Früher spielten wir Deutschen „Rumpelfußball“ – heute begeistern unsere Jungs mit Technik und Mannschaftsgeist. Ein schönes Bild für unser Land. Unser Land ist in den letzten 60 Jahren bunter, moderner und europäischer geworden. Einzig „Bild” bleibt sich treu.
Heute geht es nicht mehr gegen Rudi Dutschke und die APO, nicht mehr gegen die bösen Kommunisten hinter der Mauer. Heute geht es gegen den faulen und undankbaren Griechen. Am Tag vor der Wahl in Griechenland vor einer Woche veröffentlicht „Bild” im Stile eines Erpresserbriefs einen Appell an die Griechen, auf keinen Fall die Partei zu wählen, der man viel vorhalten kann, aber eines nicht: für die aktuellen Probleme in Griechenland verantwortlich zu sein. Auf der Homepage wurde dieser Brief auch gleich auf Griechisch veröffentlicht – auf dass er seine Wirkung in Griechenland auch nicht verfehle.
„Bild“ bleibt sich treu
„Bild” offenbarte so ein chauvinistisches Imponiergehabe, das abschreckt und beschämt. Der Erpresserbrief – wählt rechts oder es gibt kein Geld mehr – hatte nur einen Effekt: Vorurteile und Hass gegen Deutschland zu stärken und damit den Zerfall der europäischen Solidarität zu befördern.
So bleibt „Bild” sich treu. In den 60er- und 70er-Jahren ein politisches Kampfblatt gegen die 68er versucht es sich heute als Verstärker eines rechten Populismus. Von den dabei angewandten Methoden können viele ein Lied singen – etwa die Angehörigen von Raimund Harmstorf, die Schauspieler Sibel Kekilli und Ottfried Fischer, aber auch zahlreiche Unbekannte, die sich nicht in gleicher Weise zur Wehr setzen konnten und können. Dass „Bild” auch nicht vor Fälschung zurückschreckte, wenn es ihr ins Konzept passt, musste ich selber erfahren.
2001, Kai Diekmann war erst wenige Wochen Chefredakteur, veröffentlichte „Bild” ein Foto von einer Demonstration in Göttingen aus dem Jahr 1994. Das Bild zeigt mich, umgeben von einigen Vermummten, denen die „Bild”-Redaktion mit einmontierten Pfeiletiketten einen Bolzenschneider und einen Schlagstock andichtete – aber nur in dem schwarz-weißen Bildausschnitt, den „Bild” abdruckte. Im unverfälschten farbigen Original, also ohne Beschneidung und Beschriftung, entpuppt sich der Schlagstock als harmloses Seil und der Bolzenschneider als die Stütze eines Dachgepäckträgers. Mit dieser unverfrorenen Bildmanipulation brachte es „Bild” sogar bis ins Bonner Haus der Geschichte – in eine Ausstellung mit dem schönen Titel „Bilder, die Lügen“.
Selbst ernanntes Sprachrohr des Mainstreams
Im Stil bleibt „Bild” seinem Anspruch treu, Politik nicht nur journalistisch zu beobachten und zu kommentieren, sondern selbst zu gestalten. Als selbst ernanntes Sprachrohr eines vermeintlichen Mainstreams, das seiner daraus folgenden Verantwortung aber nicht nachkommt. Und nicht zuletzt als Werbefläche für Produkte und Projekte mit Beteiligung des Axel-Springer-Verlags. Auch wenn Kai Diekmann heute mit seiner neuen Rechercheabteilung einen anderen Eindruck erwecken will: „Bild” operiert im Grenzbereich zwischen Journalismus, manifestem politischem Eigeninteresse und selbstreferenzieller PR. Das Blatt lebt von dem bewussten Verzicht auf Seriosität und von einem Überschuss an Populismus. Deshalb, finde ich, haben Hans Leyendecker und seine Kollegen von der „Süddeutschen Zeitung” gute Gründe für ihre Weigerung gehabt, sich mit Kollegen der „Bild”-Zeitung den Henri-Nannen-Preis zu teilen.
Heute ist „Bild” die lauteste Stimme, wenn es darum geht, Deutschland innerhalb der EU zu isolieren. Allerdings ohne die Konsequenzen zu benennen, ist doch ein gemeinsames Europa vor allem im Interesse Deutschlands. Auch vom Euro profitiert Deutschland wirtschaftlich am meisten. Entsprechend hätte ein Zerfall der Euro-Zone fatale Konsequenzen für unser Land – dazu von „Bild” kein Wort.
So bleibt auch zum 60. Geburtstag der von Axel Cäsar Springer für alle seine Redakteure geforderte Grundsatz unerfüllt, nämlich „das unbedingte Eintreten für den Rechtsstaat Deutschland … und die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas".
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