Die Generation Y ist sehr pragmatisch und ideologiefrei. Kerstin Bund

„Wir unterstützen Aktivisten, denen Geld fehlt oder der nötige Mut“

Julia Butterfly Hill saß zwei Jahre lang ununterbrochen auf einem 600 Jahre alten kalifornischen Küstenmammutbaum. Am 10. Dezember 1997 bestieg sie den Baum-Methusalem, lebte dort für 738 Tage auf zwei kleinen Holzplattformen in 60 Meter Höhe. Mit ihrer Aktion rettete die Veganerin nicht nur den Baum, sondern auch den Wald vor dem Zugriff der Firma Pacific Lumber. Das Gespräch führte Benno Müchler

The European: Julia, Du hast zwei Jahre lang auf einem Baum gesessen. Hast Du Dich nicht furchtbar gelangweilt?
Hill: Nein. Die Leute denken immer, ich hätte da oben nur dumm rumgesessen und den Vögeln beim Singen zugehört. In Wahrheit musste ich mich aber gegen aggressive Holzfäller wehren, den härtesten Winter in der Geschichte Kaliforniens durchstehen und dazu habe ich etliche Interviews gegeben und eine ganze Spendenkampagne von dort oben gefahren.

The European: Als Du auf den Baum geklettert bist, warst Du 23 Jahre alt. Musstest Du nicht studieren oder in die Lehre gehen oder irgendetwas anderes machen, was junge Leute eben in diesem Alter so machen?
Hill: Damals war ich mit dem Studium schon lange fertig. Mit 16 hatte ich bereits Kurse am College besucht. Nach einem Abschluss in Management hab ich mit 18 mein eigenes Restaurant eröffnet. Ich war ziemlich erfolgreich zu dieser Zeit.

The European: Du hast mit dem Restaurant sehr viel Geld verdient. Bei dieser strammen, steilen Karriere, wie passt da die Baumbesetzung hinein?
Hill: Mit 23 war ich nicht mehr der Mensch, der ich mit 18 war. Ich hatte einen fürchterlichen Autounfall hinter mir. Ein Betrunkener war frontal in mich hineingefahren und hatte mich lebensgefährlich am Kopf verletzt. Während der einjährigen Genesung habe ich sehr viel nachgedacht. Mir war klar geworden, dass Geld nichts ist, wenn man nicht lebt. Ich hatte bis dahin so viel gearbeitet, weil ich der Armut entkommen wollte, die ich als Kind durchlebt hatte. Wir waren so arm, wir mussten bei anderen Leuten sogar den Rasen mähen. Während der Genesung ging ich sehr viel spazieren. Eines Tages stand ich vor diesem riesigen Wald von Mammutbäumen. Ich war fasziniert. Doch dann sah ich plötzlich, dass Holzfäller dabei waren, den Wald zu roden und einen großen Schaden für die Natur und ein naheliegendes Dorf anzurichten.

The European: Was hast Du dann gemacht?
Hill: Ich habe versucht, Freiwillige zu finden. Aber ich merkte schnell, dass mir niemand helfen wollte. Nach zwei ersten kurzen Sitzaktionen konnte ich andere Aktivisten motivieren. Doch der Winter brach herein und sie wollten nach Hause und zu ihren Familien ins Warme. Es war kurz vor Weihnachten. So beschloss ich, für längere Zeit einen Baum alleine zu besetzen, eigentlich nur für drei Wochen, doch dann blieb ich ganz.

The European: Wie hast Du Dich da oben eigentlich ernährt? Und wie bist Du überhaupt aufs Klo gegangen?
Hill: Mein Team versorgte mich die ganze Zeit über mit Essen. Meine Toilette war ein Eimer.

The European: Zwei Jahre lang im Freien, kaum Bewegung, dazu hab ich gehört, bist Du Veganer. Warst Du am Ende nicht unheimlich schwach?
Hill: Ja, doch. Auch die erfrorenen Finger und Zehen waren nicht schön. Das Schlimmste war aber, dass die Holzfirma eines Tages begann, die herumliegenden Äste auf dem Boden mit Diesel-Öl wegzubrennen, um besser arbeiten zu können. Die giftigen Dämpfe waren sehr schmerzvoll in Lunge und Augen.

The European: Woher kommt eigentlich Dein zweiter Vorname “Butterfly”?
Hill: Als Kind war ich einmal mit meiner Familie wandern. Ein Schmetterling setzte sich auf meine Hand und flog erst nach Stunden wieder weg. Das war die Geburt von Butterfly. Das glaubt mir zwar keiner. Aber so war es wirklich.

The European: 2006 hast Du die Organisation “What’s your tree!” gegründet. Euer Ziel klingt echt klasse: “Wir wollen ein internationales Netzwerk gründen, das die Welt heilt.” Wie macht Ihr das?
Hill: Wir unterstützen Aktivisten, die auf lokaler Ebene Aktionen durchführen wollen, denen aber das Geld fehlt oder der nötige Mut. Wir finanzieren sie und reden mit ihnen, schauen, wo ihre Stärken liegen und versuchen dann, dass sie länger aktiv bleiben als nur punktuell, um sich gut zu fühlen.

The European: Gerade wird ein Hollywood-Film über Dich gedreht. Lisa Simpson kletterte auf einen Baum nahe Springfield. Wie fühlt es sich an, berühmt zu sein?
Hill: Das ist immer noch seltsam für mich. Der Grund, warum ich es so gut auf dem Baum ausgehalten habe, war ja, dass ich ein Mensch bin, der gerne alleine ist.

The European: Die Politik sorgt sich heute um die Umwelt. Die Wirtschaft wirtschaftet zunehmend grün. Ist Umweltaktionismus überflüssig geworden?
Hill: Ich finde es positiv, dass sich die Leute ihrer Umwelt heute deutlich bewusster sind. Aber sparsame Autos und Energiesparlampen zu kaufen, reicht alleine nicht aus.

The European: Also brauchen wir weiterhin mehr Aktionismus. Aber gibt es den überhaupt?
Hill: Doch, den gibt es und zwar sehr stark auf lokaler Ebene. Man sieht ihn vielleicht nicht, aber er ist sehr viel stärker und effektiver als vor zehn Jahren. Auch wenn es unrealistisch ist, dass wir die Welt von heute auf morgen ändern, dürfen wir nicht aufhören zu handeln. Ich will in einer besseren Welt Leben. Und deswegen handele ich weiter.

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