Wir sollten neugierig sein und ins Gespräch kommen. Dazu will ich in den kommenden Jahren beitragen. Christian Wulff

Huren und Heilige

Slutwalks werden oft als feministisches Kurzzeitphänomen abgetan. Dabei werden sie dringend gebraucht – und haben außerdem das Potenzial, sich als dauerhafte Bewegung zu etablieren.

Gute Nachrichten für alle Frauen: Enge Jeans, also wirklich enge Jeans, schützen vor Vergewaltigung. So sah es zumindest 2008 ein Gericht in Großbritannien, das einen angeklagten Vergewaltiger freisprach. Sein Opfer, eine junge Frau, hatte zum Zeitpunkt der Vergewaltigung Röhrenjeans getragen. Die seien laut Richter dermaßen eng gewesen, dass der Angeklagte sie ihr keinesfalls ohne Hilfe hätte vom Leib reißen können. Wer hätte gedacht, dass ein simples Kleidungsstück effektiver sein kann als jedes Pfefferspray.

„Spaßaktion“ Slutwalk

Diese Geschichte zeigt vor allem eins: Frauen werden immer noch und immer wieder mitverantwortlich für ihre Vergewaltigung gemacht. Weil sie z.B. einen kurzen Rock trugen, der den Täter erst zu seiner Tat animierte. Gut, dass es seit August vorigen Jahres auch in Deutschland eine Bewegung gibt, die dieses Problem thematisiert: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Slutwalks gehen gegen sexualisierte Gewalt auf die Straße. Sie sind wütend auf diejenigen, die den Frauen die Schuld an einer Vergewaltigung in die Schuhe schieben.

Von Medien und auch vielen älteren Feministinnen der Zweiten Welle wurde und wird die Bewegung belächelt. Erstere kriegen sich angesichts junger Frauen, die im Idealfall „schlampig“ gekleidet sind (die Ironie dieses Aufzugs entgeht natürlich vielen Journalisten) kaum noch ein – der Traum eines jeden Bildredakteurs. Die Slutwalks werden deshalb häufig als Demonstrationen für das „Recht auf Sexyness“ präsentiert. Dabei geht es um sehr viel mehr. Die Feministinnen der Zweiten Welle denken wahrscheinlich an ihren eigenen Protest in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als es mit Frauenrechten, gerade auch in Deutschland, tatsächlich nicht weit her war. Der Kampf war zäh und anstrengend. Mit der „Spaßaktion“ Slutwalk können viele ältere Feministinnen nichts anfangen, sie empfinden das Ganze als oberflächlich. Die Bewegung wird als feministischer „Trend“ abgetan.

Slutwalks sind alles andere als nur ein Kurzzeitphänomen – und werden dringend gebraucht. 2010 zählte die Polizeiliche Kriminalstatistik 7.724 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Deutschland – die Dunkelziffer dürfte sehr viel höher liegen, denn nur wenige Opfer erstatten Anzeige. Mit zehn angezeigten Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner liegt Deutschland nur im europäischen Mittelfeld.

Zurück in die Diskussion

Nicht nur deshalb werden Slutwalks gebraucht, sondern weil sie Aspekte, die beim Thema Vergewaltigung oft in den Hintergrund geraten, zurück in die Diskussion bringen.

Da wäre zum einen die Täter-Opfer-Umkehr: Dass ein kurzer Rock kein Grund für eine Vergewaltigung sein darf, sollte jedem klar sein – offensichtlich ist es das aber nicht. Zu oft hört man, die Frau sei doch selbst schuld, so wie die angezogen war. Die Hormone, man(n) konnte gar nicht anders! Ein unhaltbares Argument. Vor allem sollte man bedenken, dass viele der Vergewaltigungsopfer Kinder sind (2011 wurden in Deutschland 14.918 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch). Jeder Mensch besitzt eine sexuelle Integrität. Und die ist unantastbar.

Den Slutwalks geht es außerdem um die Wiederaneignung des Begriffs „Schlampe“. Dieser hängt mit dem Vergewaltigungsmythos zusammen: Kurzer Rock = Schlampe = freie Fahrt für Vergewaltiger. „Schlampe“ wird im Zusammenhang mit Vergewaltigung oft benutzt, um das Verbrechen im Nachhinein zu rationalisieren und entschuldigen: „Ich hatte keine Wahl, so wie die angezogen war!“ Allerdings, ob diese Wiederaneignung gelungen ist, darüber streitet sich die feministische Community. Die britische Frauen-Forscherin und Aktivistin der Anti-Porno-Bewegung, Gail Dines, stellte im „Guardian“ fest, der Terminus „Schlampe“ repräsentiere zu sehr die Heilige Maria/Prostituierten-Sichtweise weiblicher Sexualität, das feministische Potenzial der Slutwalks sei deshalb begrenzt.

Gekommen, um zu bleiben

Dines irrt: Slutwalks haben großes Potenzial. Die Bewegung ist – konträr zu dem, was Medien oder einige Feministinnen sagen – eine sehr ernste Angelegenheit. Das heißt aber nicht, dass sie nicht trotzdem jede Menge Spaß machen kann. Genau dadurch sprechen Slutwalks viele (junge) Frauen und Männer an, die bisher mit Feminismus nichts am Hut hatten. Die Slutwalks bieten einen unverkrampften, freien Zugang zum Feminismus, wo andere feministische Aktionen zu häufig auf einer intellektuellen Ebene verbleiben. Sie bieten ein konkretes Thema, dessen Dringlichkeit sich jede Frau bewusst sein sollte. Slutwalks holen die Leute da ab, wo sie stehen. Man braucht kein feministisches Vorwissen, um sich an den Aktionen zu beteiligen, die Hemmschwelle ist weniger hoch.

Vor allem: Die Slutwalks wollen ernst genommen werden und tun auch einiges dafür. So nennt sich der Hamburger Slutwalk dieses Jahr enter_the_gap. In der Begründung heißt es dazu, die Idee der Wiederaneignung des Begriffs „Schlampe“ sei nicht allen zugänglich und würde im Prinzip nur weiße, heterosexuelle Menschen betreffen. So hätten afroamerikanische Frauen in den USA einen anderen Bezug zum Wort „slut“ als weiße Frauen. Das eigene, weiße Privileg, sich den Begriff wieder anzueignen, wäre nicht hinterfragt worden – eine Kritik, auf die man nun reagiert. Gail Dines dürfte sich freuen.

Die Slutwalks sind gekommen, um zu bleiben. Sie entwickeln sich weiter und wollen möglichst viele Menschen einbeziehen. Vergewaltigung ist eine Angelegenheit, die man immer und immer wieder thematisieren muss. Die Slutwalks leisten dazu ihren Beitrag. Der feministischen Bewegung tut es gut, dass sie dabei unkonventionell vorgehen.

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