Ich bin kein Pazifist. Egon Bahr

Warum können wir nicht mehr lieben?

Einsamkeit ist die Krankheit des 21. Jahrhunderts. Aber warum? Wir passen einfach nicht mehr zueinander. Das, was uns Menschen verband, scheint mehr und mehr zu schwinden. Wie in einem Puzzle sollten sich zwei Menschen finden, feststellen, dass ihre Einkerbungen aufeinander abgestimmt sind und zusammen ein Bild ergeben. Das klappt nicht mehr.

Durch die Liebe möchten wir uns vervollständigen. Wir möchten das passende Teilchen finden, welches uns ergänzt. Doch das ist keine leichte Aufgabe.

Erinnert ihr euch noch an das Gefühl, in einem schier unlösbaren Puzzle ein passendes Paar zu finden? Hunderte blaue Teilchen, die irgendwann einen Himmel ergeben sollten, können einen schnell zur Verzweiflung bringen.

Jedes einzelne Teil wird mit den anderen kombiniert, aber irgendwie passt nichts zusammen. Wir Menschen tun beim Dating im Grunde nichts anderes. Testen, ob wir zueinander passen. Trotz dem immer mehr Teilchen getestet werden, bleiben wir doch allein.

Einsamkeit ist die Krankheit des 21. Jahrhunderts. Aber warum? Wir passen einfach nicht mehr zueinander. Das, was uns Menschen verband, scheint mehr und mehr zu schwinden. Wie in einem Puzzle sollten sich zwei Menschen finden, feststellen, dass ihre Einkerbungen aufeinander abgestimmt sind und zusammen ein Bild ergeben. Das klappt nicht mehr.
Unsere Einkerbungen werden immer individueller. Was früher ein paar Ecken und Kanten waren, gleicht heute einem kunstvollen Gebilde. Wie soll man noch jemanden finden, der sich zumindest ansatzweise in unser persönliches Puzzle einfügt, wenn wir schon selbst nicht mehr erkennen, welches Bild am Ende aus uns werden soll? Wie man es auch dreht und wendet, irgendeine Ecke steht immer über.

Zusammenkleben erzeugt nur Sollbruchstellen

Die Möglichkeiten, die uns diese moderne Welt bietet, sind wie ein Fluch für die Liebe. Auslandsaufenthalte, aufregende Jobs und die schier unzähligen Wege, die uns offen stehen, schleifen breite Furchen in die früher noch glatte Oberfläche unseres Puzzlestücks.

Wir sind einzigartige Kunstwerke, die nebeneinander irgendwie komisch aussehen. Jeder steht für sich. Jeder steht allein und sieht dabei auch noch gut aus. Eine Gesellschaft voller Individualisten mag zwar aufregend und modern wirken, aber dort findet niemand mehr zueinander.

Man kann zwar versuchen, die einzelnen Teilchen zusammenzukleben, aber die dadurch entstehenden Sollbruchstellen machen es nur zu einer Frage der Zeit, bis die künstlich hergestellte Verbindung zerbricht.

Jede darauf folgende Trennung reißt eine weitere kleine Ecke aus unserer sowieso schon unebenen Umrandung. Wir werden zackig und verwandeln uns irgendwann in sternförmige Teilchen, die ein sich näherndes Objekt eher erstechen, als mit ihm eine Einheit bilden zu können.

Am Ende kommt genau das dabei raus, was wir jeden Tag um uns herum sehen können: Kaputte Puzzleteile, denen die Verbindungsstellen zu ihrem Gegenstück fehlen.

“Jemanden rund machen” bekommt eine neue Bedeutung

Wie bekommen wir unsere Ecken und Kanten, die liebesunfreundliche Umrandung, wieder rund? Reibung ist hier das Stichwort. Wie Sandpapier sollten wir uns aneinander aufreiben. Anstatt uns abschrecken zu lassen, müssen wir aufeinander zugehen.

Die Auseinandersetzungen mit den Furchen und Spitzen unseres Umfeldes sorgen dafür, dass nach und nach, mit jedem einzelnen “Sich-aufeinander-einlassen”, ein kleines Stück der Ecken verschwindet.

Da bekommt “jemanden rund machen” gleich eine viel positivere Bedeutung. Wir finden nicht zusammen, wenn wir uns weiter voneinander entfernen. Konfrontation, sich aufeinander zuzubewegen, ist das, was es braucht.

Dieser Text erschien zuerst auf juleblogt.de

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nadine Kuhnigk, Andreas Bartels, Wilhelm Schmid.

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