Dass tatsächlich Sommerpause ist, sieht man daran, dass in deutschen Medien über Kleidung diskutiert wird – und zwar die der Politiker. Wulff hat eine neue Brille, vielleicht erkennt er durch sie dubiose „Freunde“ und verfängliche Situationen besser. Schwarz und kantig ist das neue Gestell und damit so, wie der Bundespräsident a.D. vielleicht gerne gewesen wäre.
„Wickeltraum in Petrol“
Während Wulff offensichtlich das Bedürfnis nach Neuanfang mittels makeover verspürt, demonstriert Angela Merkel: Sparsamkeit und Bodenständigkeit. Das, „was sie derzeit auf allen politischen Bühnen predigt“, so „Spiegel Online“. Der wahnsinnig banale Anlass (hat hier jemand „Sommerloch“ gesagt?): die Eröffnung der Bayreuther Festspiele, die die Bundeskanzlerin alljährlich mit ihrem Mann Joachim Sauer besucht. Da hat Merkel nämlich diesmal, man glaubt es kaum, dasselbe Kleid getragen wie bereits 2008. Zum „Wickeltraum in Petrol“ so die „Süddeutsche“ kombinierte Merkel – man staune – dieses Jahr eine blaue statt einer schwarzen Tasche, sowie andere Schuhe (haarscharf beobachtet von „Spiegel Online“).
Die Kanzlerin ist bekannt dafür, Kleidung gerne mehrfach zu tragen: Warum auch nicht? Maßgeschneiderte Kleidung ist teuer und nur weil man ein bestimmtes Outfit bei einer Veranstaltung bereits getragen hat, verwandelt sich dieses später nicht in einen hässlichen Fetzen. Kate Middleton macht das übrigens genauso, aber der würde natürlich niemand solche Vorwürfe machen.
Politikerinnen werden immer noch anders bewertet als Politiker
Die jüngsten Kommentare zu Wulffs Brille und sogar Alexander Dobrindts Diät können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Aussehen von Frauen in der Politik immer noch wichtiger ist als das von Männern. Das spiegelt sich auch in den Medien wider.
Beispiel Peter Altmaier und Claudia Roth, die beide keine Idealmaße haben: Dass der Umweltminister dick ist, wird zwar thematisiert, aber eher wohlwollend – der Altmaier, der kleine Rebell, der isst eben gerne, aber das hebt ihn ja auch so sympathisch vom üblichen Politikbetrieb ab, wo nur noch durchgestylte Röttgens und Guttenbergs rumlaufen. Claudia Roth hingegen muss regelmäßig Spott und Häme ertragen, wenn sie ihren rundlichen Körper mal wieder in ein abenteuerliches Outfit zwängt.
Merkel, nur manchmal eine Frau mit Brüsten
Bezogen auf Angela Merkel kann man einen interessanten Effekt beobachten: Über Aussehen und Kleidung der Kanzlerin wird außerhalb des Sommerlochs erstaunlich wenig diskutiert. Die Zeiten, in denen Merkels Frisur (oder eher Nicht-Frisur) Thema war, sind lange vorbei. Heute funktioniert bei Merkel tatsächlich, was bei Männern selbstverständlich ist: die Bewertung nach Kompetenz und nicht nach Aussehen.
Paradoxerweise ist es gerade Merkels betont unaufgeregter Umgang mit ihrem Aussehen, der dies möglich macht. Denn auch in Sachen Kleidung ist die Kanzlerin eine absolute Strategin. So legte sie sich wie männliche Politiker über die Jahre zusehends eine Uniform zu: unifarbener maßgeschneiderter Blazer zu dunkler Hose. Weiblich wird es durch die farbenfrohe Vielfalt des jeweiligen Oberteils, das bereits in Maigrün, Rosé oder Blau leuchtete. Dazu ein von Starfriseur Udo Walz kreierter Kurzhaarschnitt – und Merkel muss sich über die Klamotten, in denen sie das Land regiert, keine weiteren Gedanken mehr machen.
Nur ein, zweimal im Jahr scheint den deutschen Journalisten (und, das muss fairerweise gesagt werden: Journalistinnen) aufzufallen, dass Merkel – schluck – ja tatsächlich eine Frau mit Brüsten ist (man denke an Merkels Besuch der Osloer Oper 2008, bei dem sie viel Mut zum tiefen Dekolleté bewies)! Die Verwirrung ist jedes Mal so groß, dass mit der Stilkritik gleich noch ein Rätselraten über eventuelle politische Aussagen der gewählten Kleidung einhergeht.
Signalwirkung der Kleiderauswahl
Dass die Kanzlerin sich in Bayreuth dem Anlass entsprechend – grüner Hügel, Prominenz, Oper – einfach mal wieder in ein hübsches Kleid werfen wollte, ein Ding der Unmöglichkeit. Wobei es natürlich bei der Kanzlerin eher unwahrscheinlich ist, dass sie sich der Signalwirkung ihrer Kleiderauswahl nicht bewusst ist, schließlich befinden wir uns in Zeiten der Krise. Sparsamkeit, Bodenständigkeit und Zurückhaltung mögen Motive für das erneute Tragen des 2008er-Kleides gewesen sein. Vielleicht dachte sich Merkel aber auch, dass die Bayreuther Festspiele und insbesondere „Der fliegende Holländer“ dieses Jahr schon genug Aufmerksamkeit bekommen haben. Ihre Konsequenz: ein Kleid, das die Welt schon kennt. Die Konsequenz wiederum daraus: ein gesteigertes Interesse an eben diesem Kleid.
Irgendwie kann man sich nicht vorstellen, dass Merkel nicht damit gerechnet hatte. Denn so stand sie im Rampenlicht, ohne den Eindruck zu erwecken, dort überhaupt sein zu wollen. Politisches und modisches Kalkül – voll aufgegangen.
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