Schluss, aus, vorbei. Zumindest fast. Das „Brigitte“-Experiment „Echte Frauen statt Magermodels“ sei gescheitert, liest man in allen Medien – kaum ein Artikel kommt dabei ohne eine große Portion Schadenfreude aus. Man wolle das Konzept überdenken, hieß es zunächst von Seiten der „Brigitte“-Redaktion, bevor diese jetzt kapitulierte. Erst zwei Jahre ist es her, dass mit viel Werbeaufwand und unter internationalem Applaus alle professionellen Models des Magazins verwiesen wurden. Für Vielfalt, gegen die immergleichen dünnen Modelkörper, lautete seit der Januar-Ausgabe 2010 das Konzept. Statt Profimodels wurden für alle Modestrecken nur noch „echte“ Frauen fotografiert. In Zukunft soll es nun einen Mix aus Profi- und Amateurmodels geben.
Keine Vielfalt, nirgends
Viele (Medien und Leserinnen) freuen sich über das grandiose Scheitern der Aktion („Brigitte“ kriselt immer noch und verliert an Auflage), denn von der versprochenen Vielfalt ist im Magazin kaum etwas zu sehen. Das fängt schon bei der Figur an. Die abgelichteten Damen haben im Allgemeinen eine eher schlanke bis sehr schlanke Figur. Ab und zu verirrt sich – oha! – ein nicht ganz so zarter Schenkel ins Magazin. „Kurven“ nennt man so was dann, aber auch die haben mit der Figur der durchschnittsdeutschen Frau (eher klein und rundlich) meist wenig zu tun.
Der Großteil der Frauen, die sich in schicken Klamotten auf den Modeseiten tummeln oder die neuesten Make-up-Trends präsentieren, sind zudem jung bis mittelalt. Ältere Frauen findet man kaum. Und auch ethnische Vielfalt ist offensichtlich kein Punkt, der besonders weit oben auf der „Brigitte“-Agenda steht. Weiß, weiß, weiß leuchtet es von den Seiten. Zwar darf gerne mal die sommersprossige Dänin angesagte dänische Designer vorführen. Oder die zart gebräunte Italienerin Looks im 50s Style. Eine Modestrecke mit afrikanischer Mode, vorgeführt von afrikanischen Frauen, sucht man allerdings vergebens.
Die „normalen“ Frauen sind zu hübsch
Das alles kann und muss sogar kritisiert werden. Trotzdem halte ich die Aktion der „Brigitte“ tendenziell für ein gutes Konzept. Ja, ich lese „Brigitte“. Zwar nicht regelmäßig, aber immer mal wieder. Und seit 2010 immer öfter. Weil ich es spannend finde, am Ende einer Modestrecke etwas über das Model zu lesen: „Katharina, 36, Versicherungskauffrau, nimmt sich jedes Jahr mehrere Monate frei, um in Indien ehrenamtlich in einem Kinderheim zu arbeiten.“ Okay, ein Großteil der abgedruckten Biografien ist nicht dermaßen beeindruckend (sondern geht eher so: „Jana und Luisa sind beste Freundinnen und studieren Soziologie in Münster“). Und man fragt sich natürlich, wo all die wahnsinnig gut aussehenden, Entwicklungshilfe leistenden Versicherungsangestellten im Alltag sind.
Die hämische Kritik der Medien ist dennoch völlig unangemessen und lässt darauf schließen, dass viele die „Ohne Models“-Aktion schlicht und einfach falsch verstanden haben. „Brigitte“ hat nie behauptet, an der Aufmachung der Fotostrecken würde sich etwas ändern. So hatte die Redaktion von Anfang an betont, weiterhin Schauspielerinnen und Musikerinnen ablichten zu wollen – die stehen nun mal oft im Rampenlicht, weil sie bestimmten ästhetischen Ansprüchen genügen. Der Einsatz von Laien-Models bedeutet nicht einen ähnlich laienhaften Umgang mit Make-up, Kleidung und Frisur, die „normalen“ Frauen sind professionell und bestmöglich zurechtgemacht. Was ist hier eigentlich das Problem? Dass die „Brigitte“-Frauen zu hübsch sind? Letztendlich sollen auch diese Frauen doch ein Produkt verkaufen, seien es Klamotten, Schminke oder Schmuck. Die „Zeit“ schreibt dazu sehr passend, die „neue Natürlichkeitsästhetik“ sei eben „genauso am Reißbrett entworfen wie die alte Perfektionsästhetik“.
Körper und Gesichter abseits der Norm
„Brigitte“ ist eine Frauenzeitschrift, die sich an eine Mehrheit der deutschen Frauen wendet. Wer Körper und Gesichter abseits der Norm fordert (die Autorin Sybille Berg z.B. wünscht sich körperlich behinderte, glatzköpfige und kleinwüchsige Frauen), der möge sein Geld doch lieber in andere Magazine investieren. Zum Beispiel in das großartige „Missy Magazine“, das zuletzt die dicke, lesbische Gossip-Sängerin Beth Ditto und die türkischstämmige Porno-Rapperin Lady Bitch Ray auf dem Titel hatte.
Das Anprangern der „Ohne Models“-Aktion als PR-Aktion und die Freude darüber, dass das Konzept nicht aufgegangen ist, sind scheinheilig – eine massenkompatible Zeitschrift wie die „Brigitte“ wird niemals glatzköpfigen, lesbischen Musikerinnen einen Platz auf ihren Seiten einräumen. Wer daran geglaubt hat, ist schlicht naiv gewesen.
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