur des deutschen Feminismus sein. Den Anfang machte nun die Journalistin und Historikerin Miriam Gebhardt. „Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“ lautet der Titel ihres Buches – und der macht gleich deutlich, dass Gebhardt im Umgang mit Alice Schwarzer nicht zimperlich sein wird.
„Ausgangspunkt dieser Erkundung ist die Frage, warum von der einst so stolzen Frauenbewegung nur noch ein trauriger Rest übrig ist“, kündigt Gebhardt im ersten Satz an. Das Problem in Deutschland sei, dass die feministische Antwort auf gesellschaftspolitische Herausforderungen immer die gleiche sei, nämlich die von Alice Schwarzer. In keinem anderen Land würde die Frauenbewegung nur von einer Frau verkörpert. Zudem von einer Frau, die noch heute die gleichen Positionen vertritt wie in den 1970er-Jahren. Gebhardt stellt fest:
Es gibt nur eine Alice Schwarzer. […] Allerdings gefährdet die Nach-mir-die-Sintflut-Rhetorik ihre Lebensleistung. Schwarzer legt die (klassisch männliche) Einstellung eines Familienpatriarchen an den Tag, der die Früchte seines Lebenswerks opfert, nur um sie keinem Jüngeren zu überlassen.
„Ändere dich gefälligst“
Einerseits behauptet Schwarzer, sie sei nicht die „Präsidentin der deutschen Frauenbewegung“, schließlich habe sie niemand gewählt. Andererseits verhält sie sich aber faktisch so – eine Haltung, die den Feminismus in Deutschland blockiert und ihm nachhaltig schadet. Das liegt in der Art von Feminismus begründet, die Schwarzer vertritt. Miriam Gebhardt bezeichnet ihn als „Ändere dich gefälligst“-Feminismus: Frauen müssen zu „Menschen“ werden, indem sie sich von den Männern emanzipieren. Die konträre Position, der „Werde, die du bist“-Feminismus, verlangt hingegen von den Frauen, zu ihrer wahren Weiblichkeit zu finden. Gebhardt, das macht sie deutlich, hält von beiden Positionen nicht viel. Dadurch, dass Schwarzer sozusagen das Feminismus-Monopol in Deutschland hält, wird ihre Art des Feminismus als universell empfunden.
Nicht nur, dass Schwarzer vehement „ihren“ Feminismus vertritt und wenig Verständnis für diejenigen zeigt, die nicht ihrer Meinung sind. Sie arbeitet sich außerdem immer noch an Themen ab, die in den 1970er-Jahren wichtig waren (z.B. das Abtreibungsverbot und Pornografie), den Anschluss an die Gegenwart und damit an die „dritte Welle“ des Feminismus aber nicht geschafft hätten. Ein Beispiel dafür ist Alice Schwarzers Auffassung, Beziehungen zwischen Männern und Frauen könnten nun einmal nicht gleichberechtigt sein, wie sie in ihrem Bestseller „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ (1975) darlegt:
Mann-Frau-Beziehung (sic!) sind – unabhängig vom Willen des einzelnen Individuums – qua Funktion in dieser Gesellschaft Herrschaftsverhältnisse. Frauen sind unterlegen, Männer überlegen. Diese Machtstrukturen spiegeln sich in der Sexualität. Die herrschenden sexuellen Normen, und damit die Sexualität selbst, sind Instrument zur Etablierung dieser Machtbeziehung zwischen Mann und Frau.
Kaum verwunderlich, dass sich gerade junge Frauen heutzutage mit solchen Aussagen nicht mehr identifizieren können. Das gilt ebenso für den Akt der Penetration, auf den Schwarzer viel Wert legt und den sie mit Gewalt gleichsetzt. Schwarzer, so Gebhardt, hat ihre Positionen nicht verändert, sie nicht den neuen Gegebenheiten angepasst. Wenn junge Frauen überlegen, wie sie Kind und Karriere unter einen Hut bekommen, hält Alice Schwarzer es ganz mit ihrem „Über-Ich“ (Gebhardt) Simone de Beauvoir: Mutterschaft macht abhängig und ist daher abzulehnen. Das Egebnis: Schwarzer hat es nicht geschafft, wirkliche Verbindungen zur „dritten Welle“ aufzubauen, die in den 90er-Jahren entstand. Der Schwarzer-Feminismus, er hat keine Antworten auf die Fragen vieler Frauen heute, die sich um Lebensentwürfe und die „Lebbarkeit von Biografien“ drehen. Wen solche Fragen interessieren, ist in Schwarzers Augen eine Anhängerin des „Wohlfühlfeminismus“ – dies warf sie den drei Autorinnen des Buches „Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht“ vor.
Zwischen Theorie und Praxis
Gebhardt möchte ihr Buch als „historisches Debattenbuch“ verstanden wissen. Diesen Anspruch erfüllt sie, indem sie historische Analysen mit daraus abgeleiteten Thesen verknüpft. Die Autorin kritisiert Schwarzer zwar, tut das aber mit wissenschaftlichem Handwerkszeug und entgeht so einem einseitigen Alice-Schwarzer-Bashing. Schön wäre es gewesen, hätte Gebhardt noch ein paar jüngere Feministinnen mit ihren Ansichten zu Wort kommen lassen – eine ganze Reihe aktueller feministischer Publikationen werden zwar genannt, aber kaum zitiert. Dabei hätten sie gut zeigen können, wie groß der Kontrast zwischen Schwarzer und der neuen Feminismusbewegung ist. Letztere sieht Gebhardt in der Pflicht: Es reiche nicht, sich von Alice Schwarzer abzugrenzen. Stattdessen müsste z.B. die Trennung von Theorie und Praxis, was den Feminismus betrifft, in Deutschland überwunden werden:
[…] Voraussetzung der amerikanischen und britischen „dritten Welle“ war die Reflexion, die von der Etablierung der Gender-Studiengänge an den Universitäten getragen wurde. Die Trennung von Theorie und Praxis ist es denn auch, die den deutschen Feminismus so uninteressant und international unbedeutend macht.
Weiter auf Gebhardts Wunschliste stehen u.a. die Einbeziehung aller Geschlechter sowie das Akzeptieren von Widersprüchen. Leider liefert die Autorin wenige konkrete Ideen, was schade ist, denn schließlich soll „Alice im Niemandsland“ die Feminismus-Debatte neu anstoßen. Allerdings: Das schafft das Buch auch ohne die Forderungen am Ende ganz gut. Klar geschrieben und nicht zu voraussetzungsvoll, bietet es einen guten Einstieg in den deutschen und teilweise auch in den internationalen Feminismus. Und zeigt: (Deutscher) Feminismus ist so viel mehr als Alice Schwarzer.
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