Deutschland droht der ökonomische Selbstmord. Jacques Attali

„Es zählt nur, was die Eltern gemacht haben“

Deutschland mutiert zur „Erbenrepublik“, warnt Julia Friedrichs. Ein ungerechtes Land mit einer gelähmten Gesellschaft. Die Autorin spricht mit Marie Löwenstein über soziale Ungerechtigkeit und das Potenzial der Erbschaftsteuer, diese zu beseitigen.

The European: Im nächsten Jahrzehnt werden die Deutschen so viel vererben wie nie zuvor in der Bundesrepublik. Wie kommt das?
Friedrichs: Das Vermögen, das im Wirtschaftswunder erwirtschaftet wurde, wird jetzt an die nächste Generation weiter vererbt. Nach 1945 hatten die wenigsten noch viel zu vererben, die Weltkriege hatten die Karten neu gemischt. Eine sehr egalitäre Gesellschaft entstand. Aber seit den 1980er-Jahren steigt die Vermögenskonzentration wieder an. Heute wird damit gerechnet, dass – je nach Studie – 10 Prozent der Bevölkerung zwischen 60 und 75 Prozent des Gesamtvermögens besitzen.

The European: Warum haben Sie begonnen, sich mit dem Erben zu beschäftigen?
Friedrichs: Durch einen persönlichen Aha-Moment. Ich habe in Dortmund mit Leuten aus dem ganzen Land studiert. Den familiären Hintergrund meiner Freunde kannte ich nicht. Allen ging es recht gut, aber niemand wirkte unwahrscheinlich wohlhabend. Die entscheidende Frage für den späteren Wohlstand schien zu sein, welchen Job man findet und wie viel man da verdient …

The European: Ein Trugschluss?
Friedrichs: Als die Ersten anfingen, Kinder zu bekommen, kauften manche plötzlich Eigentumswohnungen für eine halbe Million Euro. Das konnten sie unmöglich von ihrem Lohn bezahlen. Wenn ich nachgefragt habe, hörte ich: Es ist ein Erbe, es ist eine Schenkung. Da war plötzlich ein Trennfaktor, mit dem keiner gerechnet hatte. Es zählt nicht, wer welchen Job macht, sondern, was dessen Eltern gemacht haben.

The European: Wo wirkt sich das Erben oder Nichterben noch aus?
Friedrichs: Ganz stark beim Berufseinstieg. In bestimmten Bereichen – zum Beispiel in der Kreativbranche – erwartet man ganz selbstverständlich, dass man erst mal gratis arbeitet, internationale Praktika macht, und sich mit niedrigen Einstiegslöhnen zufrieden gibt. Ohne die monatliche Überweisung der Eltern würde das bei vielen nicht gehen.

The European: … das hat ja im Prinzip erst mal nichts mit Erben zu tun.
Friedrichs: Doch. Schenkungen gehören zum Erben und gerade dieser Bereich nimmt stark zu. Viele unterstützen ihre Kinder schon zu Lebzeiten massiv.

„Ein Sicherheitsnetz, das andere nicht hatten“

The European: Sie haben etliche Erben für Ihr Buch interviewt. Wie schildern die ihre Seite der Medaille?
Friedrichs: Viele erzählten, dass ihnen das Geld bei wichtigen Lebensentscheidungen eine größere Leichtigkeit verliehen hat. Es war ein Sicherheitsnetz, das andere nicht hatten. Sie konnten früher eine Familie gründen, den Wunschberuf ergreifen oder eine Geschäftsidee verwirklichen. Das gönnt man ihnen. Aber eigentlich sollte das auch dem offenstehen, der nicht erbt.

’The European: Viele Erben übernehmen doch gesellschaftliche Verantwortung. Kann der Staat mit dem Geld wirklich besser umgehen?
Friedrichs: Ich sage nicht, dass der Staat das Geld unbedingt einsacken muss. Die Leute könnten es spenden. Aber im Gegensatz zu etwa den USA ist dieses freiwillige Engagement hier sehr gering. Bei unter zehn Prozent der Erbschaften werden größere Summen gespendet oder gestiftet.

The European: Und die Erbschaftsteuer wird das ändern?
Friedrichs: Ich glaube schon. In Großbritannien ist die Steuer zum Beispiel sehr hoch. Die Menschen wissen, der Staat holt sich das Geld eh. Sie überlegen also vorher, welchen Zweck sie mit ihrem Geld unterstützen wollen. In Deutschland gibt es diesen Druck nicht.

The European: Familienstreitigkeiten, Druck, Antriebslosigkeit: In Ihrem Buch sprechen Sie von der „Last des Geldes“. Kann eine Steuer die Erben davon befreien?
Friedrichs: Komischerweise haben mir zahlreiche Erben gesagt, dass sie gerne gezwungen worden wären, etwas abzugeben. Dass sie dann mehr mit dem Geld im Reinen wären. Freiwillig fällt es natürlich nicht so leicht, sich davon zu trennen. Ich habe etliche getroffen, wo ich dachte: „Die beneide ich gar nicht.“ Ich habe gemerkt, dass Erbe Last sein kann, weil es die ältere Generation sehr mächtig macht. Große Erwartungen, Forderungen – das ruft oftmals Versagensängste hervor.

The European: Was wäre die Alternative?
Friedrichs: Ich finde die Haltung vom Gründer der Drogeriekette DM, Götz Werner, eigentlich ganz sympathisch. Er sagt: „Ich bringe mein Geld in eine Stiftung ein. Dann haben meine Kinder die Freiheit, ihr Leben selber zu gestalten.“ Ob Erben träge macht, oder die Menschen letztlich einschränkt, wird in Deutschland zu wenig diskutiert.

„Eine gelähmte Gesellschaft erscheint plausibel“

The European: Sie warnen in Ihrem Buch vor einer „Erbenrepublik“. Wie würde die aussehen?
Friedrichs: Es wird eine Schicht der Erben geben, die von Anfang an sehr viel hat und von ihren Kapitalerträgen leben kann. Alle anderen, die nur ihren Fleiß und ihr Talent einsetzen können, werden es dagegen schwerer haben, sich ein Vermögen aufzubauen.

The European: Was macht es so schwer?
Friedrichs: Die niedrigen Löhne und dass man durch die Niedrigzinsen das Ersparte kaum vermehren kann. Aber auch der Staat setzt die falschen Anreize. Momentan belastet er die Arbeit mehr als das Vermögen. Er sagt nicht: „Leute, strengt euch an, riskiert was, werdet dadurch reich.“ Sondern: „Werdet in die richtige Familie geboren oder heiratet reich. Das ist der Weg zu Wohlstand.“

„Die Demokratie braucht das Versprechen, dass jeder es zu Wohlstand bringen kann“

The European: Was bedeutet das für unsere Demokratie?
Friedrichs: Ländervergleiche zeigen, dass bei Ungleichheit das Vertrauen in die Institutionen und die Wahlbeteiligung bei den unteren Schichten sinkt, während die Sehnsucht nach einfachen Antworten steigt. Es macht das System fragiler. Offensichtlich braucht die Demokratie eben doch dieses Versprechen, dass jeder, der sich anstrengt, es irgendwie zu Wohlstand bringen kann.

The European: Was sagt die Wissenschaft dazu?
Friedrichs: Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty prophezeit einen Aufruhr, eine Revolte der Nicht-Erben. Ich kann mir das für Deutschland momentan nicht vorstellen. Prognosen, die voraussagen, dass es eher eine undynamische, gelähmte Gesellschaft sein wird, erscheinen mir plausibler.

The European: Selbst Menschen, die nichts erben, sind mehrheitlich gegen die Erbschaftsteuer. Warum?
Friedrichs: Es ist eine Art schiefer Solidarisierungseffekt. Wir Deutschen betrachten unser Vermögen als Familienangelegenheit, in die sich der Staat nicht einzumischen hat. Die Geschichte wird aus der Sicht des Erblassers erzählt. Nach dem Motto: Es geht doch niemanden etwas an, wem ich mein Geld gebe.

The European: Spielt Unwissenheit bei der Ablehnung der Steuer eine Rolle?
Friedrichs: Auf jeden Fall. Die Menschen denken, sie wären betroffen, sind es aber nicht. In der Debatte wird ja immer Omas kleines Häuschen bemüht, das man versteuern müsste. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Es geht vielmehr um riesige Unternehmensverbünde und Immobilienbesitze, die weit mehr sind als ein Häuschen.

The European: Damit jemand erben kann, muss in der Regel jemand sterben. Die Debatte ist sehr emotional aufgeladen. Könnte eine Vermögensteuer zu Lebzeiten das umschiffen?
Friedrichs: Die Vermögensteuer hat den Nachteil, dass man permanent das Vermögen der Leute bestimmen muss. Das ist wahnsinnig bürokratisch. Außerdem ist der Moment der Erbschaft auch der organischste für eine Umverteilung, weil das Vermögen dann den Besitzer wechselt. Ich finde es total legitim, dass jemand, der etwas aufgebaut hat, seinen Besitz auch genießen kann. Nur gibt es keinen Grund, warum seine Kinder dann auch reich starten sollten.

„Die ‚Dummensteuer‘ zahlt nur, wer nicht bis drei zählen kann“

The European: Warum reicht die jetzige Erbschaftsteuer nicht aus?
Friedrichs: Sie wird ja gar nicht vollzogen. Sie ist eine „Dummensteuer“, die wirklich nur der zahlt, der nicht bis drei zählen kann. Firmenerben müssen zum Beispiel so gut wie keine Steuern zahlen. Deswegen hat das Bundesverfassungsgericht die Steuer ja auch kassiert. Aber auch bei Privatvermögen gibt es viele Möglichkeiten, die Steuer zu umgehen – indem man sein Geld in eine eigens gegründete Firma einbringt oder die Freibeträge für Schenkungen schlau ausschöpft. Wenn man das klug staffelt, kann man seinen Kindern eine gute Million komplett steuerfrei hinterlassen.

The European: Finanzminister Schäuble schlägt vor, dass Firmenerben die Erbschaftsteuer notfalls aus ihrem Privatvermögen zahlen müssen. Eine gute Idee?
Friedrichs: Die Firmen argumentieren, dass sie von der Steuer verschont werden müssen, weil sonst Arbeitsplätze gefährdet sind. Schäuble will deswegen prüfen, ob die Steuer nicht auch aus dem Privatvermögen gezahlt werden kann, damit die Firma gar nicht erst angegriffen wird. Eine sogenannte Bedürfnisprüfung. Das finde ich vom Prinzip her gut.

The European: Die Firmenerben sehen das anders …
Friedrichs: Wer steuerlich bevorzugt werden will, muss das begründen können. Das ist ja wohl eine Minimalforderung. Außerdem: Der Gesetzgeber folgt den Vorgaben des Verfassungsgerichts.

The European: Die Erbschaftsteuer ist sehr kontrovers, kann man sie überhaupt gerecht, also verfassungsgemäß gestalten?
Friedrichs: Natürlich, wenn der politische Wille da wäre. Aber die Krux ist, dass die Politik die Steuer so gering wie möglich halten will und jeder für seine Klientel Ausnahmen einbaut.

The European: Was ist Ihre Prognose: Geht Schäubles Reform durch?
Friedrichs: Er wird von seinem Vorschlag wohl nicht abrücken. Die Bundesregierung hat kein Interesse, dass die Steuer ein viertes Mal gekippt wird. Ich war bei dem Verfahren dabei. Man hat gemerkt, dass die Verfassungsrichter genervt waren. Deswegen ist jetzt der Wille da, das zumindest formal richtig zu lösen.

„Die Westdeutschen haben stark von einer historischen Glückszeit profitiert“

The European: In manchen Bundesländern wird mehr vererbt als in anderen. Sollte die Steuer regional geregelt sein, wie Markus Söder es fordert?
Friedrichs: Das fände ich absurd. Es würde die Gerechtigkeitsprobleme der Steuer nicht lösen. Reiche Bundesländer würden sagen, wir verschonen unsere Erben und die Ostdeutschen sollen sehen, wo sie bleiben.

The European: Gibt es ein Ost-West-Problem?
Friedrichs: Die Ostdeutschen konnten jahrzehntelang kein Vermögen aufbauen und haben so wenig zu vererben. Deswegen konnte Ostdeutschland seinen Rückstand in den vergangenen Jahren kaum verringern. Es ist eben nicht nur von der eigenen Leistung abhängig, was man zu vererben hat, sondern auch von historischen Glücksfällen. Die Westdeutschen haben stark von einer historischen Glückszeit profitiert. Jetzt sagen sie: „Das hab ich allein geschafft, das gehört mir. Fertig.“ Ich würde mir wünschen, dass aus diesem Glück größere Solidarität erwachsen würde.

The European: Was würden Sie denn tun, wenn Sie heute eine große Erbschaft bekämen?
Friedrichs: Während der Recherche für mein Buch habe ich immer wieder darüber nachgedacht – ohne Ergebnis. Ich weiß nicht, ob ich eine Erbschaft verprassen, spenden oder mich darüber mit meinem Bruder zerstreiten würde. Das ist für mich so hypothetisch wie ein Lottogewinn.

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