Anne-Marie Slaughter, bis vor kurzem Chefin von Hillary Clintons Planungsstab, ist enttäuscht. „Why women still can’t have it all“ heißt ihr Essay, der Anfang Juli im Magazin „The Atlantic” erschien. Darin beschreibt die 53-jährige, warum sie den Top-Job an der Seite von Clinton aufgegeben hat – nämlich, um sich mehr ihren beiden Söhne (einer davon heftig pubertierend) widmen zu können.
Von Topjob zu Topjob
Das alles wäre halb so spannend, würde Slaughter sich nicht selbst als Feministin bezeichnen und in ihrem Text bereits die wenig verständnisvollen Reaktionen anderer Feministinnen antizipieren. So ist denn auch ihr Essay wenig mehr als eine Verteidigungsschrift. Die Kernthese lässt sich schnell zusammenfassen: Frauen können eben nicht alles haben – es gilt, sich zwischen Kindern und Karriere zu entscheiden. Natürlich kann Slaughter nur für einen kleinen Prozentsatz von Frauen sprechen, nämlich weiße Karriere-Frauen, die über einen gut bezahlten Job verfügen und wenigstens die Wahl haben: Arbeiten oder nicht arbeiten, dieser Job oder der andere. Denn Clintons ehemalige Mitarbeiterin ist ja nicht zur Hausfrau mutiert. Sie arbeitet nun wieder als Professorin für Politikwissenschaft an der Elite-Universität Princeton – offenbar für sie ein Job, der sich besser mit dem Familienleben vereinbaren lässt. Für die große Mehrheit der Frauen ein eher unrealistisches Szenario, wer hat schon die Wahl zwischen zwei superinteressanten und hochbezahlten Stellen?
Über die Vereinbarungsproblematik kann nicht oft genug diskutiert werden und dass sich Slaughter in ihrer Position traut, klar Stellung zu beziehen, ist unbedingt begrüßenswert. Zwischen Übermutter von der Leyen („Ich bringe problemlos sieben Kinder und das Arbeitsministerium unter einen Hut“) und Neu-Mutter Kristina Schröder („Ich möchte kein Vorbild sein“) endlich eine intelligente, smarte Frau, die Klartext spricht. Das ist gut.
Feminismus ist Kampf
Weniger gut, sondern ziemlich schlecht, ist der restliche Teil des Essays. Und das liegt an Slaughters Verständnis von Feminismus. Schon der Titel „Why women still can’t have it all“ impliziert, „der“ Feminismus sei eine Art magische Formel, mit der frau alles bekommt, was sie sich wünscht. Wann bitte hatten Frauen denn alles? „Alles“, das scheint für Slaughter das selbstverständliche Nebeneinander von Kind und Karriere zu sein – hier hat der Feminismus sein Versprechen gebrochen: „Mir wurde immer mehr bewusst, dass die feministischen Überzeugungen, auf denen ich meine gesamte Karriere aufgebaut hatte, sich unter meinen Füßen verschoben“, schreibt Slaughter. Nun scheint ein Großteil ihrer feministischen Überzeugungen auf der Annahme zu basieren, der Feminismus hätte selbstverständlich dafür zu sorgen, dass Frauen bekommen, was sie wollen. Ihre ganze Generation, so Slaughter, hätte am feministischen Credo, mit dem sie aufwuchs, festgehalten – um die nächste Generation nicht hängen zu lassen. Alles umsonst, denn Slaughters dramatische Schlussfolgerung lautet: Die Work-Life-Balance, die der Feminismus-Zauberstab uns bescheren sollte, ist ein Mythos.
Mythisch mutet jedoch vielmehr die simplifizierende Art an, mit der die Professorin das komplexe Problem der Wahlfreiheit und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf eine Aussage runterbricht: Blame it on the feminism. Slaughter sieht sich selbst in der Rolle der mütterlichen Freundin, die der nachfolgenden Generation junger Frauen diese Hiobsbotschaft vorsichtig, aber unmissverständlich vermitteln muss. Diese armen, unwissenden Wesen glauben nämlich tatsächlich noch, sie könnten „alles“ haben. Ist Slaughter wirklich so naiv? Scheinbar ja, denn sie warnt die jungen Frauen von heute sogar noch, sich vor dem Ausspruch „Du kannst alles haben, nur nicht alles auf einmal“ in Acht zu nehmen. Warum genau, bleibt unklar. Vielleicht, weil diese Aussage realistisch wäre und Slaughters eigenen feministischen Überzeugungen widerspricht?
Brennende BHs
Problematisch an Slaughters Sicht ist vor allem eins: Die Emanzipation der Frau gilt für sie als abgeschlossen. Irgendwann, lang lang ist’s her, hat die Generation von Slaughters Mutter (die sogenannte „Zweite Welle“) für die Befreiung der Frau gekämpft und dafür ordentlich BHs verbrannt. Die nachfolgenden Frauen-Generationen können sich also entspannt zurücklehnen und dieses „alles“, was der Feminismus ihnen verschafft hat, genießen. Falsch. Es schwingt in Slaughters Text mit, sie selbst scheint sich dessen aber nicht bewusst zu sein: Feminismus war und ist vor allem ein unbequemer Kampf. Ein Kampf, in dem Positionen angesichts sich wechselnder Lebensrealitäten immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Das gilt insbesondere für die Vereinbarungsproblematik. Die betrifft ja nicht nur Frauen, sondern in zunehmendem Maße auch Männer.
Immerhin hat Slaughter erkannt, dass es nicht immer an den Frauen selbst liegt, wenn sie gegen gläserne Decken stoßen und selbstverständlich die Zuständigkeit für die Erziehungsarbeit zugeschoben bekommen. Gesellschaftliche Strukturen spielen eben eine nicht ganz unwichtige Rolle. Was Slaughter daraus ableitet, ist trotzdem falsch: Weil man selbst auf einige Dinge und Entwicklungen keinen Einfluss hat – für Slaughter synonym mit „Man kann nicht alles haben“ – muss man das eben so akzeptieren.
Karrierehindernis Familie
Ein Fazit, das schon fast höhnisch klingt angesichts der Tatsache, dass für Slaughter dieses „Akzeptieren“ darin besteht, von einem hochdotierten Job in den nächsten zu wechseln. Zumindest in Deutschland dürfte heute jeder (jungen) Frau bewusst sein, dass Karriere meist mit Abstrichen verbunden ist, zumal die unzureichende Anzahl an Kita-Plätzen eine wirkliche Wahlfreiheit und Vereinbarkeit von Familie und Job nahezu unmöglich macht. Slaughter fasst das in einem Antwort-Artikel-, den zu schreiben sie sich in Folge der weltweiten Reaktionen auf ihren Essay bemüßigt fühlte, in der bahnbrechenden Erkenntnis zusammen: „Wenn ‚eine Familie haben‘ immer noch ein Karrierehindernis für Frauen ist, nicht aber für Männer, dann ist auch das ein Thema der Frauenrechte (und damit Menschenrechte).“ Warum ist darauf bloß noch nie jemand gekommen?
Es ist schade, dass Anne-Marie Slaughter scheinbar jahrzehntelang einem falsch verstandenen Feminismus anhing. Denn – Überraschung! – auch der Feminismus kennt nicht die eine, wahre Formel, um sämtliche Probleme der Gleichstellung verschwinden zu lassen. Das feministische Versprechen, an das Slaughter so lange glaubte: Hat es in dieser Form nie gegeben.
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