Der Ursprung des Humors liegt im Banalen. Helge Schneider

„Sei doch einfach hetero“

Menschen, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt werden, bekommen in Deutschland kein Asyl. Diese Menschen brauchen keine abstrusen Ratschläge, sondern andere Gesetze.

Bisher dachte ich, Homosexuelle hätten in Deutschland ein recht angenehmes Leben. Sicher, die eingetragene Lebenspartnerschaft ist nur ein semi-zufriedenstellender Ehe-Ersatz und obwohl einige Politiker und Politikerinnen, Prominente und Nicht-so-Prominente sich geoutet haben, ist diese sexuelle Orientierung eben immer noch die Abweichung von der Norm. Sie wird mal offen, mal weniger offen stigmatisiert. Die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Bundestag durch FDP und CDU/CSU hat mich zwar geärgert, mich aber generell nicht daran zweifeln lassen, dass Homosexuelle in Deutschland gut leben können.

Konkrete Gefährdung nicht vorhanden

Das gilt anscheinend nur für deutsche Homosexuelle, wie ein Bericht von „Die Standard“, jetzt zeigt. Geschildert wird der Fall von Samira Ghorbani Danesh: Die junge Iranerin ist lesbisch, hat deshalb im Iran Angst um ihr Leben und in der Bundesrepublik um Asyl gebeten. Eine Aufenthaltserlaubnis hat Danesh zwar bekommen, das war aber schon schwer genug:

Das Papier war für die 24-Jährige so leicht zu kriegen wie Klavierstunden im All. Vor zwei Jahren floh die Architekturstudentin über die Türkei nach Deutschland. Eine Party in Teheran, auf der sie mit ihrer Freundin und anderen Homosexuellen gefeiert hatte, war von der Polizei gestürmt worden. Sie konnte sich verstecken und ist seither auf der Flucht. Im Oktober 2010 hatte sie beim deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Asyl beantragt. Das Amt wies ihren Antrag ab. Man glaubte zwar, dass sie lesbisch ist. Nicht aber die Geschichte von der Party und dass sie ins Visier der Bassidji geraten ist.

Man kann sich schon fragen, was genau passieren muss, damit eine Person den Status eines Schutzbedürftigen erhält. Im Iran ist Homosexualität nicht nur gesellschaftlich tabuisiert, nein, homosexuelle Handlungen sind strafbar – und bestraft wird im selbst ernannten „Gottesstaat“ hart: Seit der Islamischen Revolution 1979 wurden mehr als 4.000 Homosexuelle hingerichtet, meist durch Steinigung. Im Fall Samira Danesh sah das BAMF eine konkrete politische Verfolgung nicht gegeben:

„[…] die Veranlagung als solche ist im Iran in keiner Weise strafbar oder illegal“, wie es im Bescheid des BAMF heißt. Solange sich Samira beim Lesbischsein nicht erwischen lässt, passiert ihr auch nichts.

Das ist doch super, Danesh muss sich also nur ein bisschen zusammenreißen und ihre Identität komplett verleugnen, dann wird sie nicht gesteinigt. Kann ja so schwer nicht sein. Was das BAMF hier fundamental verkennt, ist Homosexualität als wichtiges Element der eigenen Identität. Politiker wie Klaus Wowereit oder zuletzt die schwedische Ex-Ski-Rennfahrerin Anja Pärson waren erleichtert, als sie endlich in der Öffentlichkeit zu ihrer sexuellen Orientierung stehen konnten. Das jahrelange Verstecken des Herzensmanns oder der Herzensdame hatte ein Ende, das ewige Verstellen und Ausweichen. Wie kann das BAMF also ernsthaft glauben, es sei leicht, auf seine sexuelle Identität zu verzichten, so zu tun, als wäre man ein anderer?

Lügen für die Aufenthaltsgenehmigung

Das Verwaltungsgericht Bayreuth schloss sich der abenteuerlichen Argumentation des BAMF an, lehnte Daneshs Antrag ab und empfahl ihr nach der Rückkehr in ihre Heimat einen „zurückhaltenden Lebenswandel“. Ist es wirklich zu viel verlangt, dass eine lesbische Frau Hand in Hand mit ihrer Freundin über die Straße gehen will? Dass ein schwuler Mann seinen Freund in der Öffentlichkeit küssen möchte? Beim BAMF scheint man davon auszugehen, dass diese Bedürfnisse jederzeit ab- und einstellbar sind. Etwas, das man von heterosexuellen Paaren nie verlangen würde. Oder wie „Die Standard“ schön zusammenfasst:

In der Tat ist schwer vorstellbar, dass der Asylrichter einem Dissidenten nahelegt, seinen politischen Protest für sich zu behalten, oder einem vor Rassismus fliehenden Farbigen, er möge diskreter mit seiner Hautfarbe umgehen.

2011 wurden in Deutschland insgesamt 53.347 Asylanträge gestellt. Wie viele der Asylbewerber einen Antrag stellten, weil sie in ihrer Heimat aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden, ist statistisch nicht erfasst. Genauso wenig erfasst ist die Anzahl derer, die nicht zugeben wollen, dass sie lesbisch oder schwul sind – und deshalb lügen, um an eine Aufenthaltsgenehmigung zu kommen. Weil sie sich schämen oder weil sie zu Recht befürchten, dass ihr Antrag abgelehnt wird. Und für diejenigen, die zu ihrer Neigung stehen, ist es schwer, diese zu beweisen. Wie soll ein Beweis für Homosexualität aussehen? Wie erniedrigend muss es sein, sich deswegen einem Gutachter zu stellen? Noch schwieriger ist wohl nur der Nachweis, dass man aufgrund seiner Sexualität in der Heimat tatsächlich bedroht wird – siehe Samira Danesh.

Wer „Persepolis“ der Exil-Iranerin Marjane Satrapi kennt, weiß, dass nicht immer eine konkrete Bedrohung wie z.B. ein Haftbefehl vorliegen muss, um sich im Iran bedroht zu fühlen: Die Eltern der aufmüpfigen Marjane machen sich schon große Sorgen um die Sicherheit ihrer Tochter, nur weil diese gerne und laut Heavy Metal hört – und schicken den rebellischen Teenager zur Sicherheit nach Österreich. Wenn bereits der falsche Musikgeschmack zu möglichen Repressionen führt, wie viele Beweise brauchen deutsche Behörden dann noch, um zu begreifen, wie gefährdet Homosexuelle im Iran sind? Zumal es ja auf der BAMF-Seite so schön heißt:

Das Asylrecht dient dem Schutz der Menschenwürde in einem umfassenderen Sinne. […] Nicht jede negative staatliche Maßnahme – selbst wenn sie an eines der genannten persönlichen Merkmale anknüpft – stellt eine asylrelevante Verfolgung dar. […] Schließlich muss es sich um eine Maßnahme handeln, die so schwerwiegend ist, dass sie die Menschenwürde verletzt und über das hinausgeht, was die Bewohner des jeweiligen Staates ansonsten allgemein hinzunehmen haben.

Mal kurz überlegen: Ist die Todesstrafe etwas, das ein iranischer Normalbürger in seinem Alltag sonst hinnehmen muss? Antwort: Nein. Vielleicht glaubt das BAMF aber auch einfach nur dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, wenn der behauptet, in seinem Land gäbe es keine Homosexuellen. Keine Homosexuellen, keine Verfolgung, kein Problem.

Deutsche Ignoranz

Natürlich sind nicht nur Iraner und Iranerinnen, die einen Großteil der Asylbewerber in Deutschland ausmachen, von Verfolgung betroffen. Insbesondere in Afrika gibt es regelrechte Hetzkampagnen gegen Homosexuelle, bei denen u.a. lesbische Frauen vergewaltigt werden, um sie zur Heterosexualität zu bekehren. Auch im Repertoire: Das Outing Homosexueller, ohne dass die etwas dagegen machen können.

In Deutschland muss gelten, was in Italien schon selbstverständlich ist: Dort erhalten schwule und lesbische Flüchtlinge eine Aufenthaltserlaubnis, sobald Homosexualität in ihrem Heimatland unter Strafe steht. Ich höre schon jetzt den Einwand des BAMF, wenn es so eine Regelung gäbe, könne sich ja jeder als schwul oder lesbisch ausgeben, um an eine Aufenthaltsgenehmigung zu kommen. Das ist blanker Unsinn. Denn in vielen afrikanischen und asiatischen Ländern ist Homosexualität ein Makel, ein Stigma, gilt als unmännlich oder unweiblich. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich eine Flut an Flüchtlingen plötzlich zu einer (möglicherweise) nicht existenten Homosexualität bekennt – zu groß ist die Ablehnung, zu tief die kulturelle Prägung.

In Deutschland hingegen ist die Bereitschaft, sich mit der Situation von Lesben und Schwulen in anderen Ländern in anderen Kulturkreisen auseinanderzusetzen, verschwindend gering. Auch wenn Samira Danesh letztendlich ihre Aufenthaltserlaubnis bekam – befristet für ein Jahr – scheitern vermutlich viele andere Homosexuelle an der Ignoranz deutscher Behörden. Dann bleibt nur eines: Zurückgehen, unauffällig verhalten. Das kann ja schließlich nicht so schwer sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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