Arbeit bedeutet auch Selbstverwirklichung. Norbert Blüm

„Wer Verschwörungstheorie sagt, fordert Denkverbote“

Über die Schriftstellerin Juli Zeh wird viel geschrieben und gleichzeitig nutzt sie die Medien für ihre politische Arbeit. Mit Florian Guckelsberger spricht sie über Paranoia, Herdenverhalten und die deutsche Presselandschaft.

The European: Frau Zeh, vor wenigen Wochen feierte Ihr Theaterstück „Mutti“ Premiere, in dem es ganz unverhohlen um die Kanzlerin geht. Haben Sie das Gefühl, dass auch in der echten Politik nach Drehbuch gearbeitet wird?
Zeh: Frau Merkel folgt einem gewissen Plan, aber von einem Drehbuch würde ich nicht sprechen, da sie keinen dramaturgischen Gesetzen folgt. Ich glaube aber, dass sie sich weniger vom Input leiten lässt – also dem, was gerade so passiert –, sondern eine gewisse Strategie verfolgt. Man könnte sagen, Merkel operiert skripttreu.

The European: Für viele Leser großer Nachrichtenseiten ist Politik tatsächlich ein abgekartetes Spiel, bei dem im Hintergrund die Strippen gezogen werden und der Bundestag lediglich eine Theaterbühne ist. Woraus speist sich diese Verdrossenheit in den Kommentarspalten?
Zeh: Ich kann verstehen, dass solch ein Eindruck entsteht. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Medien nicht gut genug erklären, wie Entscheidungsfindung in einer parlamentarischen Demokratie funktioniert. Faktisch geht dieses Lamento aber an den wahren Problemen vorbei. Natürlich kann man darüber streiten, ob in manchen Bereichen Entdemokratisierung droht, etwa beim geplanten Abschluss des Freihandelsabkommens. Aber der allgemeine, nach Stammtisch klingende Vorwurf, wir würden lediglich eine Theatervorstellung präsentiert bekommen, beschreibt die Realität nicht.

The European: Wo informieren Sie sich, wenn Sie mit einer neuen Entwicklung im politischen Tagesgeschäft konfrontiert werden?
Zeh: Im Internet, wie die meisten Menschen. Ich nutze die Möglichkeiten, die wir heute haben, um möglichst vielfältige und vielschichtige Informationen zu bekommen – ob in Foren, Fernsehbeiträgen, Nachrichtenseiten oder sozialen Medien. Dann steht man in der Pflicht, selber zu fragen: Was habe ich da gelesen? Was setzt sich da für ein Bild zusammen? Das ist für mich ein intuitiver, weniger rational gesteuerter Prozess.

The European: Im Zuge der Krise in der Ukraine wird deutschen Journalisten immer wieder vorgeworfen, sie würden zur System-Presse gehören und ihre Berichte seien propagandistisch. Wie schätzen Sie die deutsche Berichterstattung im Allgemeinen ein?
Zeh: Im Vergleich zu anderen Ländern ist die deutsche Presselandschaft einzigartig gut. Sowohl in der Vielfalt als auch in der Qualität. Trotzdem sind die Leser, also wir, natürlich kritisch und behaupten, früher wäre das Niveau höher, die Recherche gründlicher und die Reportage länger gewesen. Das mag stimmen, dennoch können wir zufrieden sein. Wir werden gut informiert.

The European: Aber?
Zeh: Es ist auch die Verantwortung eines jeden Einzelnen, nach Quellen zu suchen. Informationen sind nur bedingt als Konsumgut geeignet, werden aber heute so betrachtet. Eigentlich wollen wir bequem zu Hause sitzen und alles serviert bekommen und wundern uns dann, wenn wir Einheitsbrei auf den Teller bekommen. Es ist eben anstrengend, sich umfangreich zu informieren. Man muss vielleicht auch mal ein Buch lesen und nicht nur „Spiegel Online“.

The European: Und wo hapert es?
Zeh: Es gibt Lücken in der Berichterstattung, wenn bestimmte Themen einfach nicht mehr auftauchen oder zu wenig beachtet werden. Es gibt da eine Neigung zum Herdenverhalten. Erst werden Themen gehyped und später wieder gedowned. Dinge werden so auch weggemacht.

„Ich habe jede Obstkiste genutzt, die man mir hingestellt hat“

The European: Sie verteidigen mit Herzblut die digitalen Bürgerrechte. Verstehe ich Sie richtig, dass mit diesen Rechten auch Pflichten korrespondieren, etwa die Pflicht, das Netz und den resultierenden Zugang zu Millionen von Quellen auch vernünftig zu nutzen, um sich zu informieren?
Zeh: Natürlich ist das wichtig. Viele Menschen machen das ja auch bereits. Generell finde ich es aber schwierig, verpflichtende Erwartungen an die Gesamtbevölkerung zu formulieren. Eine Gesellschaft mündiger Bürger ist ein Wunsch, aber keine Realität. Viele Menschen haben keine Lust oder glauben, keine Zeit zu haben, um sich ausreichend zu informieren. Das muss man respektieren, Bildung und politische Teilhabe sind nur ein Angebot.

The European: Es bleibt also beim frommen Wunsch.
Zeh: Wir operieren mit Fluchtpunkten, um die Richtung zu bestimmen. Gleichzeitig müssen wir aber realistisch bleiben und im Hinterkopf behalten, dass der Fluchtpunkt nicht erreichbar ist. Das ist kein Scheitern, sondern liegt in der Natur der Sache. Wir streben nach einer Utopie.

The European: Wer nach den Sternen greift, kommt zumindest bis zur Sonne?
Zeh: Genau. Aber nicht nur der Weg ist das Ziel, es geht schon darum, konkrete Dinge zu erreichen auf diesem Weg. In den letzten hundert Jahren haben wir doch erlebt, dass die totale Durchsetzung eines Ziels, egal welches, immer ins Verderben führt. In diesem Sinne sind Teilerfolge die wahren Erfolge.

The European: Sie schreiben seit Neustem an prominenter Stelle Meinungsbeiträge für den gedruckten „Spiegel“. Was reizt Sie an dieser Bühne und wofür wollen Sie sie nutzen?
Zeh: Im letzten Jahr habe ich jede Obstkiste, die man mir hingestellt hat, genutzt, um fast schon aktivistisch meine Meinung zur systematischen Überwachung herunter zu schreien. Ich habe fast nur noch über dieses Thema gesprochen und geschrieben. Jetzt möchte ich mich politisch wieder öffnen. Digitale Bürgerrechte werden mir zwar weiter am Herzen liegen, aber in der Kolumne möchte ich den Blick wieder weiten, die selbst auferlegte Verengung lockern.

The European: Weshalb?
Zeh: Man muss aufpassen, nicht in einer Meinungsroutine zu erstarren, sondern den Blick auch bewusst auf andere Fragen richten. Schnell passiert es, dass man nur noch selektiv wahrnimmt und das Gefühl hat, es gäbe nichts anderes mehr. Dann bekommt es etwas Wahnhaftes.

The European: Im März wurden Sie mit dem Hoffmann-von-Fallersleben-Preis ausgezeichnet. Die Jury begründete dies unter anderem damit, dass Ihr Werk „Fragen nach Verantwortung in Zeiten ohne Orientierung“ stelle. Ist Ihre politische und journalistische Arbeit die Antwort auf die Frage nach der Verantwortung?
Zeh: Ja. Ich bilde mir ein, ich hätte eine gute Balance aus Freiheit und Verantwortung gefunden. Ob es mir gelingt, das anderen Leuten zu vermitteln, kann ich nicht sagen, da ich ja keine pädagogische oder didaktische Arbeit leiste. Aber vielleicht passiert es ja trotzdem, ab und an erhalte ich solches Feedback. Allein wenn man sich selber für bestimmte Prinzipien entscheidet und dafür öffentlich einsteht, flößt man Menschen Mut ein.

The European: Wie charakterisieren Sie diese „Zeiten ohne Orientierung“?
Zeh: Positiv, weil sie die direkte Folge der Abschaffung alter und über-individueller Orientierungssysteme sind. Das waren religiöse, vaterländisch oder familiär geprägte Vorschriften, die das Leben lenkten. Wir haben diese Weltbilder dekonstruiert, weil wir uns nach Freiheit und Eigenverantwortung sehnen. Ich will diese Entwicklung nicht dramatisieren, aber jeder muss überlegen, wohin sein Weg gehen soll. Wir müssen begreifen, dass es auch überhaupt nicht nötig ist, etwas von außen vorgegeben zu bekommen. Wir tragen alles in uns.

The European: Sie sprechen immer wieder auch von einem notwendigen Bewusstseinswandel. Ich habe das Gefühl, wenig ist so umkämpft wie das Bewusstsein der Menschen.
Zeh: Ich will keine Teilnehmerin im Kampf um das Bewusstsein sein. Da wittere ich sofort volkserzieherische Bestrebungen, muss aber zugeben, dass jedes politische Engagement auch auf die Auslösung solcher Prozesse baut. In meinem Fall also, dass die Leute irgendwann kapieren, warum digitale Bürgerrechte so wichtig sind. Am liebsten hätte man Hebel,
die einen Mentalitätswechsel einleiten könnten. Aber wenn ich ein wenig davon Abstand nehme, will ich mit dem Gesamtbewusstsein nichts zu tun haben, das ist mir viel zu gefährlich.

The European: Aber jede Aufklärung hat per Definition eine didaktische Herangehensweise. Komplexe Zusammenhänge müssen doch notwendigerweise zu mundgerechten Häppchen verdichtet werden.
Zeh: Wahrscheinlich. Allein die Aufbereitung ist ja ein pädagogischer Akt. Aber es macht auch einen Unterschied, ob das Ziel ein bloßes Verständlichmachen der Materie ist, oder ein bestimmter Bewusstseinsschritt. Wer politisch aktiv ist, will Letzteres natürlich immer, sonst bräuchte er ja gar nicht erst in den Kampf zu ziehen. Mir macht dieser Umstand aber auch Angst, weil mir sehr bewusst ist, dass auch die besten Absichten zu schrecklichen Ergebnissen
führen können.

„Nur mit Gedankenspielen kommen wir der Wahrheit kritisch nahe“

The European: Befürchten Sie, durch Ihre herausgehobene Position und Ihr politisches Engagement zu einer Art Ikone geworden zu sein?
Zeh: Edward Snowden ist eine Ikone, weil er etwas gemacht hat, das strukturell eine Heldentat ist – egal ob man ihn für einen Märtyrer oder einen Verräter hält. Den Regeln der aristotelischen Dramatik folgend, hat er für ein bestimmtes Ziel sein Leben aufgegeben. Damit geht eine unausweichliche Tragik einher, denn er hat es mit dem Schicksal aufgenommen. Ich bin eher der Ochse vorm Pflug – weniger auffällig und weniger glamourös – das ist eine Fleißarbeit und reicht nicht zum Ikonentum. Dafür würde ich mich auch überhaupt nicht eignen, denn für das, was Snowden getan hat, fehlt mir der Mut.

The European: Und Ihre Kritiker, haben die Ihnen schon mal Paranoia vorgeworfen, wenn Sie vor dem Big Brother warnen?
Zeh: Früher ständig, heute nicht mehr. Vor Snowden war ich es gewohnt, Hysterikerin genannt zu werden – ein auf Frauen zugeschnittener Vorwurf. Es gab diese „So schlimm wird es schon nicht sein“-Haltung. Die Zeichen waren da, die technischen Möglichkeiten waren ja bekannt, es fehlten nur die Beweise. Auch wenn sich die Erkenntnis nicht unbedingt in Handlung übersetzt: Diesen Bewusstseinsschritt haben wir vollzogen. Ich bin immer wieder überrascht, wer sich auf einmal für dieses Thema interessiert.

The European: Wem vorgehalten wird, er sei Paranoiker, wird oft auch als Verschwörungstheoretiker verunglimpft. Was halten Sie von solchen Vorwürfen?
Zeh: Das ist eine völlig unpassende Formulierung, die meistens als Totschlagargument benutzt wird, um jemanden mundtot zu machen. Selbst wenn jemand nicht recht hat mit seiner Vermutung, so war es doch trotzdem ein kreativer Ansatz. Nur mit Gedankenspielen kommen wir der Wahrheit kritisch nahe. Warum sollen manche Gedanken unzulässig sein? Wer Verschwörungstheorie sagt, fordert Denkverbote.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Susie Orbach: „Zwanghaftes Training ist das Gleiche wie Esssucht“

Cover32014

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 3/2014.

Darin geht es u.a. die Deutsche Debatten-Kultur: Was man wohl noch so sagen darf, fragen wir u.a. Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann. Weitere Debatten: Der globale Infokrieg, die Energiewende und der Klimawandel, der deutsche Glaube an den Staat, die Angst vor der Technik sowie der Kampf um den perfekten Körper. Dazu Gespräche mit Juli Zeh, Winfried Kretschmann, Christian Lindner, Peter Singer und David Lynch.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Medien, Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit

Kolumne

Medium_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
30.11.2012

Gespräch

Medium_d78e1d16f3

Debatte

Das Ende der Informationsfreiheit

Medium_452fa851b9

Wikileaks sät Wind, wir ernten Sturm

Die von Julian Assange mitgegründete Seite Wikileaks wird von vielen Politikern als Gefahr wahrgenommen, und demnächst werden auch Banken und Medienhäuser Interna im Internet wiederfinden. Doch es ... weiterlesen

Medium_a1381564e7
von Sahar el-Nadi
18.01.2011
meistgelesen / meistkommentiert